Shillong Expedition IV

Teile:
01.08.2016 09:43
Kategorie: Diverses

Entdeckung und Erstbetauchung eines neu gefundenen Wracks

Bericht von Herbert Gfrörer nach Angaben von Rene Heese

Rene Heese (alias diverhans) und sein Team sind von der vierten Expedition gesund und erfolgreich zurück. Zwei neue nennenswerte Entdeckungen haben sie auf ihrer Reise gemacht:

* eine Arbeitsplattform mit Kran und Bohrkopf  20km nördlich Ras Gharib nahe der Küste in 31 Metern Wassertiefe und
* den Fracht- und Passagierdampfer SS "San Juan" mit 3500 BRT und knapp 100 Metern Schiffslänge ebenfalls 20km nördlich Ras Gharib auf 62 Meter inmitten der Fahrrinne.

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Desweiteren hat das Team im Umkreis des "July-10 Oil Complex" Wrackreste (siehe Expedition Dezember 2015) gefunden; diese hörten sich nach Angaben von Fischern Erfolg versprechender an, als sie dann tatsächlich auf dem Sidescan- bzw. auf dem Downvisionsonar zu sehen waren. Akram, ein Mitarbeiter von Seawolf Safari, tätigte einen "Bounce" und bestätigte Heeses Annahme. Aufgrund des schlechter werdenden Wetters verholte die MY "Soul" zum Ende der Expedition einen Tag früher als geplant in das Gebiet des britischen Frachters SS "Thistlegorm" um das Areal - unter den Augen von sieben am Spot vertäut liegenden Safariyachten - weiträumig zu scannen.

Bisher hielten sich Gerüchte um mindestens ein weiteres Schiffswrack und um den vermeintlich abgeschossenen H111 Bomber. Diese kann der Teamleiter nun ausräumen: Bis auf sehr wenige kleinere Gegenstände am Meeresgrund war nichts auszumachen. Zudem regte Andi Häckler an das Gebiet der südlichen Sinai Küstenregion - östlich der Position der SS "Thistlegorm" - zu scannen, um neue und spektakuläre Drop-offs aufzuzeichnen. Das Team wurde fündig und markierte einige interessante Tauchplätze auf den Tablets für spätere abwechslungsreiche Fun-Tauchgänge. Am letzten Tag scannte das Team das Gebiet vor Abu Nuhas. Bis in einer Tiefe von 100 Metern - so lautet die verbindliche Aussage von „diverhans“ der Redaktion gegenüber - liegt auch hier kein weiteres Wrack als die vier längst bekannten.

Der Turbinenfrachter TS "Shillong" bleibt auch nach dieser vierten Expedition "wie verschluckt" unauffindbar. Rene Heese der Expeditionsleiter und Initiator der Suche, teilte uns in einem Interview mit, dass es nur noch einige wenige Lücken im Suchgebiet gibt.

Einen Teil des Interviews veröffentlichen wir im Anschluss an das Expeditions-Tagebuch. Es ist uns jedoch nicht gelungen, die exakten Koordinaten der Wrackposition der SS "San Juan" zu erfahren. Wir gehen davon aus, dass aufgrund der Brisanz der Tauchgänge in der Fahrrinne sein Schweigen begründet ist. Fakt ist: Heese hat das Wrack der SS "San Juan" nach gewissenhafter Recherche Erstbetaucht und mit Hilfe von Teammitglied Uli Boettger zweifelsfrei identifiziert. Einem Eintrag auf wrecksite.eu kann er sich deshalb sicher sein. Wir gratulieren dem Expeditionsteam zu diesem großartigen Erfolg.

Die Expedition im Ablauf

03.07.2016 Sonntag
Das Team wird wider Erwarten mittags am Flughafen Hurghada kaum gefilzt, die Einreise verläuft problemlos. Am Nachmittag kann planmäßig abgelegt werden; am Bluff Point wird schließlich festgemacht und das Sonarsystem installiert.

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04.07.2016 Montag
Morgens bei Sonnenaufgang ablegen gegen Wind und Welle nach Ras Gharib. Beginn der Suchmusterfahrt direkt vor Ras Gharib. Das Team testet die Sonarsysteme am Wrack der MS "Cape Clear". Abends folgt ein Checktauchgang am Wrack der MS "Aboudy".

