Tom Oberhubers sagenhafter 24-Stunden Apnoe-Weltrekord

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03.06.2019 08:23
Kategorie: Diverses

26.350 Meter lächeln, trinken, durchziehen...

Als Tom Oberhuber bei seinem Rekordversuch die anvisierten 24 Kilometer getaucht hatte, begann seine Zugabe. Der 46jährige Österreicher war am Freitag, den 3. Mai angetreten, um einen neuen Weltrekord im 24-Stunden Apnoe-Streckentauchen aufzustellen. Bei 23,55 Kilometer in 24 Stunden lag der bisherige Rekord des Freiburger Apnoesportlers André Grabs.

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Schon rund eineinhalb Stunden vor Ablauf der 24 Stunden war der neue Rekord von Tom gepackt. Was sich im Innsbrucker Hallenbad Amraser Straße am 3. und 4. Mai abspielte, ist mit Zahlen und Fakten allein nicht zu fassen. Es war eine 24-stündige Topleistung vorangegangen, als Tom am Samstagnachmittag um 15.59 Uhr die Wasseroberfläche am Ende seiner letzten 25-Meter-Bahn durchbrach und wie in Trance seine 15 Sekunden dauernde, von vier Atemzügen begleitete Oberflächenpause bis zur nächsten Bahn begann (wir berichteten). Etwas irritierte ihn, denn es brandete ohrenbetäubender Jubel auf! Erst jetzt begriff der aus Mils bei Innsbruck stammende Techniker eines Planungsbüros, dass es vorbei war: Geschafft! Insgesamt 26,35 Kilometer, das sind 1054 Bahnen à 25 Meter, hatte Tom in den 24 Stunden getaucht, rund um die Uhr einem großen Plan folgend, exakt bis ins kleinste Detail strukturiert und dennoch so unplanbar und wechselhaft, dass man sich automatisch die Frage stellt: „Wie kann man so etwas auf sich nehmen?“

Tom Oberhuber ist ein Phänomen. Erst vor etwas mehr als zehn Jahren begann er mit seiner Frau Monika mit dem Gerätetauchen. Das Buch „Grenzbereiche meistern durch mentale Stärke“ des neunmaligen Apnoe-Weltrekordinhabers Christian Redl brachte Tom 2012 erstmals in Kontakt mit dem Thema Apnoetauchen.
Ein Geburtstagsgeschenk seiner Frau führte ihn nach Graz zu einem Apnoe-Wochenendworkshop des erfolgreichen österreichischen Apnoesportlers und dort passierte es: “Es ist fast wie ein Virus... Nach diesem Seminar war ich total fasziniert und infiziert vom Apnoetauchen und ich wusste, dass mich diese Sportart noch lange und intensiv beschäftigen wird“, erzählt Tom von seiner Apnoe-Initialzündung.

Inzwischen gewann er acht Goldmedaillen bei den österreichischen Meisterschaften und kratzt im Statik (Zeittauchen) an der 7 Minuten Grenze, taucht die Strecke ohne Flosse 125 Meter und mit Flosse 161 Meter.

Keine Spaßveranstaltung: 24 Kilometer in einem Hallenbad tauchen

Tom war schon in seiner Jugend aktiver Ausdauersportler. Noch heute ist er auf der Mittel- und Langstrecke unterwegs, im vergangenen Jahr folgte dann sein erster Marathon. Und aus dieser geteilten Liebe zum Ausdauersport und den Apnoe-Disziplinen entstand auch die Idee diesen unglaublichen 24-Stunden-Apnoe-Weltrekord in Angriff zu nehmen. „Bei beiden Sportarten passiert sehr viel über den Kopf. Die mentale Komponente ist hier enorm wichtig und diese Kombination ist sehr spannend“, sagt Tom. Vor ziemlich genau einem Jahr entstand mit Vereinskameraden die Idee zu diesem Einzelrekordversuch und in den letzten Monaten verbrachten Tom, seine Frau und das Team viel Zeit mit den umfangreichen Vorbereitungen.

