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Fischertag, Gewalt und Tierschutz
Am Wochenende sprangen neun Aktivisten der Captain Paul Watson Foundation beim Memminger Fischertag in den Stadtbach, um Forellen vor dem Ausfischen zu schützen. Videos, die inzwischen kursieren, zeigen etwas, das man nicht relativieren sollte: Die Aktivisten wurden geschubst, getreten, mit dem Kescher geschlagen. Die Polizei hat Ermittlungen eingeleitet.
Wer gewaltfrei protestiert, darf nicht angegriffen werden – das ist keine Frage der politischen Haltung, sondern eine des Rechtsstaats. Wer diese Grenze mit Fäusten überschreitet, hat sich ins Unrecht gesetzt, egal wie man zur Aktion selbst steht.
Doch genau hier fängt die eigentliche Debatte erst an, und die reicht deutlich über einen Stadtbach in Schwaben hinaus. "Das haben wir schon immer so gemacht" reicht 2026 als Begründung nicht mehr aus. Klar geben Traditionen Halt und verbinden Generationen, aber ihr Alter allein macht sie nicht automatisch richtig.
Manche Bräuche haben sich mit unserer Gesellschaft weiterentwickelt. Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Der spanische Stierkampf funktioniert nur, weil am Ende ein Tier öffentlich zu Tode gequält wird. Nicht wenige historische Vereine wiederum haben Frauen erst nach juristischem Druck aufgenommen…
Und nun zurück nach Memmingen: beim Fischertag sterben hunderte Tiere, damit irgendwer einen Königstitel bekommt. In allen drei Fällen hält sich die Tradition nur, weil sie genau die Werte verletzt, die wir sonst für selbstverständlich halten.
Das ist kein Aufruf um „eine“ Tradition sofort abzuschaffen. Eine Weiterentwicklung wäre aber durchaus wünschenswert, so wie sich die Gesellschaft weiterentwickelt, in der wir alle leben. Solche Anpassungen sind machbar, wenn der Wille dazu vorhanden ist.
Nur "Kulturerbe" zu rufen, sobald Kritik kommt, ist keine Verteidigung, sondern Verweigerung. Bestandsschutz ist eben nicht dasselbe wie Legitimität. Und ohne Rückhalt in der Gesellschaft hält so eine Tradition auf Dauer sowieso nicht durch.
Ob die Aktion in Memmingen als mutiger ziviler Ungehorsam oder als wirkungslose Provokation in Erinnerung bleibt, kann man diskutieren. Die Gewalt gegen die Aktivisten lässt sich dagegen nicht diskutieren. Und dass eine jahrhundertealte Gewohnheit allein noch keine Rechtfertigung ist, sollte inzwischen eigentlich auch klar sein.
| Wir hängen euch auch die Original Pressemeldung der Paul Watson Foundation an unseren Kommentar an. (Generelle Informationen zu diesem Fischertag findet man einfach über eine kleine Internetsuche): Der Memminger Fischertag zählt zu den ältesten Bürgerfesten Bayerns. Seinen Ursprung hat er in der nötigen Reinigung von Abfällen. Eine praktische, arbeitsteilige Tradition, aus der sich über Jahrhunderte ein großes städtisches Fest entwickelte. Die CPWF hat die Stadt und den Fischertagsverein bereits im letzten und auch dieses Jahr öffentlich aufgefordert, das Ausfischen ab 2026 zu unterlassen oder in eine tierleidfreie Version umzuwandeln.Ein Gesprächsangebot gab es von Seiten des Vereins wie auch des Oberbürgermeisters oder der politischen Vertreter nicht, stattdessen wurde uns gegenüber wiederholt auf den Status des Fischertags als immaterielles Kulturerbe und größtes Fest der Stadt verwiesen. Genau das soll er aus unserer Sicht auch bleiben, nur ohne das massenhafte Töten von Tieren zur Ermittlung eines Fischerkönigs. “Traditionen sind in allen Kulturen vorhanden und historisch wie gesellschaftlich wichtig, aber bei vorsätzlichen und sinnlosem Töten von Tieren hört der Spaß auf.” Wir verweisen zudem auf ein Berufungsurteil des Landgerichts Memmingen vom 28. Juli 2021 – ergangen in einem Gleichbehandlungsstreit um die Aufnahme einer Frau in die Fischer-Untergruppe, nicht in einem Tierschutzverfahren. Darin hielt das Gericht fest, dass sich die Vereinspraxis von einer originalgetreuen historischen Nachstellung entfernt habe und der Spaßfaktor im Fokus stehe. Wir werten dies als Beleg dafür, dass es beim Ausfischen vorrangig um Wettbewerb und Unterhaltung geht, weshalb der nach § 1 Tierschutzgesetz erforderliche vernünftige Grund fehlt. Die Ermittlung des Fischerkönigs gleicht einem in Deutschland nicht erlaubten Wettfischen. Gestern um Punkt 8 Uhr, beim Startschuss des Ausfischens, sind neun Aktivist:innen der CPWF in den Stadtbach gesprungen. Ihr Ziel war es, den Zugang zum Tunnel unter der Autobrücke am Schrannenplatz zu blockieren und dort einen geschützten Rückzugsraum für die Forellen zu schaffen, um so das Leben möglichst vieler Tiere zu schützen. Die Aktion löste heftige Reaktionen der Fischer und Zuschauenden aus. Unsere Aktivist:innen, vor allem die weiblichen unter ihnen, wurden von den ausschließlich männlichen Fischern teils massiv körperlich angegriffen, unter anderem mit Schlägen des Keschers gegen Kopf und Gesicht sowie Tritten gegen Hände und Füße. Die Polizei räumte die östliche Tunnelöffnung vergleichsweise schnell, die westliche Seite konnten wir deutlich länger blockiert halten, auch dort kam es wiederholt zu Attacken. Als die Polizei schließlich auch das Westende räumte, jubelten Zuschauende, die unsere Aktivist:innen zuvor zum Verlassen des Baches aufgefordert hatten. Unbemerkt von der Polizei hinderten Fischer und Teile des Publikums unsere Aktivist:innen jedoch am Verlassen des Stadtbaches und griffen sie an, bis die Polizei auch gegen die Fischer einschreiten musste. “In Memmingen, der Stadt der Freiheitsrechte, sollten die Freiheitsrechte auch für ihre Forellen gelten." -Tom Sterath Die “Stadt der Freiheitsrechte” tötete am gestrigen Samstag erneut mehrere hundert Forellen und ermittelte ihren Fischerkönig. Es war jedoch das erste Mal in der Geschichte des Fischertags, dass Aktivist:innen aktiv versucht haben, während des Ausfischens Leben zu retten, nachdem es bereits in den Tagen zuvor mehrere Unternehmungen gab, mit denen man die Zahl der Opfer reduzieren wollte. Die Captain Paul Watson Foundation wird weiter dafür kämpfen, dass irgendwann keine Forellen in Memmingen mehr sterben müssen und trotzdem ein Fischerkönig ermittelt werden kann. |