Tauchsafari im Sudan. Demut ist des Tauchers Lohn

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19.08.2015 11:45
Kategorie: Reise



Ab und zu erreichen uns Reisegeschichten unserer Leser, die so offen, ungeschminkt und unterhaltsam sind, dass wir sie gerne in DiveInside veröffentlichen. Dies ist eine davon: Erik Hesse war mit der Royal Evolution im Sudan unterwegs – und berichtet, was andere dort erwartet...

Bericht von Erik Hesse

Alle Tauchsafaris im Sudan haben eine Gemeinsamkeit: Man kommt an Port Sudan nicht vorbei. Diese Stadt erreicht man entweder auf dem Luftweg über Kairo oder Dubai oder auf dem Seeweg von Port Ghalib aus. Ich habe mich für die 14-tägige Safari auf dem Seeweg mit der Royal Evolution von Port Ghalib aus entschieden.

Wer den Hafen von Port Ghalib kennt, weiß, dass er als Hafen für den internationalen Reiseverkehr konzipiert wurde. Dies war grundsätzlich gut geplant, aber offensichtlich fehlt noch die Masse an Schiffen, die aus Ägypten ausreisen möchten. Die Royal Evolution sorgt zumindest für eine Daseinsberechtigung der Abfertigungsanlagen. Immerhin legt sie im Winterhalbjahr brav alle zwei Wochen für die Sudantour im Hafen an.

Bei meinem Eintreffen lag sie circa 50 Meter neben dem Gebäude mit den Abfertigungsanlagen im Hafenbecken. Die Diveguides erklärten uns nach dem Bootsbriefing, dass nun die Ausreise erfolgen wird und baten uns, das Schiff zu verlassen und für die Ausreise ein Gepäckstück mitzunehmen. Egal was, die Koffer könnten ruhig an Bord bleiben. Hauptsache, es sieht so aus, als wollten wir verreisen. Also habe ich mich mit meinem Rucksack bewaffnet und verließ mit den andern Tauchern das Schiff.

Wir betraten das Gebäude der Hafenmeisterei und mussten unser Gepäck zum Durchleuchten auf das Fließband des verwaisten Röntgengerätes legen. Nach verbotenen Gegenständen haben sie vergeblich gesucht, aber die vier Mann freuten sich darüber, dass sie meinen Rucksack durchleuchten durften (Der Rest des Gepäcks war ja am Schiff). Wen interessiert die Sicherheit, es lebe der Spaß bei der Arbeit! Anschließend ging es ins "Niemandsland", welches sich in Form einer eingefriedeten Kaimauer präsentierte. Hier legte unser Schiff kurz an, nahm uns wieder an Bord und fuhr über Nacht in Richtung Süden.

Schuhe zubinden? Können wir!


Die Royal Evolution hat Plätze für 24 Taucher und war mit 19 Tauchern nicht ganz ausgelastet. Für die Taucher waren drei Diveguides, Ahmet, Saad und Moussa, zuständig. Positiv fiel zunächst auf, dass alle Taucher zwischen 200 und 2.500 Tauchgänge hatten, also wesentlich mehr als die empfohlenen 50. Dadurch mussten die Guides den Tauchern "nicht die Schuhe zubinden", sondern konnten in Ruhe die Haie an den Tauchplätzen suchen und zeigen.

Für den Tauchbetrieb wurden die Taucher in drei Gruppen aufgeteilt. Diese blieben fest zusammen, nur die Guides und die Reihenfolge der Zodiacs wechselten nach jedem Tauchgang.

Am Freitag hatten wir dann die Gegend von Fury-Shoal erreicht, wo drei Tauchgänge in Gota Bohar, am Shaab Claudio und Sirnaka Island stattfanden, bevor es über Nacht in Richtung Süden weiterging.

Am Samstag gab es nur einen Vormittagstauchgang am Reef Shalalat. Da wir nun das Grenzgebiet zum Sudan erreicht hatten musste das Schiff durchfahren, bis wir am Sonntagmorgen in Port Sudan einliefen. Die Tauchgänge im Sudan dürfen erst stattfinden, wenn die Einreiseformalitäten erledigt sind, es sei denn man möchte die sudanesische Gastfreundlichkeit in einem Raum mit einer Tür ohne Klinke erleben.

In Port Sudan kamen vier wichtige Menschen an Bord, die damit beschäftig waren, unsere Pässe mit Visa und Stempeln zu verzieren und dafür mit einem Frühstück belohnt wurden. Harte körperliche Arbeit macht eben hungrig... Nachdem die Herrschaften wieder an Land gebracht wurden, kamen wir endlich zu unseren drei Tauchgängen am Wingate Reef, der letzten Ruhestätte der Umbria.

Die Umbria


Die Umbria war ein Dampfschiff, das 1912 vom Stapel lief und zum Schluss als italienischer Truppentransporter eingesetzt wurde. Die Ladung bestand u.a. aus Bomben, Sprengstoff und drei Fiat 1100. Im Juni 1940 wurde sie vom Kapitän selbst versenkt; er wollte verhindern, dass die Ladung beim Kriegseintritt Italiens den Engländern in die Hände fiel. Heute liegt sie in einer Tiefe zwischen sechs und 36 Metern schräg auf der Seite und ist einfach zu betauchen, zumal das Riff vor der Strömung schützt.

