Operation 86: Kampf um Islands Finnwale

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27.06.2026 11:39
Kategorie: News

Wie ein Millionär Islands Gewissen überwindet

Sechs Finnwale mussten in den ersten Tagen der Jagdsaison 2026 bereits ihr Leben lassen – für ein Geschäft, das gescheitert ist und längst keine Käufer mehr findet. Hinter der Fortsetzung dieser blutigen Tradition steht vor allem eines: der politische Einfluss eines einzelnen Unternehmers.

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Während weltweit der Schutz bedrohter Meeressäuger an Bedeutung gewinnt, nimmt Island einen Sonderweg. Mitte Juni 2026 stachen die Walfangschiffe des Unternehmens Hvalur hf. erneut in See – und binnen weniger Tage wurden mindestens sechs Finnwale getötet. Diese majestätischen Tiere, die eine Lebenserwartung von über einem Jahrhundert haben und nach Blauwalen die größten Lebewesen unseres Planeten sind, werden von der Weltnaturschutzunion IUCN als gefährdet eingestuft. Ihr weltweiter Bestand liegt unter 100.000 Individuen.

Die Macht eines Einzelnen

Das Fortbestehen des isländischen Walfangs ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Kristján Loftsson. Der Multimillionär und Inhaber von Hvalur hf. verfügt über exzellente Kontakte in die isländische Politik – ein Umstand, der sich immer wieder als entscheidend erweist, wenn es um die Zukunft der Waljagd geht.

Die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre lesen sich dabei wie ein Lehrstück über den Konflikt zwischen Tierschutz und wirtschaftlichen Partikularinteressen. Nachdem in der Saison 2023 lediglich 24 Finnwale erlegt worden waren – deutlich weniger als in vorherigen Jahren – ging Loftsson in die Offensive: Er verklagte den isländischen Staat auf Schadenersatz. Seine Begründung: Durch ein zeitweiliges Jagdverbot seien ihm Verluste entstanden, für die er entschädigt werden müsse.

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Politisches Erdbeben und umstrittene Lizenzvergabe

Der Druck zeigte Wirkung. Die damalige Fischerei- und Lebensmittelministerin Svandís Svavarsdóttir, die das Fangverbot aus Tierschutzgründen verhängt hatte, sah sich zunehmender politischer Opposition ausgesetzt und trat schließlich zurück. Was folgte, gilt in Island bis heute als einer der umstrittensten politischen Vorgänge der jüngeren Geschichte.

Im Dezember 2024, nur Tage bevor er sein Amt abgeben musste, genehmigte der bereits abgewählte Interims-Premierminister Bjarni Benediktsson – der gleichzeitig als Fischereiminister fungierte – neue Fangquoten. Und zwar nicht nur für ein Jahr, sondern gleich für einen Zeitraum von fünf Jahren bis 2029. Die Zahlen sind erschreckend: Ursprünglich wurden bis zu 209 Finnwale und 217 Zwergwale pro Jahr genehmigt. Hochgerechnet auf die gesamte Laufzeit könnten theoretisch über 2.000 Wale getötet werden – ohne dass eine weitere politische Entscheidung nötig wäre.

Isländische Medien sprachen offen von Korruption und Machtmissbrauch. Besonders pikant: Benediktsson hatte unmittelbar vor seiner Entscheidung einem bekannten Walfangbefürworter die Aufsicht über sämtliche walfangbezogenen Angelegenheiten übertragen. Das Vorgehen widersprach allen demokratischen Gepflogenheiten, nach denen geschäftsführende Übergangsregierungen kontroverse Grundsatzentscheidungen vermeiden sollten. Geheime Videoaufnahmen, die von der Captain Paul Watson Foundation veröffentlicht wurden, warfen zusätzlich Fragen über die Hintergründe dieser Entscheidung auf.