Am 3. Mai um 16 Uhr fiel dann im Bad Amraser Straße in Innsbruck der Startschuss. 24 Kilometer in einem Hallenbad zu tauchen, während der Öffnungszeiten sogar noch unter den neugierigen Blicken des Publikums, ist keine Spaßveranstaltung. Bahn für Bahn, 25 Meter hin, 25 Meter zurück, immer wieder. Zu Beginn noch entspannt mit drei Bein- und drei Armschlägen, technisch total sauber, gut koordiniert und immer mit dem Blick auf den Computer am Arm. Rund 35 Sekunden pro Strecke. Dann auftauchen und in 15 Sekunden drei bis viermal atmen, entspannen, langsam wieder untertauchen, abstoßen und wieder beginnt dasselbe Spiel.

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Keine Bahn ist wie die voran gegangene, der Kopf tickt immer mit“, berichtet Tom. An der Grenze zur abgesperrten Wettkampfbahn stehen manchmal ganze Kindergruppen von Schwimmvereinen und Schulklassen mit ihren Tauchmasken im Becken und verfolgen gespannt das so monoton wirkende Treiben unter Wasser. Die Gedanken pulsieren durch Toms Kopf, poppen hoch und verschwinden wieder...

Plan your dive and dive your plan

Arbeitskollegen, Tauchfreunde, Bekannte kommen vorbei, grüßen vom Beckenrand und feuern den wie abwesend scheinenden, total fokussierten Sportler an. 15 Sekunden sind kurz, die Atmung muss exakt sitzen und in den ersten Stunden muss Tom sich hüten, aus dem guten Gefühl heraus, dass alles geschmeidig funktioniert, eine Euphorie aufkommen zu lassen und seine Struktur zu verlieren.
Plan your dive and dive your plan“ ist gerade hier, in nur wenig mehr als einem Meter Wassertiefe, Gesetz. Die Belastung muss total ausgelevelt ablaufen. Gibt Tom zuviel Gas, rauschen die Laktatwerte in die Höhe und die Folgen werden sich später in Leistungseinbrüchen bis hin zum Abbruch einstellen.

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Wochenlang hat der Sportler mit Unterstützung des erfahrenen Tauchmediziners Dr. Frank Hartig vom Klinikum Innsbruck und seinem Personaltrainer Chuks vom Fittnessstudio „The Point“ in Hall und dem befreundeten Sportstudenten und Personaltrainer Felix Pik immer wieder alle Parameter auf den Prüfstand gestellt und optimiert. Messungen von Sauerstoffwerten, Laktatkurven, CO2-Verläufe, Lungenspirometrie, Überwachung der Körpertemperatur wegen der Gefahr der Unterkühlung trotz 30 Grad Wassertemperatur im Becken wurden während der 24h durchgeführt – nichts wurde dem Zufall überlassen. Trainer Chuks kümmerte sich um die richtige Ernährung und das Vorbereitungstraining, das vorwiegend auf Stabilisierung der Bänder und der inneren Muskulatur ausgerichtet war. Ausdauer- und Krafttraining waren tabu, denn Muskelaufbau würde fatale Veränderungen im Sauerstoffhaushalt verursachen... „Deshalb war der Plan auch so sehr wichtig, denn wenn man aus dem guten Gefühl heraus zu viel tut, würde der ehrgeizige Plan nicht funktionieren“, wusste Tom und folgte daher den Vorgaben und Anweisungen seines Trainerteams exakt.

Lächeln, Trinken und Durchziehen...

Zum Zeitpunkt des Rekords waren es fast 20 Leute, die ihn unterstützten und betreuten. Acht Tauchblöcke von jeweils zwei bis zweieinhalb Stunden waren geplant. In den kurzen Pausen kontrollierte Dr. Hartig Blutwerte, Körpertemperatur, Lungen- und Gehirnfunktionen. Erste leichte Armbeschwerden stellten sich bei Tom ein, denn eine noch nicht ganz abgeklungene Entzündung im linken Arm meldete sich nach sieben Stunden und beeinträchtigte seine Bewegungsabläufe. Dazu gesellten sich später noch leichte Wadenprobleme und der Arzt monierte die Entwicklung der Nierenwerte. Frank Hartig hatte immer gewarnt, nicht zu wenig zu trinken und Tom extra für diesen Rekordversuch ein Mantra mit auf den Weg gegeben, das ihn nun mental unterstützte: “LÄCHELN, TRINKEN UND DURCHZIEHEN“. Tom lächelte zuversichtlich, trank dann auch die geforderten Mengen, führte seinem Körper die benötigten aber ungeliebten Kohlenhydratgels zu und zog weiter durch.