Wer bis jetzt der Meinung war, dass der Sudan ein Garant für einsame Tauchgänge an einsamen Riffen ist, wurde hier eines Besseren belehrt. Im März herrscht offensichtlich Hochsaison im Sudan. Wir waren bereits das fünfte Safarischiff, das am Wingatereef festgemacht hat. Unter Wasser ging es zunächst in den Maschinenraum, wo die Taucher vor uns schon ganze Arbeit geleistet und viel Sediment aufgewirbelt hatten. Trotzdem ist es imposant, wenn man durch das Skylight ins "Treppenhaus" und von dort zur Dampfmaschine taucht. Die vollständig erhaltene Drehbank in diesem Bereich ist ebenfalls ein paar Blicke wert.

Der schönste Bereich für mich war der Weg in den Speisesaal. Die Sonne fiel seitlich durch die Bullaugen und erleuchtete den Gang in schönen Grün- und Blautönen. Im Speisesaal sind noch die eisernen Füße der Tische und Bänke zu sehen, die hölzernen Tischplatten und Sitzauflagen haben sich bereits in Wohlgefallen aufgelöst. In den Laderäumen wird man dann von den Bomben "erschlagen". Sie liegen noch sauber gestapelt an ihrem ursprünglichen Lagerort.

Ebenso sehenswert sind die Kabel, die Gewehrmunition und die Weinflaschen, die aus ihren Halterungen herausgefallen sind. In einem der vorderen Laderäume findet man die drei Fiat 1100, die zwar noch sehr gut erhalten sind, aber unter Wasser offensichtlich genauso schnell rosten, wie über Wasser. Die Ankerkette am Bug liefert den Beweis, dass das Schiff vor Anker lag, als es gesunken ist.



Impressionen von der Umbria


Am Heck kommen die Fans der früheren Ingenieurleistungen auf ihre Kosten. Hier hat man einen guten Blick auf die Seile und die Seilscheibe, die zur Ansteuerung der Ruderanlage diente. Im Bereich der Schraube besteht die Möglichkeit, zwischen dem Riff und der Schiffswand hindurch zu tauchen; man findet hier massig Fischschwärme, gut geschützt vor allen möglichen Fressfeinden.

Nachts am Wrack


Unser Nachttauchgang fand ebenfalls an der Umbria statt. Zunächst war ich verärgert, weil alle 19 Taucher von unserem Boot den Tauchgang mitmachten.

Die "Laserschwerter" im Wasser erinnerten mich eher an Star Wars als an einen gemütlichen Nachttauchgang am Wrack. Nachdem ich jedoch meine Lampe ausgemacht hatte, konnte ich mich am Schein der anderen Taschenlampen erfreuen, die das Wrack in mystisches Licht hüllten. Dieses Spektakel war sehenswerter als die Fische, die bereits die Sonnenbrillen aufsetzten, weil sie vom Schein zahlreicher Lampen geblendet wurden.

Man sagt der Umbria nach, dass sie die Thistlegorm des Sudans sei. Ich habe beide Wracks betaucht. Von der Ladung her finde ich die Thistlegorm interessanter, schon alleine wegen der Vielfalt der Fahrzeuge, die es zu sehen gibt. Als Wrack selbst bekommt die Umbria ganz klar den Vorzug. Sie ist noch komplett erhalten und liegt in einem Tiefenspektrum, in dem man vom einfallenden Sonnenlicht bis ins Blauwasser tauchen kann.

Am nächsten Tag ging die Fahrt zum Sanganeb Reef: die erste Chance auf Hammerhaisichtungen! Mir fielen spontan meine zahlreichen Tauchgänge am Daedalus Reef in Ägypten ein, an dem viele Taucher bereits eine Hammerhaischule gesehen haben. Ich hingegen musste mich immer mit dem Blauwasser zufrieden geben und vermutlich werde ich eher eine Schildkröte sehen, die unter Wasser mit einem Delfin Tango tanzt, als diese Hammerhaischule am Daedalus Reef.

Beim ersten Tauchgang auf dem Nordplateau in Sanganeb wurde ich für alle "trostlosen" Tauchgänge am Daedalus Reef entschädigt. In 40 Metern Tiefe angekommen, schwamm (ca. 20 Meter unter uns) eine Hammerhaischule mit rund 15 Haien - einfach genial! Ab da wurden die Hammerhaie die täglichen Begleiter an mindestens einem der Vormittagstauchgänge.

