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Wenn Tauchen zum aktiven Meeresschutz wird
Geisternetze – für viele Taucher sind sie ein beklemmender Anblick unter Wasser. Verheddert in Wracks, gespannt über den Meeresboden oder scheinbar harmlos treibend – und doch tödliche Fallen. Spätestens seit dem tragischen Fall des Buckelwals „Timmy / Hope“, der mit Netzresten im Maul für Schlagzeilen sorgte, ist das Thema in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Für uns Taucher stellt sich nun eine wichtige Frage: Kann ich helfen – und wenn ja, wie?
Genau hier setzt die Arbeit der Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V. an. Voraussetzung für die Unterstützung an den Bergungen ist die Teilnahme an einem entsprechenden Workshop (oder Einsätze bei anderen Organisationen, wie z.B. Greenpeace, Sea Shepherd, WWF, Baltic Sea Heritage Rescue Project…). Seit 2022 bietet die GRD spezielle Workshops zur Vorbereitung auf Geisternetzbergungen an.
Mehr Informationen findet man direkt hier: https://www.delphinschutz.org/projekte/geisternetze/ und https://www.delphinschutz.org/projekte/geisternetze/workshops/
Maike vom Taucher.Net-Team hatte im April die Gelegenheit, an einem dieser Workshops in einer kleinen Gruppe in Gifhorn bei Wolfsburg (Niedersachsen) teilzunehmen – und kann vorweg sagen: „Es war intensiv, lehrreich und hat meinen Blick auf solche Einsätze nachhaltig verändert.“
Warum Geisternetze so gefährlich sind
Die Zahlen sind erschreckend: Jährlich sterben weltweit über 300.000 Wale, Delfine und Schweinswale als Beifang in Fischernetzen. Hinzu kommen Millionen Fische, Seevögel und andere Meerestiere, die in verlorenen Netzen verenden. Diese sogenannten Geisternetze bestehen meist aus Kunststoff und können bis zu 600 Jahre im Meer verbleiben – und in dieser Zeit unaufhörlich weiter „fischen“.
Allein in der Ostsee kommen jährlich 5.000 bis 10.000 solcher Netze hinzu. Weltweit jedes Jahr schätzungsweise sogar über eine Million verlorenes Fanggerät! Die Ursachen sind vielfältig: Stürme, Unfälle oder das Verhaken an Wracks und Hindernissen. Zwar besteht eine Meldepflicht für verlorene Netze, doch diese wird in der Praxis oft ignoriert.
Besonders dramatisch: Geisternetze werden nicht nur zur Todesfalle für Fische, sondern auch für größere Tiere. Delfine, Robben oder auch Seevögel verheddern sich oder bleiben beim Versuch, Beute aus den Netzen zu fressen, hängen. Auf Helgoland beispielsweise nutzen Basstölpel Kunststoffreste aus Netzen für den Nestbau – mit fatalen Folgen für Altvögel und Küken.
Die GRD und ihr Engagement
Die Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V. engagiert sich bereits seit 1991 für den Schutz von Delfinen und anderen Meeressäugern. Neben Aufklärungsarbeit und anderen Initiativen gehören auch praktische Maßnahmen wie die Bergung von Geisternetzen dazu. Diese Einsätze erfolgen ehrenamtlich – ein wichtiger Punkt, den man nicht unterschätzen sollte. Anreise, Unterkunft und Verpflegung werden von den Teilnehmern selbst getragen. Die GRD finanziert sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge.
Um Taucher optimal auf diese anspruchsvollen Einsätze vorzubereiten, wurden Workshops ins Leben gerufen. Geleitet werden sie von Wolfgang Düfer, einem sehr erfahrenen Tauchlehrer mit über 3.000 Tauchgängen, unterstützt von Susanne Bordin, die seit 2022 ebenfalls aktiv das Meer von Geisternetzen befreit. Beide bringen nicht nur Know-how, sondern auch jede Menge Leidenschaft für den Meeresschutz mit.
Teilnehmer aus ganz Deutschland und aus angrenzenden Ländern sind vertreten bei den Workshops in der schönen Mühlenstadt in Niedersachsen, um sowohl Theorie als auch Praxis vor dem ersten echten Einsatz zu absolvieren. Die Kosten belaufen sich für die Teilnehmer auf 120 Euro für zwei Tage – die dafür ausgestellte Spendenquittung kann steuerlich genutzt werden. Bei Bedarf fahren Wolfgang und Susi auch z.B. nach Süddeutschland, wenn dort ein Tauchverein oder eine Tauchclique mit mehreren Teilnehmern Interesse an den Workshops hat!
