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Wo winzige Krebstiere unser Klima retten
Die Antarktis ist weit mehr als eine eisige Wildnis am Ende der Welt. Umgeben vom mächtigen Zirkumpolarstrom, der wie ein gewaltiger Ring um den Kontinent fließt, bildet sie ein einzigartiges, abgeschlossenes Ökosystem. In diesem extremen Lebensraum spielt ein unscheinbarer Held eine zentrale Rolle: der Krill.
| Aktuell: Kampf um den Krill in der Antarktis Während in Deutschland die Walstrandung in der Ostsee die Verwundbarkeit mariner Lebensräume vor Augen führt, entbrennt am anderen Ende der Welt ein erbitterter Streit um die wichtigste Nahrung der Antarktis: Krill. Die Crew der Bandero (Captain Paul Watson Foundation) geht gegen einen industriellen Krill-Trawler von Aker Qrill vor - dem Unternehmen, das mehr als 60 Prozent der Krill Fangquote kontrolliert. Siehe DiveInside Bericht vom 1.April 2026. |
Das Südpolarmeer ist ein Ozean der Extreme und beherbergt gut 90 Prozent des weltweiten Eises. Das Areal erstreckt sich über zehn Prozent der gesamten Meeresfläche unseres Planeten. Jährlich entsteht hier neues Meereis von der Größe Europas, anderthalb Meter dick.
Eiskalte Fallwinde, genannt Katabatische Winde, mit Geschwindigkeiten bis zu 300 Stundenkilometern peitschen von den Gletschern zum Meer und schaffen dabei besondere Bedingungen: Wenn diese Winde kalte, trockene Luftmassen von den Eishochplateaus auf das Meer hinaustreiben, reißen sie durch ihre Gewalt das Meereis auseinander. Durch die extreme Kälte bildet sich in den entstehenden offenen Wasserflächen schnell neues Eis. Bei diesem Gefrierprozess wird Salz aus dem Eis ausgestoßen und löst sich im Meerwasser. Das salzreiche und somit schwere Wasser sinkt ab.
Dieser Prozess ist wesentlich an der Bildung des antarktischen Bodenwassers beteiligt, einer dichten Wassermasse, die eine Schlüsselrolle in der globalen ozeanischen Zirkulation spielt. Durch die erhöhte Salzkonzentration entsteht antarktisches Tiefenwasser, das in 4.000 bis 5.000 Metern Tiefe wie ein träger Strom über den Meeresgrund nach Norden gleitet.
Krill: Kleiner Krebs, große Wirkung
In diesem extremen Umfeld gedeihen garnelenförmige Krebstiere, Krill. Krill ist ein Sammelbegriff für fast 90 Krebstierarten. Nach der Ordnung Euphausiacea kommen versch. Familien, Gattungen und am Ende die einzelnen Arten die dem Krill zugeordnet werden.
Der Antarktische Krill ist eine Art der Krebstiere aus der Familie Euphausiidae, der im Südlichen Ozean in den Gewässern um die Antarktis lebt. Wie auch andere als Krill bezeichnete Arten gehört Euphausia superba zu den garnelenartigen Wirbellosen, die in großen Schwärmen leben.
Die Ordnung Euphausiacea: Mit einer Gesamtbiomasse von rund 450 Millionen Tonnen entspricht ihre Masse etwa der der gesamten Menschheit. Diese schiere Menge macht sie zur Grundlage des antarktischen Nahrungsnetzes: Wale wandern tausende Kilometer, um sich an ihnen zu laben, Pinguine, Robben, Seevögel und Fische sind auf sie angewiesen. Gemeinsam verzehren die Meeresbewohner jährlich etwa 250 Millionen Tonnen Krill von denen der Hauptanteil Euphausia superba ist.
Natürliche CO₂-Speicher in Aktion
Doch Krill ist weit mehr als nur Nahrung. Diese Kleinkrebse fungieren als natürliche Klimaschützer durch einen faszinierenden Mechanismus: Ihre Kotpellets und abgeworfenen Panzerhüllen sinken in die Meerestiefe und transportieren dabei gebundenen Kohlenstoff mit sich. Allein in einem kleinen Gebiet nahe der antarktischen Halbinsel und in der Scotia-See können so jährlich 23 Millionen Tonnen Kohlenstoff dauerhaft gespeichert werden.
Das kalte antarktische Wasser verstärkt diesen Effekt zusätzlich, da sich CO₂ in niedrigen Temperaturen deutlich besser löst. Zusammen mit der langsamen Tiefenwasserzirkulation wird der Kohlenstoff für Jahrtausende unschädlich in den Meerestiefen eingelagert. Das Südpolarmeer übernimmt dabei bis zu 40 Prozent der gesamten ozeanischen CO₂-Aufnahme – eine der größten Kohlenstoffsenken der Erde.
Bedrohung durch menschlichen Appetit
Doch dieses fein austarierte System gerät zunehmend unter Druck. Der Mensch hat Krill als neue Ressource entdeckt – für Nahrungsmittel, Nahrungsergänzung und Kosmetika. Die industrielle Krillfischerei bedroht nicht nur einzelne Arten, sondern das gesamte antarktische Nahrungsnetz.
Gleichzeitig verstärkt der Klimawandel die Problematik: Seit 1880 ist die globale Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad gestiegen, drei Viertel davon seit 1970. Die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre kletterte von 300 ppm in den 1950er Jahren auf über 400 ppm im Jahr 2013. Prognosen rechnen bis 2100 mit Werten zwischen 800 und 1000 ppm – mit dramatischen Folgen.
Der Meeresspiegel ist bereits um 20 Zentimeter angestiegen, weitere Anstiege von über einem Meter sind wahrscheinlich. Doch die Bedrohung geht weit darüber hinaus: Die Versauerung der Meere durch gelöstes CO₂ verändert marine Ökosysteme grundlegend. Wenn die Krill-Populationen kollabieren, verlieren wir nicht nur eine zentrale Nahrungsquelle für unzählige Meerestiere, sondern auch einen sehr wichtigen natürlichen CO₂-Speicher unseres Planeten. Das freigesetzte Kohlendioxid würde die Klimakrise zusätzlich beschleunigen – ein Teufelskreis, der bereits unsere Enkelgeneration betreffen wird.
Der Schutz des Krills ist daher weit mehr als Artenschutz: Es ist aktiver Klimaschutz für kommende Generationen.
Weitere Krill Informationen auf Taucher.Net
2026: Kampf um den Krill in der Antarktis
2018: License to Krill
2017: Warum schwanken antarktische Krillbestände?