Kommt es wirklich auf die Größe an?. Augenblicke

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01.08.2012 12:17
Kategorie: Diverses


Ob Werner Lau, Extra Divers, Sub Aqua oder Euro Divers: Wenn man sich in den diversen Foren umschaut, haben diese "Ketten" auf der Beliebtheitsskala gegen kleine und inhabergeführte Basen keine Chance. Oder sind sie so etwas wie ein McDonald’s für Taucher? Viele meckern, alle gehen hin? Meist ist die Wahrheit ganz einfach: Erfolgreiche Tauchbasen sind häufig einfach die besseren Tauchbasen.

von Linus Geschke

Eine Insel in der Karibik, rund drei Jahre her: Ich bin auf einer Tauchbasis zu Gast, die vom Inhaber selbst geführt wird und die in Internetforen den Ruf eines "Geheimtipps" genießt. Ganz persönlich soll es hier sein, man ist keine Nummer, jeder Gast wird vom Chef noch per Handschlag begrüßt. Auch die angrenzende Apartmentanlage (ebenfalls vom Inhaber geführt) bekommt nur beste Kritiken. Über all dem steht das Tauchen dort: keine Gängelei, alles richtig individuell und vor allem kein Vergleich zur oft zitierten "Massenabfertigung" größerer Tauchcenter. Und genauso war es auch: Abend für Abend sitzen dieselben drei Taucher (alles in die Jahre gekommene Stammgäste) mit dem Basenchef zusammen, trinken Bier (überhaupt schien Alkohol jeglicher Art eines seiner Hobbys zu sein) und versichern sich gegenseitig, wie toll sie sind und wie blöd doch all die anderen wären, die "bei denen buchen, die jeder kennt". Die Apartmentanlage war – nüchtern betrachtet – eine runtergekommene Butze mit durchgelegenen Matratzen, in der die Wanzen fröhliche Partys feiern und wo der Reinigungsservice daraus besteht, ein Raumspray in ungeheuren Mengen zu versprühen. Wenigstens war das Tauchen okay: Nitrox gab es zwar nicht ("lohnt sich nicht für mich"), die Tauchgebiete waren allerdings genau die gleichen, die alle lokalen Basen ansteuerten. Wie die Basis bei der wenigen Kundschaft ("mehr als sechs Leute hab ich nie hier") vor Ort jedoch zu einer solch immensen Summe von guten Bewertungen im Internet kommt, bleibt mir bis heute ein Rätsel.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich kenne auch kleine Basen, die vorbildlich arbeiten und sauber sind, mit motivierten Besitzern und individuellen Tauchausfahrten, bestens gepflegtem Equipment und Mitarbeitern, die auf jeden Gast eingehen. Das sind dann Geheimtipps im besten Sinne des Wortes, die man aber meist für sich behält und bei denen man hofft, dass die große Masse der Taucher nie auf sie aufmerksam wird. Und: Diese Basen sind selten. Extrem selten.

In den meisten Fällen ist mir dagegen bei kleinen Basen mit wenig Kundschaft nach der Abreise auch klar, warum sie "klein und individuell" (oder sollte man sagen: erfolglos?) sind. Oder glaubt jemand, die Inhaber hätten etwas dagegen, mit ihrem geliebten Beruf Geld zu verdienen? Wohl nicht. Die Gründe für über Jahre ausbleibenden Erfolg können vielschichtig sein: Unattraktive Tauchgebiete. Keine Werbung. Kein Veranstalter, der auf sie setzt. Ein unprofessionelles Management. Oder eine Kombination aus all dem.

Die Platzhirsche


Genau umgekehrt ist es bei erfolgreichen Basen und Ketten. Meistens hat es auch einen Grund, warum diese so erfolgreich operieren: Sie haben oft die besten Tauchgebiete vor der Haustür und die interessantesten Regionen im Programm. Sie machen Werbung, weil ihnen klar ist, dass Kunden nicht per Zufall entstehen. Etablierte Veranstalter setzen auf sie, weil sie wissen, dass dort professionell gearbeitet wird und der Gast zufrieden zurückkehrt. Und dies hat nur bedingt etwas mit Geld zu tun – auch ein Werner Lau hat mal klein angefangen und die beste Werbung nützt einem nichts, wenn das Produkt schlecht ist.

Selbst das Argument mit der Individualität zieht nicht: Auch die Großen der Branche haben je nach Zielgebiet kleinere Tauchcenter im Programm, wo die Leitung noch jeden Gast persönlich mit Handschlag begrüßt. Der Unterschied ist nur, dass auch diese Basen einen Standard haben, den sie erfüllen müssen. Betrunkene Tauchlehrer, kaputte Leihausrüstung, Öffnungszeiten nach Lust und Laune? Wird man dort in 99 Prozent der Fälle nicht finden. Und wenn doch, kann man bei berechtigten Beschwerden mit Kulanz rechnen: Schließlich will der Hauptsitz seine Kunden ja nicht verlieren, die mit derselben Organisation im Jahr darauf noch an zig anderen Orten tauchen gehen könnten.

Doch wo liegen die Gründe, warum die kleine, unbekannte Basis so oft als Ideal dargestellt wird? Einer ist sicher: Der Mensch ist gerne Individualist. Er liebt es, etwas nur für sich zu haben; da macht die Tauchbasis keine Ausnahme. Zeigt es außerdem nicht auch, dass man ein "Kenner" ist, der nicht dort taucht, wo die Masse taucht? Hebt es nicht auch das eigene Ego, wenn einen der Besitzer eines solchen "Geheimtipps" schon beim zweiten Besuch wie den besten Freund behandelt? Ein Pauschalurteil lässt sich daraus sicherlich nicht ableiten. Jeder User auf Taucher.Net kennt Fälle, mit denen man nun zeigen könnte, dass auch an großen Basen ab und zu Dinge danebengehen. Ebenso, wie man viele Fälle (ob selber erlebt oder nur vom Hörensagen) aufzählen könnte, bei denen kleine Basen top waren. Diese "Verklärung" jedoch, die manche Nischenbasis von ihrer Stammkundschaft erfährt, ist mit sachlichem Blick kaum zu begründen. Oftmals ist es ganz einfach: Wenn eine Basis über Jahre hinweg erfolgreich operiert, dann hat das meist auch seinen Grund. Wenn eine Basis dagegen über Jahre am Existenzminimum lebt, dann auch. Erfolg ist keine Sache, die von ungefähr kommt – und der Neid der anderen meist schwer erarbeitet. Fragen Sie mal McDonald’s.