Für die laufende Saison 2026 reduzierte das isländische Meeresforschungsinstitut die Finnwal-Quote immerhin um 28 Prozent auf 150 Tiere – begründet mit unsicheren Bestandsdaten. Die Zwergwal-Quote liegt bei 168 Exemplaren. Doch diese Reduzierung ändert nichts am Kern des Problems: Die bis 2029 gültige Lizenz erlaubt es Loftsson, jede Saison aufs Neue die Jagd aufzunehmen, ohne auf weitere politische Genehmigungen angewiesen zu sein.

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Qualvoller Tod im Namen veralteter Traditionen

Warum das Jagdverbot überhaupt verhängt worden war, gerät in der politischen Debatte oft in den Hintergrund – dabei sind die Fakten erschütternd. Die isländische Lebensmittel- und Veterinärbehörde MAST hatte 2022 und 2023 Videomaterial von Jagdsaisons systematisch ausgewertet. Die Ergebnisse dokumentieren massive Verstöße gegen isländisches Tierschutzrecht.

Die Analysen zeigten: Nur etwa zwei Drittel der harpunierten Finnwale starben unmittelbar. Bei den übrigen Tieren dauerte der Todeskampf im Durchschnitt 11,5 Minuten. In einem dokumentierten Extremfall kämpfte ein Finnwal 35 Minuten lang ums Überleben, ein anderer Fall mit einer Todeskampfdauer von zwei Stunden wurde öffentlich bekannt. Mehrere Wale mussten mit zwei oder sogar drei Harpunenschüssen getötet werden – ein Indiz dafür, dass die verwendete Jagdmethode weder präzise noch human ist.

Die eingesetzten Harpunenkanonen verschießen Explosivgeschosse, die etwa einen Meter tief in den Körper der Tiere eindringen sollen. Verfehlen sie lebenswichtige Organe, beginnt ein qualvoller Todeskampf. Unter den 2023 getöteten Walen befand sich auch ein trächtiges Weibchen – zwei Leben wurden damit ausgelöscht. Ein weiterer harpunierter Wal konnte nicht mehr geborgen werden und versank im Meer.

Auf Basis dieser Dokumentationen entzog Ministerin Svavarsdóttir Hvalur hf. zunächst zeitweise, später formell die Fanggenehmigung. Doch nach massivem Druck der Walfangindustrie und politischen Interventionen wurde die Aussetzung zurückgenommen. Naturschutzorganisationen kritisieren bis heute, dass nie nachgewiesen wurde, ob sich die Jagdmethoden tatsächlich verbessert haben. Die grundlegenden Tierschutzprobleme bestehen unverändert fort.

Ein Geschäft ohne Zukunft

Das Paradoxe an der Fortsetzung der Waljagd: Ökonomisch ergibt sie längst keinen Sinn mehr. Jahrzehntelang war Japan der Hauptabnehmer für isländisches Finnwalfleisch. Doch seit Japan 2024 seine eigene Finnwaljagd wieder aufgenommen hat, ist dieser Markt praktisch zusammengebrochen. Hvalur hf. schreibt seit Jahren rote Zahlen – 2024 und 2025 blieben die Schiffe aus eigenen Angaben aus wirtschaftlichen Gründen im Hafen.

Warum also die Wiederaufnahme 2026? Beobachter vermuten, dass es Loftsson längst nicht mehr um Profit geht, sondern um Prinzipien: Die Waljagd als Symbol nationaler Unabhängigkeit, als Trotzreaktion gegen internationale Kritik, als persönliche Mission eines Mannes, der sich nicht vorschreiben lassen will, was er zu tun und zu lassen hat.

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Die Saison 2026: Tödliche Routine kehrt zurück

Am 23. Juni 2026, nur drei Tage nach dem Auslaufen der Fangflotte, lagen die ersten beiden toten Finnwale im Hafen von Hvalfjörður. Das Fangschiff "Hvalur 9" hatte sie harpuniert und zur Verarbeitungsstation gebracht. Innerhalb weniger Tage stieg die Zahl auf mindestens sechs getötete Tiere.