05.07.2016 Dienstag
Den ganzen Tag über Suchmusterfahrt vor Ras Gharib. Abends findet ein Tauchgang am Wrack der SS "Scalaria" statt. Andi Häckler stellt seine zwei Scooter nach einer Einweisung für alle Interessierten zur Verfügung. Bis tief in die Nacht wird dann ein geeignetes Mischgas (TMX) hergestellt und die Deko Stages für das gesamte Team werden befüllt.

06.07.2016 Mittwoch
Um 04:00 Uhr morgens beginnen die Suchmusterfahrten vor Ras Gharib. Es finden zwei Tauchgänge an der MS "Cape Clear" statt; eine sinnvolle Gewöhnung und gutes Training für die kommenden Ereignisse. In der Oberflächenpause und direkt nach dem zweiten Tauchgang - Suchmusterfahrten.

07.07.2016 Donnerstag
Ausweichen auf Plan "B". Vinni Magner und Rene Heese haben sich Wochen und Monate zuvor in Schwerin über Seekarten zusammengesetzt und weitere mögliche Gebiete der Kollision zwischen der TS "Shillong" und dem MT "Purfina Congo" eruiert.
Beide sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Kollision möglicherweise auch 20 km nördlich Ras Gharib, also bei False Gharib ereignet haben könnte. Dort fand bisher keine Suche nach der TS "Shillong" statt.

Die Suchmusterfahrt beginnt im Morgengrauen vor False Gharib. Das Wrack der SS "San Juan" läuft in das Sidescansonarbild rein, zuvor Trümmerteile. Erster Tauchgang am Wrack, Dauer acht Minuten, es werden Teller zur Identifizierung geborgen. Nachmittags ein zweiter Tauchgang um die Silhouette für die Informationsweiterleitung am Abend nach Deutschland wahrzunehmen. Heese fertigt eine Skizze an, Uli Boettger startet die Recherche.

08.07.2016 Freitag
Scannen einer eingetragenen Wrackpositionen: Das Team sucht weiträumig - keine Wrackreste oder Wrack - platter Sandgrund. Schließlich wird der Information eines Fischers nachgegangen; es findet sich eine versunkene Arbeitsplattform mit Kran und Bohrkopf in 31 Metern Wassertiefe. Dieses Wrack ist noch unbekannt.

09.07.2016 Samstag
Leinen an der MS "Cape Clear" bergen, es folgt ein Tauchgang für alle. Danach ablaufen in das July-10 Oil Field um einer konkreten Angabe eines Fischers nachzugehen. Akram tätigt einen Bounce - nichts von Interesse. Abends wird das Nachtlager wieder direkt vor Ras Gharib aufgeschlagen.

10.07.2016 Sonntag
Der Plan für diesen Tag wird wegen noch fehlender Filmaufnahmen der SS „San Juan“ geändert. Bei Stillwasser (Tide) erfolgt am Vormittag ein dritter Tauchgang zu dem neu entdeckten Wrack. Die Grundzeit beträgt 11 Minuten. Nachmittags erfolgt ebenfalls bei Stillwasser ein Tauchgang an der Fregatte "Domiat" ex. K215 "Nith" für das gesamte Team.

11.07.2016 Montag
Es sind für den ganzen Tag Suchmusterfahrt eingeplant. Schwerwetter, Auslaufen daher erst gegen 09:00 Uhr vormittags möglich. Ablaufen mit achterlicher See und Wind in das Gebiet der SS "Thistlegorm; eine Suchmusterfahrt im Gebiet um Ras Gharib ist zu diesem Zeitpunkt unmöglich.
Nachmittags Ankunft an der SS "Thistlegorm". Suchmusterfahrt bis Sonnenuntergang. Ein Tauchgang wird bei (noch) Tageslicht am Wrack durchgeführt und spät abends folgt ein Nachttauchgang.

12.07.2016 Dienstag
Zuerst ein early Morning Dive an SS "Thistlegorm", anschließend Suchmusterfahrt in diesem Gebiet und Erkunden neuer Naturtauchplätze. Nachmittags ablaufen nach Abu Nuhas, scannen des Gebietes. Es findet ein Nachttauchgang statt und schließlich wird in Lee des Riffes übernachtet.

13.07.2016 Mittwoch
Noch im Dunklen auslaufen in Richtung Hughada, letzte Tauchgänge am Minensucher "El Minia". Danach trifft sich das Team zum Abendessen in einem Restaurant in Hurghada.

14.07.2016 Donnerstag
Rückreise nach Deutschland bzw. Österreich.

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Interview mit Rene Heese

Dive Inside(DI): Rene, ihr seid nun zurück von einer 12-tägigen Expedition in den Golf von Suez. Die Shillong habt ihr auch auf der vierten Expedition nicht gefunden; trotzdem sieht das Ergebnis eurer Expedition sehr gut aus.

