Tonnenweise vergessenes Gift auf dem Meeresgrund

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27.08.2026 19:53
Kategorie: News

8.000 Angelgewichte an zwei Nordsee-Wracks

Zwei Schiffswracks, mehr als acht Jahrzehnte auf dem Grund der Nordsee, und mittendrin ein stiller Zeuge jahrzehntelanger Freizeitfischerei: Taucher haben an der SS Kilmore und dem Leuchtschiff LTV West-Hinder, rund 30 Kilometer vor Nieuwpoort, insgesamt 8.177 bleihaltige Angelgewichte geborgen – zusammen mehr als 2,5 Tonnen.

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Die Auswertung stammt vom Flämischen Meeresinstitut (VLIZ) und dem Agentschap Onroerend Erfgoed, das für den Denkmalschutz unter Wasser zuständig ist.

Ein Archiv verlorener Angelausrüstung: 6.093 der Gewichte lagen an der SS Kilmore, 2.084 am West-Hinder – beide Wracks zählen zu den 44 offiziell geschützten Wracks im belgischen Nordseeteil, wo Fischen und Ankern heute strikt verboten ist. Vor dem Schutzstatus waren sie beliebte Ziele für die sogenannte Wrackangelei, da sich an solchen Strukturen besonders viele Fische sammeln.

Die einzelnen Bleigewichte wogen zwischen 43 und 1.156 Gramm, im Schnitt rund 312 Gramm. Wie lange sich diese Menge über die Jahrzehnte angesammelt hat, lässt sich laut den Forschern nicht mehr rekonstruieren – vermutlich seit den 1980er-Jahren, als bessere Navigationstechnik die Wracks für Angler leichter auffindbar machte.

Die Bleigewichte stammen aus größeren Aufräumaktionen, die bereits einige Jahre zurückliegen: Ein Taucherteam hatte im Auftrag der belgischen Gesundheitsbehörde zunächst rund 4,5 Tonnen Meeresmüll vom West-Hinder geborgen, 2023 folgten am Wrack der SS Kilmore weitere 8 Tonnen – Fischernetze, Plastik und eben Bleigewichte.

Der damals zuständige Nordsee-Minister Vincent Van Quickenborne bezeichnete das Wrack als "Barometer für den Müll in der gesamten Nordsee". Die jetzt veröffentlichte VLIZ-Auswertung ordnet einen Teil dieses geborgenen Materials im Detail ein.

Für die Forscher ist der Fund vor allem ein Fundament für die Zukunft: Wer genau weiß, welche Bleiformen Angler tatsächlich verwenden, kann gezielter an umweltfreundlichen Alternativen aus Eisen, Beton oder Glas arbeiten.

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Warum Blei im Wasser ein Problem ist

Blei ist ein Schwermetall, das sich in der Umwelt kaum abbaut und sich in Organismen anreichern kann. Besonders gefährdet sind Wasservögel: Sie verwechseln kleine Bleiteile häufig mit Nahrung oder mit den Steinchen, die sie zur Verdauung benötigen, verschlucken sie und verenden qualvoll an einer Bleivergiftung – ein Effekt, der etwa bei Höckerschwänen in Großbritannien gut dokumentiert ist. Elementares Blei oxidiert im Wasser relativ schnell und wird dadurch kaum löslich, was das direkte Risiko für Fische begrenzt, doch an der Wasseroberfläche und für grundelnde Vögel bleibt es eine Gefahr.

Wie groß der tatsächliche Beitrag der Angelfischerei zur gesamten Bleibelastung der Meere ist, wird kontrovers diskutiert: Anglerverbände verweisen darauf, dass Industrie und Altlasten den Löwenanteil der Bleieinträge verursachen, während Naturschutzorganisationen auf die europaweit erhebliche Gesamtmenge verlorenen Angelbleis verweisen – die Europäische Chemikalienagentur ECHA schätzt, dass ohne Regulierung in den kommenden 20 Jahren bis zu 876.000 Tonnen Blei zusätzlich in die Umwelt gelangen könnten.

Die EU reagiert

Genau hier setzt eine neue EU-Regelung im Rahmen der Chemikalienverordnung REACH an: Bleihaltige Angelgewichte sollen künftig schrittweise verboten werden, mit Übergangsfristen von mehreren Monaten bis zu fünf Jahren je nach Produktkategorie. Kleinere Ausnahmen bleiben bestehen, etwa für Bleianteile unter einem Prozent des Gesamtgewichts. Bis die Umstellung auf bleifreie Alternativen europaweit abgeschlossen ist, dürfte es allerdings noch dauern – und die Wracks vor Nieuwpoort zeigen eindrücklich, wie lange sich verlorenes Blei am Meeresgrund hält, selbst wenn die Angelei dort längst verboten ist.

Weitere Informationen:
GrenzEcho
VLIZ/Recreatieve Zeevisserij
VRT NWS
Anglerverband Hamburg