Die Captain Paul Watson Foundation UK, die seit 2018 die isländische Waljagd vor Ort dokumentiert, berichtete in sozialen Medien von einem besonders erschütternden Fall: Ein Wal sei erst nach drei Harpunenschüssen gestorben. Dies ist kein isolierter Vorfall, sondern fügt sich nahtlos in das Muster ein, das MAST bereits in den Jahren zuvor dokumentiert hatte. Fälle mit zwei oder mehr Harpunentreffer sind in den Aufzeichnungen von Tierschutzorganisationen wiederholt belegt.

Hoffnung am Horizont?

Tatsächlich stehen die politischen Zeichen für ein Ende der Waljagd besser als jemals zuvor. Im August 2026 stimmt Island über die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen ab. Als EU-Mitglied wäre kommerzieller Walfang nicht mehr zulässig – die europäische Gesetzgebung steht dem entgegen.

Zudem hat die amtierende Regierung unter Premierministerin Kristrún Frostadóttir angekündigt, noch im Herbst 2026 ein Gesetz für ein vollständiges Walfangverbot vorzulegen. Alle drei Regierungsparteien haben sich öffentlich gegen die Fortsetzung der Jagd ausgesprochen – ein bemerkenswerter politischer Konsens in einer Frage, die das Land jahrzehntelang gespalten hat.

Auch in der isländischen Bevölkerung hat sich die Stimmung grundlegend gewandelt. Aktuelle Umfragen zeigen, dass mittlerweile eine Mehrheit der Isländer den Walfang ablehnt. Was früher als Teil der nationalen Identität und Tradition verteidigt wurde, wird heute zunehmend als überholte und grausame Praxis wahrgenommen, die dem internationalen Ansehen des Landes schadet.

Doch es gibt einen entscheidenden Haken: Solange die bis 2029 gültige Lizenz Bestand hat, kann Loftsson jede Saison erneut ausfahren lassen – ohne weitere Genehmigungen, ohne politische Kontrolle. Jeder Tag, den ein Verbot auf sich warten lässt, kann weitere Finnwale das Leben kosten. Und jeder dieser Todesfälle ist einer zu viel für eine Art, deren Bestand bereits gefährdet ist.

Direkte Aktion auf hoher See

Während viele Umweltorganisationen auf Aufklärungsarbeit, Petitionen und diplomatischen Druck setzen, geht die Captain Paul Watson Foundation einen anderen Weg. Im Rahmen der Kampagne "Operation 86" – benannt nach einer Aktion von 1986, bei der zwei Walfangschiffe Loftssons in Reykjavík versenkt wurden – ist die Organisation sowohl an Land als auch auf See aktiv.

Das Schiff "Bandero" der Foundation ist nach eigenen Angaben von Irland aus unterwegs in isländische Gewässer, um die Walfangschiffe direkt zu konfrontieren. Während sich andere Verbände auf öffentlichkeitswirksame Kampagnen konzentrieren, setzt die Captain Paul Watson Foundation auf direkte Intervention – mit dem erklärten Ziel, die Fangschiffe durch Blockaden und "aggressive Gewaltlosigkeit" an ihrer tödlichen Mission zu hindern.

Captain Paul Watson selbst, der Gründer der Organisation, äußerte sich entschlossen: „Seit vierzig Jahren setze ich mich gegen den Walfang in Island ein, angefangen im Jahr 1986, als wir die Hälfte der Walfangflotte von Kristján Loftsson versenkten und seine Verarbeitungsanlage zerstörten. Wir wurden wegen dieser Aktionen nie wegen einer Straftat angeklagt, da der Walfang in Island illegal ist und man keinen öffentlichen Prozess wollte, der die rechtswidrigen Aktivitäten aufdecken würde. Wir haben seine Aktivitäten erneut in den Jahren 2007, 2014, 2019, 2023, 2024 und 2025 blockiert, und wir beabsichtigen, ihn auch in diesem Sommer 2026 wieder zu stoppen. Ich bin zuversichtlich, dass wir den Walfang in Island endgültig beenden können, wenn es uns gelingt, ihn in diesem Sommer zu stoppen."

