Das Wrack der (Amoco Milford) Haven. 'Haven' can´t wait

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02.12.2014 14:43
Kategorie: Diverses


11. April 1991, 12:30 Uhr: Eine gewaltige Explosion an Bord des griechischen Tankers "Haven" setzt schnell das gesamte Schiff in Brand.

Die Löscharbeiten der Crew erweisen sich schon bald als sinnlos, fünf von ihnen sterben in den Flammen, darunter auch der Kapitän Petros Grigorakakis. Erst drei Tage später erlöschen die Flammen, und die "Haven" sinkt. Sie hinterlässt neben Tod und Leid für die Crew auch ein Umweltdesaster, von dem die gesamte Küstenregion noch über zehn Jahre einschneidend betroffen sein wird.


Bericht von Michael Böhm

Vor 23 Jahren war der Untergang der "Haven" eine Tragödie für Mensch und Natur. Doch glücklicherweise sind die Wunden mittlerweile geheilt; heute bietet das Wrack eine faszinierende Kulisse für einen nicht ganz alltäglichen Tauchgang im tiefen Blau des Ligurischen Meeres. Die "Haven" ruht etwa eineinhalb Meilen vor dem Hafen von Arenzano an der "Punta di San Martino" in einer Tiefe von rund 80 Metern. Sie liegt auf ebenem Kiel, wenn man das so sagen kann. Denn der Meeresboden fällt zur See hin ab, so dass die Hecksektion als interessantester Bereich des Schiffs zumindest in Teilen innerhalb der üblichen Sporttauchertiefe von 40 Metern liegt.

Schraube und Deck befinden sich ein gutes Stück tiefer und münden im Blau. Doch der weitaus faszinierendere Teil mit Aufbauten, Schornstein und Brücke ist auch für ambitionierte Nicht-Tekkies erreichbar. Obwohl gut 80 Meter ihrer einstigen Größe fehlen, wirkt die Tankerdame immer noch gigantisch. Der Blick von der Brücke in die Richtung, in der sich einst der Bug befand, ist äußerst beeindruckend. Die "Haven" ist das größte Wrack im Mittelmeer und wird gerade deshalb nahezu täglich von Tauchern besucht. Überwiegend sind es Tec-Taucher, die sich zur "Haven" wagen.



Doch es geht auch ohne Tec, Deep down und Doppelpack: Gino Sardi, der Mann hinter Techdive Arenzano, und sein Sohn Nicola bringen auch Taucher an das Wrack, die nicht zu den absoluten Tiefenfreaks zählen. Techdive ist eine von zwei Tauchbasen im Hafen von Arenzano, die sich auf Trips zu diesem Tanker spezialisiert haben. Gino ist ein alter Hase, der jedoch auf den ersten Blick eher der Typ "Zio Gino", Onkel Gino ist. Hat der Kenner jedoch die alte Cousteau-Gagnan-Ausrüstung in Ginos Laden entdeckt, ahnt er schnell, auf welche lange Erfahrung der Chef von Techdive zurückblickt. Spätestens wenn der Blick auf die Unmengen von Doppelpacks, Stageflaschen und das detailgetreue, zwei Meter lange Modell der "Haven" fällt, sind alle Zweifel beseitigt, und es ist klar: Hier sind Profis am Werk.

Riesige Außenmaße

Vom Hafen aus geht es auf PS-starken Schlauchbooten in rund 15 Minuten zur Dropzone über der "Haven". Mit an Bord der Deutsch sprechende Italiener Marco Venturini. Er ist selbst Instructor und Eigner der Tauchbasis Halaveli Diving in Mestre. Obwohl er direkt vor der Türe seiner Basis einige Wracks vorfindet, ist er ein häufiger Gast in Arenzano. Er hat sich in die alte Lady verliebt, sie ist für ihn auch etwas Besonderes. Marco nennt die Tauchgänge zur Haven "sowas wie Tec Light".