Die Plateautauchgänge im Sudan sind wesentlich anspruchsvoller als vergleichbare Tauchgänge in Ägypten. In Ägypten taucht man von der Riffwand gegen die Strömung über das Plateau ins Blauwasser und anschließend mit der Strömung zurück ans Riff. Im Sudan dagegen taucht man unabhängig von der Strömung an der Plateauspitze ins Blauwasser und zurück. Dabei ist man teilweise gezwungen, sich entweder in 30 Metern Tiefe an der Plateaukante oder auf dem Plateau seitlich kreuzend hinter Blöcken vor der Strömung zu verstecken. Die meisten Tauchgänge hatten bei mir ein Rechteckprofil und Dekozeiten waren die Regel. Auch sollte man nicht vergessen, dass es im Sudan keine Druckkammer gibt.



An Cousteaus Précontinent II (auch Conshelf II) & Hammerhaie im Blauwasser


Von Sanganeb ging die Fahrt weiter zum Shaab Rumi. Vor der Reise hatte ich mich gefreut, endlich den Pre Continent II von Jaques Cousteau zu sehen. Vor Ort, am Riff, ist der eher Nebensache. Die Garage hat man innen sehr schnell erkundet und der Scooterschuppen ist auch einen Blick wert. Man spürt zwar die geschichtlichen Aspekte des Tauchens, aber viel interessanter sind das Nord- und Südplateau. Hier gibt es Haie ohne Ende. Im Blauwasser grüßen die obligatorischen Hammerhaie und auf dem Plateau existiert eine Putzerstation, von der Riffhaie regen Gebrauch machen. Alles im allem, sehr schöne Tauchgänge und schöne Motive für Fotos und Videos.

Weiter ging die Reise über das Merlo Reef, Quita El Banna nach Angarosh.


Auf das Angarosh Reef hatte ich mich ebenfalls die ganze Zeit gefreut. Es heißt eigentlich Umm Gourosh, die Übersetzung lautet "Mutter der Haie". Auf einer kommerziellen DVD haben sich Taucher auf dem 20 Meter und dem 40 Meter Plateau nur in den Sand gesetzt und wurden von Haien umkreist. In einem Buch hieß es auch "die Haie kommen neugierig aus der Tiefe, umkreisen die Taucher und verschwinden wieder!".

Vermutlich war ich mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich sage nur: "Hammerhaischule am Daedalus Reef"! Demut ist halt die beste Begleitung des Tauchers: Man muss auch mal an einem Riff ohne Hai auskommen können.

Nach einem Halt am Pfeiffer Reef erreichten wir die St. John`s Region und machten unseren ersten Tauchgang in Ägypten am Habili Ali. Der Plan eines Guides war, dass wir zuerst einige Zeit im Blauwasser bleiben, weil es die letzte Chance sei, auf dieser Safari etwas "Interessantes" zu sehen. Guter Plan, leider haben die Fische nicht mitgespielt. Wir waren zehn Minuten im Blauwasser und haben rein gar nichts gesehen, außer Blauwasser. "Welcome back in Egypt". Dafür belohnte mich mein Tauchcomputer mit Dekozeiten, die kein Mensch braucht. An diesem Riff war ich in der Vergangenheit schon öfter und finde es eigentlich schön. Nur dieses Mal war selbst am Riff nichts zu sehen, das einen Druck auf den Aufnahmeknopf der Videokamera gerechtfertigt hätte. Der Tauchgang ging zu Ende und unsere Gruppe befand sich schon im Fünfmeterbereich beim Sicherheitsstopp. Genau in diesem Moment hatte "jemand" Mitleid mit mir und ließ den Mantarochen raus. Geht doch! Leider in 20 Metern Tiefe. Als das Video im Kasten war, hatte sich mein Luftvorrat stark minimiert, aber die Sache war es wert.

Nach zwölf Tagen auf See lief die Royal Evolution gegen 07:30 Uhr wieder in Port Ghalib ein und legte dieses Mal direkt am Steg im Niemandsland der Hafenmeisterei an, damit der Zoll eine Aufgabe bekommt. Es hat auch nur viereinhalb Stunden gedauert, bis unsere Pässe mit einem Visum und Einreisestempel versehen waren, dann durften wir gegen 12:00 Uhr das Schiff verlassen (dieses Mal übrigens mit Koffern). Vielleicht hätten wir die Bediensteten auch zum Frühstück einladen sollen?

Die letzte Übernachtung fand im Hotel Marina Lounge statt. Es ist eine schöne Hotelanlage, die auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens liegt. Jedoch ist sie offensichtlich auch ein Schmelztiegel für sämtliche Klischees über Urlauber. Der typische Tourist in Turnhose, der mit geöffnetem Hemd seinen geschätzten 40 kg Bauch zur Schau stellt. Die auffallend stark geschminkte Frau, die ihren Körper, der ein Massengrab für Schokoriegel ist, in einen Bikini gepresst hat. Und der obligatorische Streit um einen Liegestuhl, der den ganzen Tag mit einem Handtuch vor Sonneneinstrahlung geschützt wird und dessen "Besitzer" sich erst zu erkennen gibt, wenn jemand das Handtuch entfernt.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich lieber meinen Urlaub auf einem Safarischiff verbringe...



Video zum Thema:

 


Das Video zeigt den Sudan Film des Autors Erik Hesse. Weitere Videos zur Region sind in unserer Videothek, Bereich Sudan zu sehen.