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Ein Buch, eine Petition und trotzdem steigende Zahlen
Seit Anfang 2016 haben die drei in tasmanischen Gewässern tätigen Lachsfarm-Unternehmen Huon Aquaculture, Tassal und Petuna insgesamt 150.488 sogenannte "Seal Cracker" eingesetzt – laute Unterwassersprengkörper, die Robben mit einem Lichtblitz und einem lauten Knall von den Lachskäfigen fernhalten sollen.
Diese Zahlen sind aus den halbjährlich veröffentlichten Daten des tasmanischen Department of Natural Resources and Environment (NRE Tas). Diese Zahlen müssen seit 2022 infolge einer Informationsfreiheitsanfrage des Recherchemediums Tasmanian Inquirer offenlegt werden.
Ein Rückgang, der sich wieder umkehrt
Allein im ersten Halbjahr 2026 wurden knapp 1.800 Sprengkörper eingesetzt: Huon Aquaculture 1.126 (vor allem in der Storm Bay bei Bruny Island), Tassal 551 (zuzüglich 31 sogenannter Beanbag-Geschosse – mit Bleischrot gefüllte Stoffpatronen, die ausschließlich Tassal verwendet), Petuna 120.
Auffällig ist der Trend: Nach 2021 war der Einsatz der Sprengkörper branchenweit deutlich zurückgegangen. Bei Tassal steigt die Zahl inzwischen aber wieder – eine Entwicklung, die Umweltverbände mit Sorge beobachten.
Tödliche Folgen blieben auch 2026 nicht aus: Im ersten Halbjahr starben vier Seebären im Zusammenhang mit den Lachsfarmen – zwei verfingen sich in den Netzen, einer wurde von einem Boot erfasst, ein weiterer starb bei dem Versuch, ihn zu sedieren und umzusiedeln. Seit 2021 zählt die Statistik insgesamt 48 tote Robben an den Farmen.
Ein 2018 an Environment Tasmania herausgegebenes internes Behördendokument räumte zudem ein, gemeldete Robbentode seien "wahrscheinlich stark unterschätzt", da verletzte Tiere oft wegschwimmen und andernorts sterben. Diese Fälle werden nicht erfasst und tauchen nicht in den Statistiken auf.
Ein Buch, das die Branche erschütterte
Der auffällige Rückgang der Sprengkörper-Einsätze ab April 2021 fällt mit einem publizistischen Paukenschlag zusammen: In jenem Monat veröffentlichte der tasmanische Booker-Preisträger Richard Flanagan sein Sachbuch "Toxic: The Rotting Underbelly of the Tasmanian Salmon Industry".
Ausgangspunkt war Flanagans eigener, 15 Jahre währender Kampf gegen Lärm- und Umweltbelastungen durch eine Lachsfarm nahe seiner Hütte auf Bruny Island. Das Buch, das Kritiker mit Rachel Carsons "Silent Spring" verglichen, wurde zum Bestseller und löste eine breite öffentliche Debatte über Fütterungspraktiken, Umweltbelastung und eben auch den Einsatz der "Seal Cracker" gegen die geschützten Pelzrobben aus.
Internationale Kampagnen gegen die Praxis
Auch über Tasmanien hinaus formierte sich Widerstand. Die globale Kampagnenorganisation SumOfUs übergab gemeinsam mit der Initiative Neighbours of Fish Farming eine Petition mit rund 171.000 Unterschriften an den kanadischen Mutterkonzern Cooke Aquaculture, der Tassal 2022 übernahm, und forderte ein Ende der explosiven Abschreckungsmethoden.
Auch die Tierschutzorganisation Animals Australia führt eine eigene Kampagne gegen die Praxis, ebenso die tasmanische Umweltorganisation Environment Tasmania, deren Meeresschutz-Campaignerin Rebecca Howarth wiederholt eine vollständige, unabhängige Untersuchung sämtlicher gegen Robben eingesetzter Abwehrmethoden gefordert hat.
Ein Bericht eines Untersuchungsausschusses des tasmanischen Landtags (Legislative Council) empfahl unter anderem eine Überprüfung der Wirksamkeit und Sicherheit aller eingesetzten Robbenabwehrgeräte – die Regierung kündigte daraufhin einen neuen Aquakultur-Standard für den Umgang mit Wildtieren an.
Unterschiedliche Reaktionen der Unternehmen
Huon Aquaculture, das inzwischen zum brasilianischen Fleischkonzern JBS gehört, verweist zur Begründung des anhaltend hohen Einsatzes auf bestehende Infrastruktur an seinen Standorten sowie auf neu entwickelte Abwehrtechnik. Tassal hatte vor einiger Zeit angekündigt, den Einsatz von Abschreckungsmitteln "auslaufen" lassen zu wollen, allerdings ohne dabei ein konkretes Zieldatum zu nennen. Auf aktuelle Presseanfragen zu den wieder steigenden Zahlen an der Tasman-Halbinsel reagierte das Unternehmen nicht. Petuna, der kleinste der drei Produzenten, meldet mit rund 120 Sprengkörpern im ersten Halbjahr 2026 weiterhin die niedrigsten Werte.
Für Taucher hat das Thema eine direkte praktische Auswirkung: Viele der betroffenen Lachsfarmen liegen in Fjorden und Buchten, die auch von der Tauchszene gerne genutzt werden. Beispiele sind: im Bereich des D'Entrecasteaux Channel oder der Storm Bay. Wer dort taucht, bewegt sich damit unmittelbar im selben Gewässer, in dem seit Jahren oftmals Unterwassersprengkörper zum Einsatz kommen.
Wer sich aktiv beteiligen möchte
Für Leser, die sich informieren oder aktiv einbringen möchten, gibt es mehrere laufende Kampagnen: Die internationale Organisation Ekō (vormals SumOfUs) sammelt mit ihrer Petition "Stop salmon producers killing seals" bereits über 186.000 Unterschriften und richtet sich direkt an die drei genannten Unternehmen (https://action.eko.org/a/stop-salmon-producers-killing-seals). Die tasmanische Anrainer-Initiative Neighbours of Fish Farming (NOFF) bündelt auf ihrer Kampagnenseite mehrere Teilaktionen, unter anderem gegen den Einsatz von "Crackern" und Beanbag-Geschossen sowie gegen eine geplante Erweiterung der Petuna-Anlagen in der Storm Bay (https://www.noff.au/campaigns/). Auch Animals Australia bietet auf seiner Themenseite konkrete Handlungsmöglichkeiten, etwa den direkten Kontakt zu Supermarktketten, die tasmanischen Lachs listen.
Quellen & Weitere Informationen:
Tasmanian Inquirer
Yahoo News / Grist
Pulse Tasmania
Animals Australia
The Fish Site (zu Richard Flanagan’s Buch “Toxic”)
Kampagnen:
Ekō (formerly SumOfUs) – Petition
Neighbors of Fish Farming (NOFF) – Campaign Page