Tigerhaie auf den Bahamas. Kiss me Tiger

Teile:
30.08.2013 08:19
Kategorie: Reise


Haie, eine Faszination der viele Taucher nicht widerstehen können. Jedoch wie oft kommt man nahe an sie heran? Wo kann man sie antreffen? Wie gefährlich sind sie wirklich? Sind Haie Fressmaschinen und kaum zu bändigen, wenn sie mal im Blutrausch sind?

Wir haben sie beobachtet, die "gefährlichsten" Haie der Welt, ganz nahe und ohne Käfig. Freitauchen mit dem Tigerhai vor den Bahamas. Eine Reise die unglaubliche Eindrücke hinterlassen und die Wahrnehmung von Haien als Fressmaschinen wohl gänzlich verändert hat.

Bericht von Sabine Hausner

Die Köderboxen liegen bereits seit einigen Stunden im Wasser und haben für die Haie wohl einen verlockenden Duft im Wasser verteilt haben. Hinter dem Boot, direkt vor der Tauchplattform, wimmelt es nur so von Haiflossen an der Oberfläche. Ich blicke meinem Buddy, dem Unterwasserfotografen Werner Thiele, tief in die Augen und meine zu ihm: "Wollen wir das wirklich? Jeder normale Mensch würde sich weigern hier ins Wasser zu gehen! Und wir machen das freiwillig?"

Viel Antwort außer, "bleib nahe bei mir!", hab ich nicht mehr bekommen, denn schon sitzt er auf der Plattform. Ich setze also die Maske auf, nehme den Regler in den Mund, ein letzter Check und "todesmutig", rutschen wir gleichzeitig von der Plattform unter die Wasseroberfläche.

Das Wasser ist glasklar, im hellen Sonnenlicht rund um uns an die 15 Zitronenhaie mit ca. 3-4m Länge. Ich unterdrücke das unangenehme Gefühl, das sich für einen kurzen Moment leise in mir hoch schleicht. Nur einen halben Meter vor mir schwimmt ein Zitronenhai ganz nahe an mir vorbei; den Stock halte ich verkrampft in meiner rechten Hand, als Abstandhalter, wie Jim Abernethy es uns beigebracht hat. Jedoch bin ich mir nicht so sicher, ob der Hai dies auch weiß! Auf 5m Tiefe lasse ich das erste Mal etwas Luft in mein Jacket und wage einen Blick nach oben. Über uns gleiten die anmutigen, bronzefarbigen, langen Silhouetten rund um die Köderboxen. Die Zähne der Zitronenhaie sind deutlich sichtbar, da diese leicht nach außen gewölbt sind, was die Guten doch ein wenig Furcht einflößend wirken lässt.

Mein Herzschlag beruhigt sich langsam, die Haie haben ihr Verhalten seit wir unter Wasser gegangen sind nicht verändert. Sie zeigen auch kein großes Interesse an uns. Es wirkt als wären wir ihnen teilweise ein wenig im Weg. Geschickt gleiten sie um uns herum, auf ihrem Weg zu den Köderboxen, an denen sie langsam und mit neugierigen Blicken vorbeigleiten. Manchmal "schnuppert" einer der Haie daran oder versucht ein kleines bisschen Fisch aus den Boxen zu ziehen. Doch auch hierbei wirken sie beinahe zaghaft und vorsichtig.

Werner ist fasziniert von den Zitronenhaien, die Kamera ist im Dauereinsatz, es blitzt und blitzt und blitzt. Langsam tauchen wir weiter, der Leine entlang, weiter ab. Auf zirka 17 Meter schweben wir gemächlich mit Abstand über den weißen Sandboden, um möglichst wenig Sediment aufzuwirbeln.

Vor uns im Sand liegen zwei Zitronenhaie, das Maul weit aufgerissen. Kleine Putzerfischchen wagen sich in die Höhle des Löwen, um dem Hai die Zahnreihen wieder blitzblank zu putzen. Noch immer beeindruckt von der Größe der Zitronenhaie und den todesmutigen Putzerfischchen, pirschen mein Buddy und ich uns langsam an die Haie heran. Möglichst flach und sehr langsam verringern wir den Abstand. Ich bleibe zirka zehn Meter entfernt im Sand, um Werner die Möglichkeit zu geben, sich noch näher in Position zu bringen. Der Abstand der Kamera zum Motiv muss möglichst gering sein, um ein optimales Bild zu bekommen.