Sicherlich ist es sinnvoll, sich mit einem großzügigen Gasvorrat auszustatten. Denn mit einer Doppel-10 oder -12 und 50er Nitrox sowie reinem Sauerstoff als Dekogase und der entsprechenden Ausbildung ist ein längerer Spaziertauchgang auf der "Haven" ein nahezu risikoloses Vergnügen. "Aber es macht auch Spaß, mit einer 18er-Flasche Luft ausgerüstet die oberen Bereiche der 'Haven' zu betauchen", erklärt Venturini. Zu recht, denn bei guten Sichtbedingungen ist hier das Lichtspiel aus Hell und Dunkel am schönsten, zeichnet sich die Silhouette der Aufbauten vor dem herrlichen Blau gut ab. "Und man erhält den besten Eindruck der riesigen Ausmaße des Wracks", ergänzt Marco.

Heftige Explosionen

Zurück ins Jahr 1991: Die Nacht bricht herein, und der lichterloh brennende Tanker erhellt den Golf von Genua, während sich Unmengen von Öl ins Ligurische Meer ergießen. Das Schiff gerät in Schlagseite, und der Hafenmeister entschließt sich, entgegen anderer Expertenmeinungen, die "Haven" nicht auf das offene Meer zu schleppen, sondern an Ort und Stelle zu fixieren. Doch eine zweite, mindestens genauso heftige Explosion macht die Pläne zunichte. Wie von Geisterhand bewegt sich das brennende Schiff vor der Küste von Savona durch die Nacht. Erst am nächsten Tag gelingt es Schleppern, das mittlerweile fragile Schiff an den Haken zu nehmen. Das Vorschiff − mit einer Länge von 80 Metern − bricht zwischen Cogoleto und Arenzano vom Rest des Ölgiganten ab und versinkt in über 400 Metern Tiefe. Dies geschieht, während Schlepper den brennenden Rest des stählernen Riesen, immerhin noch 250 Meter lang, an seine heutige Position ziehen. Die Flammen verlöschen erst drei Tage später, und am Morgen des 14. April sinkt auch der ausgebrannte Rest der "Haven".



Während sich die Diveguides wie Giovanni Belgrano gemeinsam mit den anderen sieben Tauchern auf den Tauchgang vorbereiten, versorgt Gino Sardi das RIB. Stefano Astori, Tec-Instructor aus dem norditalienischen Crema und Inhaber eines Reisebüros speziell für Taucher, ist längst Dauergast an der ligurischen Küste. "Die 'Haven' lernst du nicht so schnell kennen. Nicht mit einem, nicht mit fünf Tauchgängen. Aber gerade das macht den Tanker ja so reizvoll.“ Und Belgrano fügt hinzu: "Ich lebe hier und habe schon unzählige Tauchgänge zur 'Haven' unternommen. Trotzdem werden es noch viele, viele Besuche bei der ausgebrannten Lady sein, bis ich einen Sack voll brauchbarer Fotos im Kasten habe." Giovanni Belgrano, ist von Beruf Fotograf. Im September, wenn die Saison vorbei und das Meer noch ruhig und warm ist, beginnt sein fotografischer Tauchmarathon zum Wrack.

Entladung auf hoher See

Die "Amoco Milford Haven", so der frühere Name vor dem Verkauf an einen griechischen Reeder, war einer von vier Tankern der Amoco Oil Company in Cadiz. Das Schwesterschiff "Amoco Cadiz" erlangte vor der französischen Bretagneküste im Jahr 1978 den gleichen, traurigen Berühmtheitsgrad wie später die "Haven". Diese war noch einen Tag vor der Tragödie unterwegs von der arabischen Golfregion nach Genua − alle Tanks randvoll mit Rohöl.

Die Entladung auf See ist auch heute noch gängige Praxis, zu groß sind die Schiffe, um ihre Fracht im genuesischen Hafen zu entladen. Wie kam es aber zu dem Unglück von ungeahntem Ausmaß, was war am Mittag des 11. April 1991 geschehen? Der Tanker von über 330 Metern Länge und mehr als 50 Metern Breite lag zum Löschen der Ladung vor Genua an einem schwimmenden Terminal. Die rund 224.000 Tonnen Rohöl waren nur zum Teil an Land befördert worden, dann musste innerhalb des Tankers umgepumpt werden, um das Schiff wieder in eine gute Schwimmlage zu bringen. Vermutlich fiel dabei eine Pumpe aus. Metall knirschte, so eine Zeugenaussage während der späteren Ermittlungen. Und vermutlich bildeten sich auch Hitze und Funken, die dann zu der ersten, verhängnisvollen Explosion führten, die bis an Land zu spüren war.