Rene Heese(RH): Ja, wir haben stattdessen die SS "San Juan" gefunden. Ein kombiniertes Fracht- und Passagierschiff der Porto Rico Line, gebaut 1900, mit etwa 3500 BRT und knapp 100m Schiffslänge.

DI: Erzähl uns bitte etwas über den Hergang der Entdeckung, Rene.

RH: Wir haben 20km nördlich vor Ras Gharib nach der TS "Shillong" gesucht, zudem weitere vermeintliche Wrackpositionen angefahren und das Gebiet weiträumig gescannt. Eine in der Seekarte eingetragene Wrackposition stellte sich als "gefegter Hof"  heraus - nichts als platter Grund. Später dann entdeckten wir ein Objekt im Monitor des Sidescansonars, mitten in der Fahrrinne, schätzungsweise 100m lang. Mein Beraterteam und ich legten die weitere Vorgehensweise fest: Tidenstand, Frequentierung durch Schiffsverkehr, Sichtverhältnisse mangels Radar, Schiffsgeschwindigkeiten (diese kann bei schnelllaufenden Containerschiffen 40km/h betragen), Gesamttauchzeit, etc. wurden besprochen und die Durchführbarkeit abgewogen. Bei maximal 15km Sichtweite heißt das, nach dem Wahrnehmen eines Frachters ist dieser in ca. 20 - 25 Minuten direkt über unserer Tauchposition.

DI: Wie lief dann der erste Tauchgang genau ab?

RH: Andreas Häckler von diving.DE und ich sind aus Sicherheitsgründen die einzigen Taucher, welche den ersten Abstieg wagen. Andis Aufgabe ist es Fotos zu machen, ich werde mich um die Ab-/Auftauchleine kümmern. Bleibt dann noch Zeit, erkunde ich die Silhouette des Wracks, versuche Schiffsglocke und/oder Werftschild und/oder markantes Porzellan (mit Reedereilogo) zu finden. Das Ganze muss sich in acht, maximal neun Minuten vom Abtauchen bis zum Aufstieg abspielen.

Wir machen uns beide an Bord des Mutterschiffes tauchfertig, während ein langsam laufender Frachter dicht neben uns passiert. Abtauchen: Nach dem Erreichen der Sprungschicht klart es bis auf ca. 15m Vertikalsicht auf. Die Leine wurde exakt geworfen und liegt im Laderaum eins - nahe dem Bug. Das Grundgewicht bringe ich außenbords an, die Leine schlinge ich mehrfach um einen Festmacherpoller am Wrack. Grundzeitcheck: Vier Minuten sind vorbei. Scooter starten und Fahrt zum Vorschiff aufnehmen. Kein Galgen oder Dreibein mit Schiffsglocke ist auszumachen. Wende, zurück, Kurs Frontschott (Brückenhaus). Die oberen Aufbauten sind zusammengebrochen, das Werftschild ist wegen des umgeklappten Frontschotts nur schwer und im Rahmen der verbleibenden Zeit nicht zu erreichen.

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Scooter ablegen und an einem Wrackteil sichern. Kurzer Penetrationsversuch auf Hauptdeckhöhe in die unteren Aufbauten. Ich habe großes Glück und sehe etwas Weißes aus dem Sediment blitzen: Ein Tellerstapel mit Reedereilogo auf der Vorderseite und Herstellerangaben auf der Rückseite. Was für ein Glück! Blick auf die Uhr, die achte Minute ist angebrochen. Scooter starten. Andi Häckler ist wie verabredet bereits am Treffpunkt "Poller". Ich signalisiere, er möge die umwickelte Leine am Poller lassen wie sie ist; ein zweiter Tauchgang ist notwendig!

DI: Wie war der weitere Ablauf nach der Erstbetauchung der SS "San Juan"?

RH: Nun, die Teller geben nur zum Teil Auskunft in Bezug auf die Identifizierung. Also müssen wir einen zweiten Tauchgang tätigen um die Silhouette des Wracks zu bestimmen, damit wir an unser Teammitglied Dr. Ulrich Boettger in Deutschland weitere einschränkende Angaben senden können. Ich habe nach der Absolvierung des zweiten Tauchgangs eine Skizze (Anlage Skizze) vom möglichen Zustand des Schiffes zu seiner Fahrtzeit angefertigt und diese mit weiteren Angaben via WhatsApp nach Deutschland gesendet. Keine 48 Stunden später lag ein zweifelsfreies, sich mit meinen Angaben deckendes Ergebnis vor (siehe u.a. auch Lloyds Register).