Es ist beeindruckend so nahe beim Hai zu sein, zu beobachten, wie er fast regungslos mit geöffnetem Maul vor einem liegt und sich in Ruhe die Beißerchen putzen lässt. Die Unruhe und die Nervosität vom Beginn des Tauchgangs sind wie weggeblasen, ein friedliches und ruhiges Gefühl macht sich in mir breit.

Die Haie rund um mich, die herrliche Ruhe unter Wasser und diese majestätischen Tiere vor mir. Ich fühle mich eins mit der Unterwasserwelt, so harmonisch hatte ich mir das Tauchen mit Haien nicht vorgestellt. Es ist das erste Mal, dass mir derartig große Haie so nahe sind. Nach nur 20 Minuten unter Wasser habe ich bereits ein fast ein vertrautes Gefühl mit ihnen. Doch ich erinnere mich dabei auch an die Worte von Jim, dass Haie nun mal frei lebende Wildtiere sind, und so vertraut und friedlich sich hier alles anfühlt, man sollte doch auf der Hut sein.


Auch diese Begegnungen erwarten die Taucher am Tiger Beach

Um eben auf dieser zu sein, wende ich mich mal von meinem Buddy ab und blicke mich nach den anderen Mitgliedern der Tauchgruppe um. Wir sind nur 4 Personen und Jim ist mit uns unter Wasser gekommen. Er möchte uns zeigen, wie wir am besten an die Tiere herankommen. Alle sind entspannt und beobachten die Haie. Keiner scheint sich unwohl zu fühlen oder Panik zu haben. Ich tauche in einer reinen Männergruppe und wer von den Burschen hätte an Deck wohl schon zugegeben, dass er ein mulmiges Gefühl hat. Aber als Mädel darf man ja ein bisschen Angst haben. Die Jungs fühlen sich pudelwohl und es scheint ihnen hervorragend zu gefallen.


Reiseinfos


Schiff/Tauchbasis: M/Y Shear Water – Jim Abernethy (22m lang, 6m breit)
Tauchpaket: 7 Tauchtage, non limit
Teilnehmeranzahl: max. 10 Personen
Tauchguides: 2
Tauchgebiet: Bahama Banks via Miami/Florida
Verpflegung: VP incl. Softdrinks
Nitrox: an Board vorhanden
Reisedauer: 10 Tage



Preis: ca. 4.000 Dollar pro Person incl. Nitrox, VP und Ausreisesteuer (Flug ca. 750,- Euro)
Trinkgeld: es wird ca. 10-15% des Reisepreises erwartet (amerikanisches System)
Flüge: ab Frankfurt nach Miami täglich mit Lufthansa
Reiseveranstalter: www.waterworld.at



Langsam blicke ich mich um. Immer schön in alle Richtungen sehen, immer schön die Umgebung im Auge behalten. Ganz in der Ferne zieht ein Schatten vorbei. Was habe ich gesehen? War es eine optische Täuschung? Innerlich bin ich alarmiert, das leicht nervöse Gefühl von vorhin kehrt zurück. Habe ich wirklich etwas gesehen? Da war eine Silhouette... mitten im Blau. Ich beginne "Luftlöcher" in die Tiefe des Ozeans zu starren. Wo ist der Schatten hin verschwunden? Er war riesig, soviel steht für mich fest, so nahe und doch so weit entfernt. Einige Meter hinter mir im Sand fotografiert Werner noch immer seine Zitronenhaie. Aufgeregt versuche ich ihm zu deuten und seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, aber er blickt nur konzentriert durch das Objektiv seiner Kamera. Unruhig drehe ich mich um, um zu sehen, wo Jim ist. Hat er den Schatten auch gesehen? Er blickt mich an, ich deute ihm das vereinbarte Zeichen für "Tiger" und mache eine "Frage"-Geste dazu.


Impressionen vom Tiger Beach

Jetzt ist er ebenfalls alarmiert. Beinahe ist es mir peinlich ihm gedeutet zu haben, ich bin mir ja nicht mal sicher, ob ich überhaupt etwas gesehen habe. Angestrengt blickt auch er ins Blau. Er blickt nach rechts in Werners Richtung. Ich blicke nach links, dorthin wo ich zuletzt den "Schatten" vermutet habe. Mir ist ein bisschen mulmig, der Schatten war riesig, sollte ich doch einen Tigerhai gesehen haben... Na dann, "Holla die Waldfee", wäre dies das größte Tier, das ich jemals unter Wasser gesehen habe. Nicht zu vergessen die Unmenge an Zähnen, die so ein Tierchen im Maul hat.

