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FRESH-Protokoll soll Fälle vergleichbar machen
Seit 2005 kehrt ein Muster in den USA und Australien immer wieder: Nach Hurrikans, Starkregen oder Überschwemmungen tauchen bei Delfinen in Küstennähe extrem schmerzhafte Hautveränderungen auf – vergleichbar mit schweren Verbrennungen. Fachleute sprechen von der "Süßwasser-Hautkrankheit" (Freshwater Skin Disease, FSD).
Die Krankheitsform entsteht, wenn Delfine über längere Zeit mit stark ausgesüßtem Wasser in Kontakt kommen, etwa weil Flüsse nach starken Regenfällen mehr Süßwasser in Mündungsgebiete von Flussen und Buchten drücken oder Tiere in solchen Gewässern länger eingeschlossen bleiben.
Erstmals dokumentiert wurde das Krankheitsbild bei einer Gruppe Großer Tümmler, die nach Hurrikan Katrina 2005 in einem Brackwassersee in Louisiana gefangen waren. Die pathologische Grundlage lieferte später eine Studie um die Veterinärpathologin Nahiid Stephens von der Murdoch University in Perth, veröffentlicht in Scientific Reports: Osmotischer Stress schädigt die Hautzellen der Tiere, was zu Gewebeuntergang und offenen Geschwüren führt – bei einzelnen Fällen war bis zu 70 Prozent der Hautoberfläche betroffen. Häufig kommen bakterielle, Pilz- oder Algeninfektionen hinzu, die den Zustand weiter verschlimmern.
Der Zusammenhang mit dem Klimawandel liegt für Forscher nahe: Mehr und intensivere Niederschläge an eng begrenzten Orten sowie schmelzende Gletscher verändern den Salzgehalt vieler Küstengewässer stärker und schneller, als sich Delfine physiologisch anpassen können. Auch Fälle aus den Gippsland Lakes in Australien (2007) und dem Swan-Canning River bei Perth (2009) folgten jeweils auf ungewöhnlich starke Regenperioden.
Ein gemeinsamer Standard für die Diagnose
Was in den frühen Berichten noch fehlte, war eine einheitliche Methode, um solche Hautveränderungen zuverlässig zu erkennen und einzustufen – verschiedene Forschungsteams beschrieben ähnliche Symptome bislang uneinheitlich, was Vergleiche zwischen Regionen und Studien erschwerte. Genau hier setzt das 2026 in Frontiers in Marine Science veröffentlichte FRESH-Protokoll an (Freshwater-Related Evaluation of Skin Health), entwickelt von einem internationalen Team um Kristi Fazioli.
FRESH ist im Kern ein Bewertungssystem, mit dem auch Feldbiologinnen ohne medizinische Ausbildung anhand von Fotos freischwimmender Delfine erkennen können, ob typische Anzeichen der Krankheit vorliegen: krustige oder schleimige Beläge auf der Haut, ringförmige "Target-Läsionen" sowie ungewöhnlich helle, blasse Hautstellen. Anhand dieser drei Merkmale vergibt das Protokoll einen Schweregrad von niedrig bis hoch. In Tests stimmten die Einschätzungen von Feldbiologen und Tierärzten dabei überraschend gut überein – ein wichtiger Schritt, um Verdachtsfälle künftig weltweit nach denselben Kriterien zu dokumentieren.
Die Entwickler betonen ausdrücklich, dass das Protokoll (noch) keine Diagnose im medizinischen Sinn ersetzt und auch keine direkte Vorhersage über Überlebenschancen einzelner Tiere erlaubt. Sein Wert liegt vor allem darin, große Foto-Datenbanken systematisch auswertbar zu machen – etwa um zu verstehen, wie sich die Krankheit über Zeit entwickelt oder zurückbildet, und wie häufig Delfinpopulationen wiederholtem Süßwasserkontakt ausgesetzt sind. Angesichts zunehmender Extremwetterereignisse dürfte genau dieses systematische Monitoring in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen.
Weitere Informationen:
Nonsprecare.it https://www.nonsprecare.it/de/SüÃwasserdelfinkrankheit
Frontiers in Marine Science (FRESH-Protokoll) https://doi.org/10.3389/fmars.2026.1743541