Warmes Wasser, volle Teller: Bartenwale entdecken Ostgrönland neu

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13.08.2026 09:29
Kategorie: News

Ein neues Bild vor der grönländischen Küste

Wo noch vor 20 Jahren Packeis die Küste säumte, tummeln sich heute im Sommer tausende Bartenwale. Vor Ostgrönland hat sich eine regelrechte "Fressgemeinschaft" aus drei Walarten etabliert – ein direktes Resultat des Klimawandels, wie eine neue Studie im Fachjournal „Frontiers in Marine Science“ zeigt.

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Ein Forschungsteam um Mads Peter Heide-Jørgensen vom Greenland Institute of Natural Resources hat über Jahrzehnte hinweg Daten zusammengetragen: systematische Flugzeugzählungen aus den Jahren 2015 und 2024, zusätzliche Beobachtungen aus der Luft von 2022, Berichte von Inuit-Jägern zwischen 2023 und 2025, Schiffssichtungen seit 1987 sowie Satellitendaten von 15 besenderten Walen. Das Ergebnis ist eindeutig: Fin-, Buckel- und Zwergwale sind an der Ostküste Grönlands, mindestens bis 70° Nord, inzwischen regelmäßige Gäste – Arten, die dort historisch nur vereinzelt auftauchten.

Die Zahlen belegen den Wandel eindrücklich. Bei Schiffsbeobachtungen gab es bis 2006 keine einzige Buckelwal-Sichtung, 2007 waren es sieben, 2015 bereits 26, und 2024 über 150. Insgesamt schätzen die Forscher, dass im Sommer 2024 rund 4.000 Buckelwale, 6.000 Finnwale und etwa 4.500 Zwergwale die Region besuchten. Im August 2025 beobachtete eine Schiffsbesatzung sogar Ansammlungen von bis zu 50 Tieren gleichzeitig – nördlich des Polarkreises.

Ein Fisch namens Lodde…

Was zieht die Wale in solchen Mengen an? Die Antwort liegt im Magen: Lodde (Capelin), ein kleiner, kältesuchender Fisch, gehört zu den wichtigsten Beutetieren aller drei Walarten. Seit Mitte der 2000er-Jahre hat sich die Lodde zunehmend von den wärmer werdenden Gewässern nördlich Islands weg in Richtung Grönlandsee verschoben. Die Wale sind dieser Verschiebung offenbar gefolgt. Nach Schätzungen der Studie verzehren die Bartenwale während ihres rund viermonatigen Sommeraufenthalts in Ostgrönland zusammen etwa eine Million Tonnen Beute – ein erheblicher Teil davon Lodde und Krill.

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Ursache für diese Entwicklung sind zwei parallele physikalische Veränderungen: Die Meeresoberflächentemperatur vor Ostgrönland ist seit einem klaren Wendepunkt in den späten 1990er-Jahren um etwa 1 °C gestiegen, und die sommerliche Packeisgrenze hat sich seit den frühen 2000er-Jahren deutlich nach Norden zurückgezogen. Beides zusammen hat den Bartenwalen den Zugang zu den früher eisbedeckten Küstengewässern erst ermöglicht.

Ein Ökosystem im Umbau

Für die Forscher ist das mehr als eine kuriose Randnotiz: Sie sprechen von einer "Borealisierung" des ostgrönländischen Ökosystems – gemäßigte, an offenes Wasser angepasste Arten verdrängen zunehmend eisgebundene Spezialisten. Narwale etwa, die traditionell in dieser Region zuhause sind und auf Eisnähe angewiesen sind, teilen sich ihren Lebensraum nun verstärkt mit den neu eingewanderten Bartenwalen oder werden stellenweise verdrängt.

Immerhin ein Lichtblick: Eine kommerzielle Lodde-Fischerei gibt es in diesem Gebiet bisher nicht, sodass Nahrungskonkurrenz zwischen Mensch und Wal aktuell kein Thema ist. Ob das so bleibt, während sich Fischbestände und mit ihnen ganze Nahrungsnetze weiter nach Norden verschieben, ist eine andere Frage. Für Taucher und alle, die sich für die Zukunft der arktischen Unterwasserwelt interessieren, ist die Studie ein weiteres eindrückliches Beispiel dafür, wie unmittelbar und schnell sich Klimaveränderungen auf komplette marine Ökosysteme auswirken können.

Quelle: Heide-Jørgensen et al. (2026): "Feeding frenzies of baleen whales along East Greenland", Frontiers in Marine Science