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Verletzliche Tiere zwischen Netzen, Lärm und Klimawandel
Schweinswale sind die kleinen, oft unscheinbaren Bewohner unserer Küstengewässer – doch ihre Lage ist alles andere als unproblematisch. In der Ostsee, besonders in den binnenmeerartigen Bereichen rund um Rügen und den Darß, steht diese Art vor einer ernsthaften Existenzkrise.
Während einige Exemplare in Gefangenschaft vergleichsweise alt werden können, erleben freilebende Schweinswale meist nur ein kurzes Leben: Viele sterben bereits im Alter von sieben bis acht Jahren.
Kennt ihr Freija?
Wer Freija kennt, bekommt eine andere Perspektive: Freija lebt seit 1997 in der Forschungsstation Fjord&Bælt im dänischen Kerteminde und gilt mit rund 30 Jahren als der älteste bekannte Schweinswal der Welt. Ihr Schicksal zeigt, wie viel wir von einzelnen Tieren lernen können. Durch die gezielte Arbeit mit Freija und zwei weiteren Tieren haben Forschende wichtige Erkenntnisse über Wahrnehmung, Stressreaktionen und Verhaltensweisen gewonnen. Diese Erkenntnisse fließen direkt in Schutzmaßnahmen: so werden akustische Signale (Pinger) für Fischernetze getestet, Tracking-Tags zur Analyse von Bewegungsmustern entwickelt und Untersuchungen zur Reaktion auf Schiffsverkehr durchgeführt. (Videobericht unter: www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDov...)
Stellnetze und Unterwasserlärm gefährden die Schweinswale
Trotz solcher Hoffnungszeichen sind die Populationstrends alarmierend. Schätzungen zufolge sank die Zahl der Schweinswale in der westlichen Ostsee zwischen 2016 und 2022 von etwa 42.000 auf nur noch rund 14.000 Tiere. Die kleinere und isoliertere Population in der inneren Ostsee ist noch kritischer betroffen: Dort leben vermutlich nur zwischen 100 und 1.000 Individuen. Diese Gruppen sind zahlenmäßig so geschwächt, dass Zufallsverluste und lokale Störungen einen dramatischen Einfluss auf das Überleben der Population haben können.
Mehrere Faktoren wirken zusammen und verschärfen die Bedrohungslage. Stellnetze gehören zu den tödlichsten Gefahren: Schweinswale verfangen sich und ersticken häufig unbemerkt als Beifang. Zusätzlich verschlechtert das Verschwinden wichtiger Beutefische wie Hering die Nahrungsgrundlage. Fischereirückgänge sind wiederum oft Folge von Überfischung und ökologischen Veränderungen, die auch durch den Klimawandel begünstigt werden. Wärmere Wassertemperaturen verschieben Laichzeiten und Wanderungen von Fischen – die Nahrungsketten geraten aus dem Gleichgewicht, und für spezialisierte Fresser wie den Schweinswal wird das Auffinden ausreichender Nahrung schwieriger.
Ein weiterer, oft unterschätzter Stressfaktor ist Unterwasserlärm. Schiffsverkehr, Bautätigkeiten und Freizeitboote erzeugen Geräusche, die die Echolokation und Kommunikation der Tiere stören. Untersuchungen zeigen, dass Lärm Verhalten, Raumnutzung und Stresshormonspiegel beeinflussen kann. Schweinswale sind auf empfindliche akustische Signale angewiesen; dichte Schifffahrtsrouten können ihr Jagdverhalten beeinträchtigen oder sie aus wichtigen Lebensräumen vertreiben.
Die Kombination dieser Einflüsse führt zu einer prekären Situation: reduzierte Nahrungsverfügbarkeit, erhöhte Mortalität durch Beifang und chronischer Stress durch Lärm und Habitatveränderung schwächen die Populationen nachhaltig. Schutzmaßnahmen müssen daher mehrgleisig sein. Dazu gehören technische Lösungen wie verbesserte Netzausrüstung und Pinger, räumliche Managementmaßnahmen wie zeitlich begrenzte Fischereiausschlüsse in wichtigen Lebensräumen und die Einrichtung von Schutzgebieten, die Reduktion des Lärms von Schiffen durch langsamere Fahrt oder leisere Antriebe sowie die Wiederherstellung von Fischbeständen durch nachhaltige Fischereipolitik.
Die Forschungsstation Fjord&Bælt
Die Forschung liefert die Grundlage für solche Maßnahmen: Feldstudien, akustische Überwachungen und Telemetrie zeigen, wo Schweinswale besonders empfindlich sind und welche Störungen sie meiden. Die Arbeit an Stationen wie Fjord&Bælt ist dabei wertvoll, weil kontrollierte Experimente und Langzeitbeobachtungen Erkenntnisse liefern, die sich nur schwer rein in freier Wildbahn gewinnen lassen. Gleichzeitig machen diese Einrichtungen und dokumentierte Einzelschicksale wie Freija das Problem für die Öffentlichkeit begreifbar und erhöhen die Bereitschaft zum Handeln.
Für den Schutz der Schweinswale braucht es aber auch politische Entscheidungen und gesellschaftliche Unterstützung. Schutzkonzepte sollten Arten- und Habitatmanagement, Fischereiregulierung und maritime Raumplanung miteinander verknüpfen. Freiwillige Regeln für Schifffahrt, verpflichtende technische Standards für Fischerei sowie gezielte Forschung und Monitoring sind notwendig, um langfristig stabile Bestände zu ermöglichen.
Schließlich bleibt die Frage nach dem eigenen Beitrag: Verbraucherinnen und Verbraucher können mit einer nachhaltigen Fischwahl, der Unterstützung von Schutzprojekten oder der Beteiligung an lokalen Naturschutzinitiativen helfen. Jede Maßnahme für sauberere, leisere und fischereifreundlichere Meere kommt den Schweinswalen zugute – und damit dem gesamten Ökosystem der Ostsee.
ARD Mediathek Beitrag über Freija (bis 14.06.2028): https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDov...
Quellen
- Fjord&Bælt (Informationen zu Freija und Forschungsarbeiten): https://www.fjord-baelt.dk
- HELCOM / Baltic Marine Environment Protection Commission (Berichte zur Population und Gefährdung des Schweinswals): https://helcom.fi
- IUCN (Allgemeine Infos zu Phocoena phocoena und Bedrohungen): https://www.iucn.org