Thema Sicherheit bei der Geisternetz-Bergung
Während des Workshops sind die Teilnehmer übrigens – für den Fall des Falles - über den zu Wolfgang gehörenden Tauchertreff Meinersen versichert. Bei Bergungen mit der GRD schließlich sind alle Taucher/innen automatisch versichert, da generell nur GRD-Fördermitglieder teilnehmen dürfen. Die Fördermitgliedschaft liegt bei 35€ pro Jahr und schließt den Schutz entsprechend mit ein.
Der Leitsatz „Eigensicherung geht vor Netzbergung!“ ist oberstes Gebot und darf niemals im Eifer des Gefechtes in Vergessenheit geraten. Wolfgang ist seit 2019 beim GRD dabei und bis heute gab es zum Glück keine nennenswerten Unfälle. Safety first!
Voraussetzungen für die Teilnahme
Der Workshop richtet sich nicht an Tauch-Einsteiger. Wer an Bergungen teilnehmen möchte, muss einiges an Erfahrung mitbringen:
- mindestens 60 geloggte Tauchgänge
- Erfahrung im Trockentauchen
- Routine in Tiefen bis 30 Meter
Übrigens: Bei der GRD zählt nicht, bei welchem Verband man ist oder ob man mit Doppelgerät, 15-Liter-Flasche oder Rebreather taucht. Entscheidend sind Erfahrung, Teamfähigkeit – und vor allem der Wille, aktiv zu helfen.
Wir sind alle Taucher – und nur gemeinsam können wir etwas bewegen!
Tag 1: Theorie, die unter die Haut geht
Der Workshop beginnt mit einer Vorstellungsrunde. Schnell wird klar: Jeder Teilnehmer hat seine ganz eigenen Gründe, hier zu sein – vom Wunsch, aktiv etwas zu bewegen, bis hin zu persönlichen Erlebnissen mit Netzen unter Wasser!
Ein zentraler Bestandteil des 1. Tages ist die ZDF-Dokumentation „planet e.: Geisternetze – Gefahr vom Meeresgrund“ ( https://www.youtube.com/watch?v=mbJMR4v1aJQ ) mit traurigen Bildern und Informationen, die aufwecken. Wolfgang pausiert immer wieder mal, erklärt Hintergründe und berichtet aus eigener Erfahrung – unter anderem von seiner ersten Bergung im Jahr 2019, die in der Doku auch gezeigt wird.
Besonders eindrücklich sind die Einblicke in echte Einsätze: Taucher, die in der kalten, oft dunklen Ostsee Netze bergen, unterstützt von Booten und Hebesäcken. Netze, die auch mal 500 kg wiegen und nur über einen Kutter mit Seilwinde geborgen werden können. Situationen, in denen Planung, Erfahrung und Teamwork über die Sicherheit entscheiden!
Ein Punkt bleibt besonders hängen: Eigentlich müsste die Bergung von Geisternetzen eine staatliche Aufgabe sein. In der Realität übernehmen jedoch überwiegend (teils ehrenamtliche) Organisationen diese gefährliche Arbeit.
Kernfakten der planet e-Sendung:
- Ausmaß: Jährlich verenden ca. 130.000 Delfine, Seehunde, Wale sowie Millionen Fische und Vögel in den Netzen.
- Ursachen: Netze gehen durch Stürme, Unfälle oder Verhaken am Meeresboden verloren.
- Bergung: Die GRD nutzt Hebesäcke (Tragkraft 20–500 kg), um die Netze aus der Ostsee zu bergen.
- Problematik: Die Meldepflicht für verlorene Netze wird oft missachtet. Wenn ein Fischer sein Stellnetz verliert, hat er die Pflicht dieses zu melden, damit es geborgen werden kann. Jedoch wird diese Meldepflicht meist leider ignoriert.
Hier muss unbedingt gehandelt werden; die GRD tut dies durch entsprechende Einsätze, denn jedes Netz, dass geborgen wird, kann nicht mehr töten! Jährlich finden zwei bis drei GRD-Wochenend-Einsätze auf bzw. vor Rügen statt. Zur schnellen Verständigung für neue Termine und Detailabsprachen gibt es eine Whats App Gruppe mit aktuell ca. 100 Mitgliedern; etwa 10 Taucher sind im Schnitt bei den Einsätzen vor Ort.