Und plötzlich ist es wahr, aus dem Blau taucht er auf. Rasch blicke ich mich noch mal zu Jim um - er deutet mir bereits ich möge mich wieder in die andere Richtung drehen, er macht das Zeichen für "Tiger". Wie im Briefing besprochen, knie ich mich möglichst aufrecht in den Sand, um für den Hai möglichst groß und "unfressbar" zu erscheinen. Jetzt ist es soweit, mein erster Tigerhai. Mein Herz schlägt wie verrückt. Ich drehe den Kopf und sehe wie nahe der Tigerhai in so kurzer Zeit gekommen ist. Nur noch 5-6 Meter von mir entfernt, ich blicke ihm ins Auge, sehe ihn direkt an, stecke den Stock schön schräg vor mir in den Sand, als Abstandsbegrenzung und hoffe inständig, dass der Tigerhai, das auch so versteht.

Meine Atmung geht zu schnell, ich möchte den Hai nicht gleich wieder verjagen, also beginne ich ganz bewusst, langsam zu atmen. "Möglichst wenige Luftblasen erzeugen und möglichst wenig bewegen", an jedes Wort von Jims Briefing versuche ich mich zu erinnern. Der "Tiger" kommt neugierig näher.

Jim hat inzwischen Werner erreicht und seine Aufmerksamkeit in meine Richtung gelenkt. Der Hai tastet sich ganz langsam, wie im Zeitlupentempo, an mich heran. Mir bleibt fast das Herz stehen, das Tier ist riesig! Mal davon abgesehen, dass unter Wasser alles um ein Drittel größer aussieht, könnte dieser Hai hier vor mir wahrscheinlich so um die 7 Meter lang sein. Deutlich kann ich das Tigermuster sehen, die großen Augen, das Maul ein wenig geöffnet, ganz langsam gleitet der "Tiger" um mich herum. Wie gebannt starre ich dem Hai in die Augen, die Sekunden vergehen wie Stunden. Ich bemerke, dass es sich um einen weiblichen Tigerhai handeln muss. Vor lauter Aufregung halte ich für einige Sekunden die Luft an. Neugierig und unaufgeregt begutachtet sie mich, als würde sie abschätzen, ob ich in ihren Speiseplan passe. Für sie bin ich wohl einfach nur ein sehr eigenartiger Fisch, der komische Luftblasen von sich gibt, die ihr nicht so ganz geheuer sind. Recht so! Jetzt ist sie nur noch einen Meter von mir entfernt, der Song "Kiss me tiger" geht mir durch den Kopf.

Langsam bekomme ich das Gefühl, dass mir das jetzt doch zu nahe ist. Kurz hebe ich mein "Plastikstöckchen", von dem ich mittlerweile bezweifle, dass dieses den Hai auch nur im geringsten tangiert und stecke es nochmals demonstrativ vor mir in den Sand. "Bis hierher und nicht weiter. Du bist jetzt nah genug an mir dran." Ich atme kräftig aus, um mehr Luftblasen zu erzeugen.

Gemächlich drollt sich der Tigerhai Richtung Riff, um die anderen Taucher näher zu begutachten. Doch irgendwie sind ihr wohl plötzlich zu viele von uns "komischen Fischen" im Wasser. Zu Fressen gibt es auch nichts, also macht sich die Gute wieder von dannen.

Wow! Das war er also, der zweitgrößte Räuber unter Wasser. Vollkommen friedlich und ruhig, und doch habe ich weiche Knie. Spielen einem die vielen Vorurteile dann doch einen Streich und lassen einen vernünftigen Menschen zu einem angstgetriebenem Etwas werden?


Dem Tiger ganz nah...

Ein Blick auf meinen Tauchcomputer macht mir klar, dass wir bereits 40 Minuten unter Wasser sind. Um das Riff herum sind noch immer viele Zitronenhaie und wunderbar silbern schimmernde Riffhaie zu entdecken. Die Zeit ist vergangen wie im Flug. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam wieder, wir tauchen gemütlich über das Riff und langsam Richtung Ankerleine. Wer hätte gedacht, dass wir gleich auf unserem Checkdive den "TIGER" sehen.

Eine aufregende Woche steht uns bevor, 7 Tage „non limit Tauchen“ mit dem "Tiger", die Angst ist weniger geworden, die Aufregung, Neugierde und Spannung jedoch geblieben oder sogar noch mehr geworden. Viele prickelnde Begegnungen stehen uns noch bevor... Als ich mein Equipment an Board versorge und mich langsam aus dem Anzug schäle, habe ich ein Lächeln auf den Lippen und summe leise den Song "Kiss me tiger..."



Video zum Thema:



Tauchvideo: Tiger Beach, Bahamas.