Die Beschwerden in Arm und Wade ließen nach und so überstand er den kleinen Durchhänger bis zur Schlafpause zwischen 3 und 6 Uhr am Morgen. Kein Mensch zieht solch eine Belastung ohne entsprechende Regenerationsphasen durch. Der Körper hangelt sich an Grenzen entlang, die von fragiler Struktur sind. Da können muskuläre Probleme, Dehydrierung oder Kohlenhydratmangel schnell zum Ende des Traums führen. Tom war auch darauf vorbereitet, dass seine Schlagzahlen pro Bahn sich erhöhen würden. Von den anfangs nur drei bis vier Zügen, die er pro Bahn benötigte, war er vor der Schlafpause auf fünf bis sechs angelangt, was eine höhere Belastung und veränderte Sauerstoffzyklen zur Folge hatte. „Die Pause kam genau richtig“, erinnert sich Tom und es dauerte auch nur einige Wimpernschläge bis er im vorbereiteten Schlafbereich in der Saunalandschaft des Bades in einen tiefen Schlaf versank.

Als seine Frau ihn zweieinhalb Stunden später um 5.30 Uhr weckte, brauchte er einige Sekunden um sich zu orientieren und sich neu einzuschwingen auf die noch anstehenden zehn Stunden der Rekordjagd.

Auf Rekordkurs

Schon in den ersten drei Tauchblöcken hatte Tom 30 Bahnen mehr als geplant absolviert. Die kleinen Wehwechen hatten sich während der kurzen Nachtruhe verflüchtigt und als es am frühen Morgen um 6 Uhr erneut losging, lief der Oberhuber-Plan wieder wie geschmiert. Bahn um Bahn zog Tom durchs Becken und bei jedem stündlich stattfindenden Protokollabgleich zeigten die erfassten Daten der Judges (Schiedsrichter) vom A.I.D.A. Freitauchverband, dass Tom sich auf Rekordkurs befand. Die Daten seiner zwei Uhren an seinen Handgelenken zeigten ihm, dass er schon weit voraus lag, ohne seinen Plan nach oben korrigiert zu haben.

Durchschnittlich 65 Bahnen tauchte der Athlet pro Stunde und schon eineinhalb Stunden vor Ablauf der 24-Stunden-Frist hatte Tom Oberhuber das gesteckte Ziel von 24 Kilometern und damit den neuen Weltrekord erreicht. „Zum Schluss lief alles perfekt. Ich spürte zwar meinen Fuß und Oberarm nicht mehr, aber ich wusste, dass es gelingen würde. Als die 24 Kilometer geschafft waren, war es wie ein Rausch. Ich wusste, dass ich sogar über die 26 Kilometer hinauskommen könnte und die letzten Bahnen waren Adrenalin pur“, berichtet Tom vom Hochgefühl des Triumphes nach den 24 aufreibenden Stunden.

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Als er um 16 Uhr mit wackeligen Beinen aus dem Becken stieg, hatte er 26,35 Kilometer in 1054 getauchten Bahnen zurückgelegt. Von dieser Leistungsexplosion selbst ein wenig überrascht, badete er in dem Jubel, dem Beifall, den zahlreichen Glückwünschen und der positiven Resonanz der vielen Besucher und Freunde. „Solch ein Erfolg hat viele Väter“, sagt Tom, denn ohne sein Unterstützerteam, die Trainer und die IKB in Innsbruck, von der das Bad für diesen spektakulären Rekord kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde, wäre dieser Rekord nicht möglich gewesen.

Eine Frage bleibt am Ende aber dennoch: Wieso macht man so etwas? „Ich wollte  einmal etwas Grenzwertiges, etwas Verrücktes machen“, sprudelt es aus Tom Oberhuber heraus. Einmal...? War's das also damit...? Der frisch gebackene Weltrekordler und Guinness-Rekordjäger zögert ein, zwei Sekunden, lächelt, trinkt einen Schluck aus seiner Wasserflasche und sagt: “Das war's noch nicht...da geht noch was...!“  (hap)


Weitere Infos:
Meldung zum 'alten' Weltrekord (2018)
Initialmeldung zum Weltrekordversuch T.Oberhuber
Der Weltrekordversuch - 24 Kilometer in 24 Stunden