Die Dokumentation zeigt neben den Gefahren auch Lösungsansätze und Bergungsaktionen auf und ist via youTube Mediathek verfügbar: youtube.com/watch?v=mbJMR4v1aJQ
Ghostnet-App
Es gibt mittlerweile Apps, wie z.B. Ghostnet, in denen gefundene Geisternetze angezeigt werden. Hier kann dann entsprechend vorab durch Taucher geprüft werden, wie das Netz geborgen werden kann, auf welcher Tiefe es liegt etc.. Dank moderner Technik ist dies heutzutage eine gute Hilfe für die Bergungs-Planung.
Geisternetz-Schmuck für den guten Zweck
Die GRD arbeitet mit der Firma ColorSwell (https://www.colorswell.de/ )zusammen. Eine kleine Handwerksmanufaktur, die Armbänder, Ketten und Ohrringe anfertigt. Die Schmuckstücke entstehen aus alten, angeschwemmten Fischernetzen und Seilen. Nach der Reinigung werden die Materialien in liebevoller Handarbeit zu nachhaltigem Schmuck und maritimen Accessoires verarbeitet – jedes Stück ein Unikat mit viel Geschichte.
Ausrüstung und Gefahren unter Wasser
Ein weiterer Schwerpunkt der Dokumentation und auch der späteren Präsentation durch Wolfgang liegt auf der richtigen Ausrüstung mit passender Positionierung seines Equipments – jeder Griff muss sitzen. Man muss alles blind finden. Nichts darf herumhängen und ggf. als Gefahrenquelle agieren.
Zudem geht es natürlich um das richtige Werkzeug:
- Schnittfeste Handschuhe (z.B. mit Kevlar) sind Pflicht!
- Messer, Sägen und Leinen-Cutter müssen griffbereit sitzen!
- Drahtscheren sind notwendig für Stahlseile („Herkulesseile“)
- Hebesäcke mit Tragkräften von 20 bis 500 kg kommen zum Einsatz!
Was viele unterschätzen: Die Technik unter Wasser unterscheidet sich deutlich von der an Land. Bewegungen sind langsamer, Widerstände anders – und die eigene Tarierung muss gleichzeitig stabil bleiben.
Hinzu kommen Gefahren, die man nicht sofort auf dem Schirm hat. Viele Wracks in der Ostsee stammen aus den Weltkriegen oder aus DDR-Zeiten. Munition, Minen oder andere explosive Altlasten sind keine Seltenheit. Hier heißt es: Augen auf und Abstand halten.
Praxis an Land: Erste Aha-Momente
Nach dem ersten Teil der Theorie von Tag 1 geht es raus an die frische Luft. Ein vorbereitetes Geisternetz hängt bereit, dazu eine Auswahl an Werkzeugen – und eine Kiste voller Müll, gesammelt bei einem Strandspaziergang in Dänemark. Ein eindrücklicher Reminder, wie achtlos oft mit unserer Umwelt umgegangen wird. Um hier schon die Kleinsten zu sensibilisieren, bietet Wolfgang sogar kind-gerechte Workshops zum Thema Müll und Umweltverschmutzung in Schulen in der Region an.
Wir probieren verschiedene Werkzeuge aus und merken schnell: Selbst an Land ist es teilweise ein Kraftakt, bestimmte Seile zu durchtrennen. Besonders die – von außen nicht erkennbaren – Herkulesseile (Drahtseile) haben es in sich.
Auch die Handhabung der Hebesäcke wird demonstriert. Wie befestigt man sie richtig? Wie sorgt man für einen kontrollierten Auftrieb? All das sind Dinge, die später unter Wasser sitzen müssen.
Teamarbeit und Ablauf einer Bergung
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Organisation unter Wasser. Eine Bergung erfolgt immer im Team, meist in Dreiergruppen. Die Aufgaben werden vorab klar verteilt:
- Wer schneidet oder sägt?
- Wer fixiert die Hebesäcke?
- Wer sorgt für Licht und Überblick?