Die Foundation UK dokumentiert zeitgleich die Aktivitäten der Walfänger vom Land aus und sammelt Beweismaterial für weitere Tierschutzverstöße. Diese Doppelstrategie aus direkter Intervention und Dokumentation soll maximalen Druck auf Loftsson und seine Unterstützer ausüben.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Die Situation in Island zeigt exemplarisch, wie schwer es ist, etablierte Wirtschaftsinteressen zu durchbrechen – selbst wenn diese längst keine ökonomische Grundlage mehr haben und gegen jede ethische Vernunft verstoßen. Ein einzelner Mann mit ausreichend politischem Einfluss und finanziellen Mitteln kann ein ganzes Land in Geiselhaft nehmen und eine internationale Ächtung in Kauf nehmen lassen.

Für die Finnwale zählt jetzt jeder Tag. Die sechs bereits getöteten Tiere dieser Saison sind sechs zu viel. Jedes dieser Individuen hätte noch Jahrzehnte leben können, hätte zur Fortpflanzung seiner bedrohten Art beitragen können. Stattdessen endeten ihre Leben qualvoll unter Harpunen – für ein Geschäft ohne Markt, für Fleisch ohne Abnehmer, für die Sturheit eines Mannes, der sich weigert einzusehen, dass die Zeit über ihn und seine blutige Industrie hinweggegangen ist.

Die kommenden Monate werden entscheidend sein. Gelingt es der isländischen Regierung, noch 2026 ein Verbot durchzusetzen? Wird die EU-Annäherung den nötigen Druck erzeugen? Oder werden bis 2029 hunderte weitere Finnwale sterben müssen, bevor die bis dahin gültige Lizenz ausläuft?

Für umweltbewusste Menschen weltweit bleibt die Botschaft klar: Aufmerksamkeit und öffentlicher Druck müssen aufrechterhalten werden. Islands Walfang ist kein isoliertes Problem einer fernen Insel – er ist ein Symbol dafür, wie wirtschaftliche Partikularinteressen und politische Verflechtungen den dringend notwendigen Schutz bedrohter Arten torpedieren können.

Die Zeit für leere Versprechungen ist vorbei. Was jetzt zählt, sind Taten – im isländischen Parlament ebenso wie auf den Gewässern vor der Küste, wo die "Bandero" und ihre Crew bereit sind, sich den Walfangschiffen in den Weg zu stellen. Für die Finnwale, die noch leben. Für eine Zukunft ohne Harpunen. Für Ozeane, in denen diese majestätischen Riesen wieder sicher schwimmen können.

Hintergrund: Der Finnwal

Finnwale (Balaenoptera physalus) können bis zu 27 Meter lang und über 70 Tonnen schwer werden. Sie gehören zu den Bartenwalen und ernähren sich hauptsächlich von Krill und kleinen Fischen. Ihre Lebenserwartung liegt bei 80 bis über 100 Jahren. Die Art wurde im 20. Jahrhundert durch intensive Bejagung an den Rand der Ausrottung gebracht. Obwohl sich die Bestände teilweise erholt haben, gilt die Art weiterhin als gefährdet. Die Internationale Walfangkommission (IWC) hat 1986 ein Moratorium für kommerziellen Walfang verhängt – Island nutzt jedoch eine Ausnahmeregelung und beruft sich auf sein Recht, gegen das Moratorium Einspruch eingelegt zu haben.

Weitere Informationen auch bei der Captain Paul Watson Foundation UK & Paul Watson Foundation Germany