Killerhaie im Roten Meer unterwegs?

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08.07.2022 12:03
Kategorie: News

Der Versuch einer Erklärung zu den beiden Haiunfällen in Hurghada

Kommentar von Gerhard Wegner, Gründer von SHARKPROJECT und Co-Autor zweier Standardbücher über Haibegegnungen

Es ist wieder passiert und wieder das gleiche Prozedere. Eine tödliche Haiunfallserie, dieses Mal an Ägyptens Rotmeerküste. Auch die Folgen sind immer die gleichen: Jede Menge selbst ernannter Haiexperten melden sich zu Wort und verbreiten eine ebenso große Menge zum Teil abstruser Theorien. Jeder der Experten hat den Anspruch genau zu wissen, weshalb es zu den Unfällen kam. Wie gesagt, immer das gleiche Prozedere.

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Auch ich wurde in den letzten Tagen x-mal dazu von verschiedensten Medien kontaktiert und sollte meine Meinung sagen. War der Untergang des Schaf-Frachtschiffes drei Wochen zuvor der Grund? Oder ist es die Überfischung der Meere, weshalb die Haie jetzt näher an die Küste kommen? Oder ist es gar einer jener seit Hollywood berüchtigten Killerhaie, der jetzt die Badestrände rings um Hurghada terrorisiert? Oder was und warum?

Am liebsten würde ich jegliche Diskussion darüber mit einem Zitat von Doktor Samuel Gruber abwürgen, das schon 2013 eine Gruppe Journalisten geschockt hatte. Auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz zu der Unfallserie in Ägypten von 2010 erwarteten alle von ihm - einem der weltweit renommiertesten Haiforscher - eine fundierte, wissenschaftliche Meinung zu den Haiattacken. Doch mit seiner Antwort hatte keiner gerechnet. Er sagte damals wörtlich: „Ich weiß es nicht! Kein Wissenschaftler auf dieser Welt kann die Ursache eines Haiunfalls beurteilen. Es gibt einfach viel zu wenige Unfälle und zu viele unterschiedliche Einflussfaktoren.

Wenn man darüber nachdenkt, hatte der Doc absolut recht. Aber für uns Menschen, die immer eine einfache Antwort suchen und insbesondere für die Medien war das eine Aussage, mit denen sie wenig anfangen konnten. Wenn Wissenschaft aber Haiunfälle nicht erklären kann, wer oder was dann?

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Das war die Geburtsstunde von BLIND DATES, dem Buch von Christine Gstöttner und mir über die Ursachen von Haiunfällen. Die Grundlagen sind keine wissenschaftlich fundierten Erklärungen, die es laut Dr. Gruber ja nicht geben kann, sondern neben reinen Fakten und Zahlen, überwiegend die persönlichen Erfahrungen von Menschen, die beruflich bedingt viel Zeit mit Haien verbringen. In dem Buch haben wir Thesen und Ideen zu den Ursachen von Haiunfällen mit fünfundzwanzig Forschern, UW Fotografen und Tauchguides mit zusammen über 35.000 Haibegegnungen diskutiert und daraus eine fundierte Erfahrungs-Plattform geschaffen.

Nichts ist offiziell bestätigt

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Datenlage mehr als unzureichend ist. Nichts ist offiziell bestätigt. Damit ist sowohl die vermutlich beteiligte Hai Art (Makohai), noch eine Wiederholungstat des gleichen Hais bestätigt. Auch bei der Verletzung (Arm und Bein abgebissen) kann man mehrere Fragezeichen setzen. Ein Makohai kann aufgrund seiner Zahnstruktur nichts abbeißen und ob ein dermaßen schwer verletztes Opfer aus eigener Kraft ans Ufer schwimmen kann, ist auch mehr als fraglich.