DI: Wie geht es jetzt weiter, Rene?

RH: Momentan recherchiert Uli mögliche Werftpläne. Ich werde die SS "San Juan" als Werftmodell im Maßstab 1:100 fertigen lassen und den gegenwärtigen Bau des Modells der TS "Shillong" stoppen, vorerst auf Eis legen, damit ich im Idealfall die SS "San Juan" auf der Düsseldorfer "boot" 2017 am Taucher.Net Stand präsentieren kann.

DI: Ich meinte, wie geht es mit deinen/euren Expeditionen weiter? Was liegt in Zukunft an?

RH: Darüber möchte ich mich derzeit noch nicht äußern. Eine fünfte Expedition namens "Shillong" will sicher keiner mehr lesen. Ich lasse mir bezüglich des Golfs von Suez etwas einfallen. Es gibt da genug anderes. Vielleicht sind dann im Umkehrschluss ein bis zwei Tage Suchmusterfahrt zum Thema TS "Shillong" drin, und wir können damit die noch kleineren Lücken im Suchgebiet schließen. Vielleicht will der Turbinenfrachter "Shillong" genau so gefunden werden...

DI: Rene, vielen Dank für das Interview und weiterhin dir und deinem Team alles erdenklich Gute, Gesundheit und viel Erfolg verbunden mit dem notwendigen Quäntchen Glück.

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Thesen zum Verbleib des Wracks der TS "Shillong"

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man davon ausgehen, dass das Wrack der TS "Shillong" nach ihrem Untergang  geborgen wurde. Diese Annahme vertritt nun nach der vierten Wrackexpedition das Team rund um den Initiator und Expeditionsleiter Rene Heese.

Heese hat auf der vierten Reise in den Golf von Suez nicht nur nach dem Wrack der "Shillong" gesucht, sondern auch in Seekarten eingezeichnete Wrackpositionen vergleichsweise angefahren und flächendeckend gescannt. Das Ergebnis ist, dass konkret im Fahrwasser der Southboundfahrer an vielen dieser Positionen keine Wracks respektive Schifffahrtshindernisse mehr vorhanden sind.

Die verzeichnete und einschlägig bekannte Wrackposition der TS "Shillong“ auf etwa: 28°16.480'N / 033°13.811'E liegt im Randbereich des Fahrwassers des Verkehrstrennungsgebietes und somit in recht geringer Wassertiefe. Andere vermeintliche Positionen zu diesem Wrack liegen in näherer Umgebung des „July-10 Oilfields“. Das Wrack scheint ein ernst zu nehmendes Hindernis gewesen zu sein, welches den Aufwand einer vollständigen Bergung lohnte. Das Expeditionsteam konnte noch nicht einmal Wrackreste finden, sodass zumindest eine Sprengung in diesem Gebiet auszuschließen ist.

Die Beschädigung mittschiffs an der TS "Shillong" durch die Kollision waren mit Sicherheit größeren Ausmaßes. Trotzdem wäre eine Bergung im Ganzen nach Abdichtung des Rumpfes technisch durchaus machbar. Vergleichbare Aktionen sind in Scapa Flow - nach der Selbstversenkung der Deutschen Kaiserlichen Kriegsflotte - durch Bergungsunternehmen in ähnlicher Tiefe vorgenommen worden.

Alle weißen Flecken des möglichen Untergangsgebietes sind mittels Sidescansonar durch Heese noch nicht erschlossen worden. Auch ist nicht erwiesen, dass die bekannte Wrackposition zweifelsfrei ist, da es seinerzeit keine offizielle Untersuchung zum Seeunfall gab. Die aktenkundige Sachlage, ist mehr als dürftig.

Heese möchte nicht aufgeben, er möchte das Rätsel weiterhin lösen! Wünschen wir ihm und seinem Team viel Erfolg, wir werden auch zukünftig berichten!

Die Meldungen zur Shillong IV Expedition:
Start der Expedition
Wrack gefunden
Wrack identifiziert

POI Positionen auf Taucher.Net
Wrack der San Juan
Arbeitsplattform mit Kran
Wrack der Domiat (HMS Nith, K255)
Wrack der Cape Clear
Wrack der Thistlegorm
Wrack der El Minja