Was letztlich von der "Haven" übrig blieb, präsentiert sich heute den Tauchern, die mit Tauchbasen wie Techdive zu dem Wrack absteigen. Noch während sich die letzten Taucher über Bord fallen lassen, beginnt Gino damit, die Dekostange aufzubauen. An ihr werden dann einige Zeit später die ersten Rückkehrer einen mehr oder weniger langen Dekostopp abhängen. Reiseleiter und Instructor Astori organisiert Touren zum Wrack − mit Übernachtung, Abendessen und Vorträgen auf Deutsch.

Die Tauchgänge sehen in etwa so aus: Als Advanced Diver mit einem Deep-Dive-Specialty führt der Tauchgang bis in rund 40 Meter Tiefe, mit einer Tec-Ausbildung sind tiefere Tauchgänge zulässig. Wer ganz runter möchte, wird den Tauchgang vermutlich mit Trimix-Gemischen und evtl. Kreislaufgeräten planen. Stefano Astori betont: "Man muss wissen, dass die Tauchgänge nichts für unerfahrene Taucher sind. Denn auch für Sporttaucher wird der Trip zu einem Deko-Tauchgang. In der einfachen Tec-Variante mit großer Monoflasche oder einem Doppelpack Luft gehe ich meist so bis 48 Meter mit einer Grundzeit von 20 Minuten. Eine Stage mit EAN50 oder reinem Sauerstoff verkürzt dann die Dekozeit an der Dekostange erheblich." Wenn nötig, ist bei Techdive Arenzano die Begleitung durch einen erfahrenen Tauchguide inklusive.


 

Imposanter Blick

Als Belohnung für diesen nicht ganz einfachen Tauchgang winkt bei guten Bedingungen ein Blick aus 50 Metern Tiefe entlang der gigantischen Aufbauten bis hinauf zur Meeresoberfläche. Das Sonnenlicht spiegelt und bricht sich im oberen Bereich, das Wrack wirkt alles andere als düster und abweisend. Das Eintauchen in verschiedene Räume ist ebenso möglich wie der imposante Blick vom Inneren der Brücke auf das Vorschiff, das sich im endlosen Blau verliert.

Fischschwärme sind die heutigen Bewohner des Wracks, umkreisen majestätisch langsam die Aufbauten und den Schornstein. Letzterer fiel schon bald nach dem Untergang den Schneidbrennern zum Opfer, um kein Hindernis für andere Schiffe darzustellen. Der höchste Punkt des Schiffes beginnt bei etwa 34 Metern, das Deck liegt bei rund 55 Metern und der gewaltige Propeller fordert den Abstieg bis in 80 Meter Tiefe.

Wenn dem Taucher die Götter des Meeres, des Lichtes und der Strömung wohlgesonnen sind, bleibt ein Tauchgang zur "Haven" immer in Erinnerung. Zurück im Hafen von Arenzano ist die Ausrüstung bald gespült, verstaut oder wartet bei Gino auf den nächsten Trip.

Ist man unter Italienern, wird die Zeit selten langweilig oder ist gar vom Hunger geprägt. "Trofie al pesto genovese", der typische „Polpo di Ligure“ mit Kartoffeln, "Fritto misto di mare" − zu reichlich und gut ist, was direkt nebenan im Ristorante "L'Approdo" auf den Tisch kommt. Und psssssst, nicht weitersagen: Dazu passt vorzüglich ein Glas leicht gekühlter Pigato, ein äußerst charaktervoller ligurischer Weißwein.

Buon appetito e arrividerci a la "Haven"!


Video zum Thema:

Das Video zeigt einen Tauchgang zur Amoco Milford Haven, gefilmt mit der Actionpro X7 in Tiefen bis 80mt.