Faktisch wissen wir nur, dass es zwei Todesfälle nach Haiangriffen gab. Was offen bleibt, ist unter anderem die Art des oder der beteiligten Haie. Waren es Makos oder Weißspitzen Hochseehaie oder doch gar ein Tigerhai? Ein Tier oder mehrere? Die drei genannten Hai-Arten sind zumindest die beiden Verdächtigen und an den meisten Haiunfällen im Roten Meer beteiligt. Was auf jeden Fall offen bleibt, ist der Grund der Attacken. Ein tausend Kilometer entfernt gesunkenes Schiff mit toten Schafen kann sicherlich keine Haie an die Badeküsten Hurghadas locken. Und Futtermangel durch ein überfischtes Meer würde Haie nicht nur zu kurzen Stippvisiten an Badeküsten bringen. Wischen wir diese Thesen also einfach mal als reine Spekulation vom Speisetisch.

Abfälle können Haie anlocken

Festzuhalten ist: Haie sind wie andere Raubtiere überwiegend futtergesteuert. Vorhandensein von Futter ist also mit Sicherheit der Grund, dass sich die Haie in dem Gebiet befanden. Ob wegen direktem oder indirektem Futter sei dahingestellt. Damit meine ich entweder Fischschwärme (direkt), die sich aus irgendwelchen Gründen dicht an der Küste aufgehalten haben oder der Geruch nach Futter (indirekt), wie z.B. Abfälle oder Toilettenverklappung von Schiffen oder Hotels, der sich durch die Strömung verbreitet und damit Haie anlocken. So ist es erwiesen, dass Abfälle von Schiffen, Haie aus großer Entfernung anlocken können. Sie folgen deshalb auch oft Hochseeschiffen und sind auch in der Nähe von fahrenden oder ankernden Safaribooten anzutreffen.

Eine direkte Fütterung würde ich ausschließen. Zum einen, weil es in Ägypten streng verboten und mit drakonischen Strafen belegt ist und zum anderen, weil so dicht an einem Badestrand nur Verrückte anfüttern würden.

Ob von Hotels Abfälle ins Meer geleitet wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch ob eventuell vorbeifahrende Safariboote einen oder mehrere Haie im Schlepptau hatten, bleibt offen. Wahrscheinlich waren es jedoch Fischschwärme - also direktes Futter. Im Grunde ist das egal. Es war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Futter oder der Geruch nach Futter der Grund, weshalb der oder die Haie so dicht am Ufer schwammen.

Das daraus resultierende Hai-Verhalten, das durch Futter im Wasser ausgelöst wird, kann es zu einer nahen Begegnung zwischen Menschen und Haien führen. Eine solche Begegnung ist zunächst einmal nicht gefährlich. In 99,99% aller Fälle drehen die Tiere wieder ab. Warum aber kommen Haie in Einzelfällen so nahe, dass es zu einem oder gar mehreren Bissen kommen kann?

Die BLIND DATES Experten sind sich einig, dass es dafür drei Motivationen gibt:

1. Jagdbiss. Hier wird Beute, die als solche erkannt ist, sofort und schnell attackiert
2. Sondierungsbiss. Damit ist der sogenannte Testbiss gemeint, bei der potenziellen Beute zunächst untersucht wird. Die Sekundärwunden eines solchen Bisses sind im Übrigen die häufigsten Verletzungen bei Haibegegnungen.
3.Stress Biss. Die Tiere wehren sich bei Bedrohung oder unter Stress.

Bei den beiden Todesfällen kann man Jagdbisse sicherlich ausschließen. Bleiben also Sondierungs- und/oder Stressbisse. Das macht Sinn, wenn man sich die Situation vorstellt. Der beteiligte Hai ist in dem Gebiet, in dem sich der Schwimmer aufhält auf der Suche nach Futter, von dem er direkt oder indirekt angelockt wurde. Dazu befindet er sich im flachen Wasser, einer für Hochseehaie ungewohnten Situation. In dieser für ihn aufgeheizten Situation hört er plötzlich neugierig machende Geräusche. (Schwimmen, Plantschen und hektische Bewegungen werden von Haien auch als Geräusche wahrgenommen).