Während des Tauchgangs werden die Rollen regelmäßig gewechselt, da die einzelnen Arbeiten extrem kräftezehrend sind. Nach etwa 30 Minuten ist oft Schluss – dann übernimmt das nächste Team. Diese Struktur sorgt nicht nur für Effizienz, sondern auch für Sicherheit.
Tag 2: Abtauchen und Realität checken
Am zweiten Tag geht es ins Wasser – zum praktischen Teil im Allersee bei Wolfsburg. Ein präpariertes Netz, das Susi und Wolfgang bereits morgens auf dem Plateau im Allersee in einem early-morning-dive platziert haben - wartet auf die Teilnehmer.
Nach dem Briefing durch Wolfgang und Susi bilden die Teilnehmer eigenständig Teams und planen ihren Tauchgang. Wer macht was? Welche Werkzeuge kommen zum Einsatz? Unter Wasser wird dann schnell klar: Theorie und Praxis sind zwei völlig verschiedene Dinge!
Die Kombination aus Tarierung, eingeschränkter Sicht, körperlicher Anstrengung und Aufgabenkoordination fordert volle Konzentration. Selbst einfache Schnitte kosten Kraft – und das auf wenigen Metern Tiefe. In der Realität liegen die Netze meist deutlich tiefer – größtenteils auf 20 bis 30 Meter.
Es gilt bei diesem Tauchgang alle möglichen Situationen am Netz zu durchleben, mit Säge oder Drahtschere, normales Netz oder mit Stahllitze und die Hebesäcke an den richtigen Positionen fixieren und aufsteigen lassen.
Es hat alles geklappt, das Team hat das Geisternetz erfolgreich lösen und bergen können. Herzlichen Glückwunsch!
Erkenntnisse aus der Praxis
Nach dem Tauchgang folgt das Debriefing – und hier wird durch Susi ehrlich analysiert. Anfangs wurde teilweise zu zögerlich gearbeitet. In echten Einsätzen ist dafür keine Zeit. Jeder muss wissen, was er zu tun hat und es muss zügig Hand in Hand gearbeitet werden. Gleichzeitig sind sich alle einig; genau dafür ist der Workshop da. Fehler machen, lernen, verbessern!
Ein Teilnehmer bringt es auf den Punkt: „Es war mega – und sehr aufschlussreich, alle Techniken mal Unterwasser durchzuspielen. Ich hätte nicht gedacht, wie anstrengend das ist – und wie wichtig es ist, die Abläufe wirklich zu kennen. Ich kann den Kurs absolut empfehlen! Wolfgang und Susi erklären toll und haben hilfreiche Tipps gegeben.“ Umso wichtiger ist die Teilnahme an diesem Workshop, denn wenn jemand erst auf Rügen das erste Mal mit runtergeht und dann überfordert ist, weil er gar nicht weiß, was ihn in der Praxis tatsächlich erwartet, kann die ganze Aktion kippen und auch gefährlich werden für diesen Taucher und auch alle anderen, die sich dann ggf. unter Wasser noch um ihn kümmern müssen.
Fazit: Mehr als nur ein Tauchkurs
Der Workshop der Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V. ist kein gewöhnlicher Specialty-Kurs. Er ist eine intensive Vorbereitung auf eine Aufgabe, die Mut, Können und Teamgeist erfordert. Alle Teilnehmer dieses Wochenendes haben bestanden und erhalten Teilnehmer-Urkunde und ein passendes Brevet, welches für die Legitimation für die Einsätze sehr wichtig ist.
Für die Teilnehmer war es ein Wochenende voller neuer Eindrücke – und auch einer gewissen Demut. Denn eines ist klar geworden: Geisternetzbergung ist nichts, was man „mal eben“ macht.
Aber: Es ist eine Möglichkeit, als Taucher aktiv etwas zu bewegen.
Jedes geborgene Netz bedeutet weniger Leid unter Wasser.
Und genau das macht den Unterschied.
Alle waren begeistert und sind nun auch bereits in besagter GRD-Whats App Gruppe; sie fiebern nun ihrem ersten Einsatz zur Geisternetzbergung entgegen.
Weitere Infos und Termine findet ihr direkt bei der Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V.: https://www.delphinschutz.org/ Hier gibt es Infos im Allgemeinen zur GRD und auch im speziellen zum Thema Geisternetze. Vielleicht sieht man sich ja beim nächsten Workshop – oder sogar bei einem Einsatz vor Rügen?