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Wie Meeresriesen ihre Sprache entwickeln
Meeresriesen mit regionalen Sprachvarianten: Pottwale im Mittelmeer zeigen, wie sich Kommunikation im Tierreich verändert – und erinnern dabei an die menschliche Sprachentwicklung.
Pottwale sind wahre Meister der Unterwasserkommunikation. Mit kurzen Klicklauten, die sie zu charakteristischen Sequenzen zusammenfügen, verständigen sich die imposanten Meeressäuger untereinander. Doch diese sogenannten "Codas" klingen nicht überall gleich – selbst innerhalb des relativ kleinen Mittelmeers haben die Tiere regional unterschiedliche "Sprachvarianten" entwickelt.
Eine Reise durch 20 Jahre Walgesang
Forschende der University of Bristol um Taylor Hersh haben fast zwei Jahrzehnte lang den Unterhaltungen von Pottwalen zugehört. Zwischen 2003 und 2021 zeichneten sie über 5.000 dieser Klicksequenzen auf – und machten dabei eine faszinierende Entdeckung: Pottwale kommunizieren zwar ähnlich, aber längst nicht identisch.
Die Wissenschaftler verglichen dabei die "Sprache" der Tiere vor den griechischen Inseln mit jener der Wale rund um Mallorca und die Balearen. Das Ergebnis überraschte: Während die Pottwale im östlichen Mittelmeer, nahe dem Hellenischen Graben bei Kreta, beide Dialekte beherrschen, können ihre Artgenossen im Westen nur ihre eigene Variante.
Schneller Osten, gemächlicher Westen
Der Unterschied liegt im Tempo. Alle Mittelmeer-Pottwale verwenden hauptsächlich das gleiche Grundmuster: drei Klicks, eine kurze Pause, dann ein weiterer Klick – sozusagen das "3 plus 1"-Muster. Doch die östlichen Tiere "sprechen" deutlich schneller als ihre westlichen Verwandten. Besonders spannend: An manchen Tagen wechseln die Pottwale vor Griechenland zur langsameren, westlichen Variante. Warum sie das tun, ist noch nicht vollständig geklärt – möglicherweise unter bestimmten sozialen Umständen.
Eine Geschichte von Wanderung und Anpassung
Die Erkenntnisse erzählen eine Geschichte, die vor rund 20.000 Jahren begann. Damals wanderten Pottwale von Gibraltar aus ins Mittelmeer ein und breiteten sich allmählich nach Osten aus. Heute leben nur noch wenige Tausend dieser majestätischen Tiere im Mittelmeer – eine kleine, genetisch isolierte Population, die als stark gefährdet gilt. Schiffskollisionen und Fischernetze bedrohen ihren ohnehin fragilen Bestand.
Mit ihrer Wanderung entwickelte sich auch ihre Kommunikation weiter. Die Tiere im Osten haben im Laufe der Jahrtausende ihren eigenen, schnelleren Dialekt entwickelt, nutzen aber gelegentlich noch die ursprüngliche Sprachvariante ihrer Vorfahren – wie ein sprachliches Erbe, das nicht ganz vergessen wurde.
Kulturelle Evolution unter Wasser
Verglichen mit ihren Artgenossen im Pazifik oder der Karibik nutzen Mittelmeer-Pottwale ein relativ eingeschränktes Repertoire an Klickvariationen. Die Forschenden vermuten, dass dies mit der geografischen Ausbreitung zusammenhängt: Je größer das besiedelte Gebiet, desto vielfältiger entwickelt sich offenbar auch die "Sprache".
Die Unterschiede zwischen Ost und West reichen zwar noch nicht aus, um von völlig eigenständigen "Stimmclans" zu sprechen – so nennen Wissenschaftler Gruppen von Pottwalen, die sich durch charakteristische Kommunikationsmuster auszeichnen. Doch die Studie zeigt eindrücklich, wie räumliche Trennung und soziale Gruppenbildung zu neuen Dialekten führen können.
Parallelen zur menschlichen Sprache
Besonders faszinierend: Die Mechanismen, die bei Pottwalen zur Entstehung neuer Dialekte führen, ähneln stark der menschlichen Sprachentwicklung. Auch bei uns Menschen haben geografische Distanz und soziale Abgrenzung über Jahrtausende hinweg zu einer Vielfalt an Sprachen und Dialekten geführt. Die Variation im Tempo der Klicklaute scheint für Pottwale dabei eine besonders einfache und effektive Möglichkeit zu sein, ihre Gruppenzugehörigkeit auszudrücken und sich von anderen abzugrenzen.
Ob die sprachliche Trennung zwischen den östlichen und westlichen Mittelmeer-Pottwalen bereits abgeschlossen ist oder noch andauert, können die Forschenden anhand der vorliegenden Daten nicht eindeutig beantworten. Möglicherweise befinden wir uns gerade mitten in einem Prozess, der über Generationen hinweg zur Entstehung komplett eigenständiger Dialekte führen wird.
Die Ergebnisse der Studie wurden im renommierten Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlicht und geben uns einen seltenen Einblick in die kulturelle Evolution dieser faszinierenden Meeressäuger – ein Prozess, der sich über Jahrtausende erstreckt und uns zeigt, dass Sprache im Tierreich ebenso lebendig und wandelbar ist wie bei uns Menschen.
Quelle: Royal Society Publishing - Dialect variation in Mediterranean sperm whales
royalsocietypublishing.org/.../Dialect-variation-sperm-whales