Ursache der allermeisten Todesfälle durch Haie ist hoher Blutverlust

Der Hai wird neugierig und kommt nachschauen (Sondierungsverhalten). Hier bleibt er zunächst noch sehr vorsichtig. Nur wenn weitere „Beweise“ für potenzielle Beute vorliegen, wird er sich trauen, näher zu kommen. Und wenn der Schwimmer dann weiter verlockende Geräusche verursacht, die auch von einem verletzten Fisch stammen können oder wenn er beim Bemerken des Hais plötzlich hektisch wird und versucht panisch ans Ufer zu flüchten, wird das seine Vorsicht überwinden.  Im Endeffekt kann es dabei zu einem Testbiss kommen. Wehrt sich der Schwimmer jetzt durch Schlagen oder Treten, können in dieser Situation zusätzlich noch Stressbisse ausgelöst werden. 

Aber egal ob Sondierungs- oder Stressbiss, ob ein Haibiss für das Opfer lebensbedrohlich wird, entscheiden zwei Faktoren: Erstens an welcher Stelle das Opfer gebissen wird und zweitens wie schnell Hilfe kommt.

Die Ursache der allermeisten Todesfälle durch Haie ist hoher Blutverlust, d.h. wenn durch den Biss eine Schlagader verletzt wurde oder eine großflächige Verletzung vorliegt. Durch den schnellen und hohen Blutverlust verliert das Opfer nach kurzer Zeit das Bewusstsein. Dazu kommt, dass eine Bergung aus dem Wasser und eine Erstversorgung in dieser kurzen Zeit kaum möglich ist.

Das scheint auch in Ägypten der Fall gewesen zu sein. Die beiden Frauen waren also nicht Beute eines Killerhais, sondern sie hatten einfach nur Pech. Pech, dass sie überhaupt von einem Hai gebissen wurden und Pech, dass der Biss zu einem heftigen Blutverlust führte. Bewusstlosigkeit und Kreislaufzusammenbrüche sind dann logische Folgen.

Es war ein Unfall

Klingt zynisch, ist gamz klar nicht so gemeint. Die Opfer und ihre Angehörigen haben mein
tiefstes Mitgefühl. Festzuhalten ist: es war nicht irgendein Killerhai - den es so ohnehin nicht gibt, nein, es war ein Unfall. Ein sehr seltener dazu. Bei fast 15 Millionen Badegästen, die das Rote Meer jährlich besuchen, ausgerechnet an der Stelle zu schwimmen, an der ein Hai auf Futtersuche unterwegs ist und dabei noch durch Geräusche und falsches Verhalten das Tier unbewusst noch weiter anzulocken, hat den gleichen Pechfaktor, wie beim Grillen in Stadtpark von einem Blitz getroffen zu werden.

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Wie verhält man sich nun richtig, wenn bei einer Haibegegnung?

Auch hier haben die Experten von BLIND DATES eine klare Meinung und wer bisher aufmerksam mitgelesen hat, hat bereits die Antwort:

•    Ruhig und besonnen bleiben.
•    Das Tier im Auge behalten und langsam zum Ufer schwimmen.
•    Mitdrehen, wenn der Hai zu kreisen beginnt. Empfehlenswert ist auf jeden Fall zum Schwimmen eine Schwimmbrille zu tragen, um auch unter Wasser sehen zu können.
•    Wichtig: Keine panischen Reaktionen, wie z.B. hektische Schwimmbewegungen.
•    Es gibt Ratschläge, sich vertikal im Wasser aufzustellen, um den Hai zu verwirren das macht Sinn, aber nur, wenn das Tier an der Oberfläche ist.
•    Falls der Hai zu nahekommt, auf keinen Fall nach ihm schlagen. Falls extrem nahe ist, das Tier notfalls wegdrücken. Nur oberhalb der Schnauze anfassen oder seitlich vor oder nach den Kiemenspalten.

Alles andere und ausführliche Erläuterungen zu den Arten einer Haiannäherung und Unfallfaktoren im Buch BLIND DATES erhältlich in jeder Buchhandlung oder signiert bei www.ocean-heroes.shop

Oder persönlich auf meinem Vortrag HAIE am 6.8.2022 in Offenbach.
Details zum Vortrag: https://taucher.net/diveinside-sharkproject