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Ein Malediven-Resort wird zum Forschungslabor
Am Resort Six Senses Kanuhura im maledivischen Lhaviyani-Atoll erfassen Meeresbiologen seit Anfang 2026 vier Hausriffe mit einer Methode, die bislang vor allem führenden Forschungsinstitutionen vorbehalten war: dreidimensionaler Photogrammetrie. Das Projekt trägt den Namen Kanuhura Coral Census und gilt nach Angaben der Beteiligten als das weltweit erste langfristige 3D-Riffmonitoring-Programm, das direkt von einem Resort betrieben wird.
Wie läuft das ab? Der ortsansässige Meeresbiologe James Cordery schwimmt mit einer Metallstange, an der drei GoPro-Kameras befestigt sind, in parallelen Bahnen über ein Riffstück von 10 mal 10 Metern – eine Technik, die er selbst "the lawnmower" (Rasenmäher) nennt. Alle halbe Sekunde lösen die Kameras aus und erzeugen tausende überlappende Fotos, aus denen später ein präzise vermessenes 3D-Modell des Riffs berechnet wird.
Bei einem Tauchgang für das Magazin National Geographic Traveller erfasste Cordery auf diese Weise 1.027 Korallenkolonien in rund 20 Minuten – eine klassische Erhebung mit Maßband und Unterwasser-Schiefertafel hätte dafür nach seinen Angaben etwa sieben Stunden und mehrere Taucher benötigt.
Alle drei Monate wird exakt dieselbe Fläche aus derselben Perspektive erneut aufgenommen. "Der ganze Punkt ist Konsistenz. Wir versuchen, das Riff jedes Mal aus exakt demselben Blickwinkel zu fotografieren", erklärt Cordery. Der Vergleich der Modelle erlaubt es, das Wachstum einzelner Korallenkolonien millimetergenau zu verfolgen – nach Angaben der maledivischen Tourismusbehörde Visit Maldives sogar mit einer Auflösung von einem halben Millimeter auf einer erfassten Fläche von über 100 Quadratmetern pro Standort. Zum Einsatz kommt dabei unter anderem die Technik des sogenannten Gaussian Splatting, ein Verfahren zur besonders detailgetreuen 3D-Rekonstruktion aus Fotomaterial.
Wissenschaftliche Partner und der Blick hinter die Kulissen
Entwickelt wurde die Methode gemeinsam mit dem CoralAssist Lab der Newcastle University sowie dem University College London (UCL). Für UCL-Forscher John Stratford, der die zugrunde liegende Technologie mitentwickelt hat, war das Format zunächst ungewohnt: "Ich wäre sehr skeptisch gewesen, meinen Namen unter Klemmbrett-Daten zu setzen, die in einem Touristenresort gesammelt wurden." Das 3D-Modell liefert dagegen eine hochgenaue Momentaufnahme des tatsächlichen Zustands.
Sein Kalkül hinter der Kooperation: "Resorts befinden sich bereits an diesen unglaublichen Orten. Sie haben Tauchboote, Zugang zum Riff und Leute wie James, die jeden Tag draußen sind." So lasse sich die Reichweite der Korallenforschung deutlich ausweiten, ohne die Kosten eigener Expeditionen.
Der Zeitpunkt des Projekts ist kein Zufall: Globale Studien warnen, dass bis 2050 bis zu 90 Prozent der weltweiten Korallenriffe verloren gehen könnten. Klassische Riffuntersuchungen mit Maßband und Sichtzählung erfassen dabei laut Angaben der Tourismusbehörde oft weniger als 0,01 Prozent eines Riffs und sind zudem anfällig für Beobachtungsfehler. Die KI-gestützte Auswertung der 3D-Modelle erlaubt es zusätzlich, Merkmale wie Riffrauigkeit, Überhänge und Strukturvielfalt zu erfassen, die in klassischen Erhebungen meist unberücksichtigt bleiben.
Seegras statt Plastikfolie
Ein zweites Kapitel des Engagements spielt sich in den Seegraswiesen der Lagune ab. Bevor Six Senses das Resort übernahm, war dort Plastikfolie auf dem Meeresboden ausgelegt worden, um das Seegras abzutöten und stattdessen das türkisfarbene Wasser zu erhalten, das viele Urlauber von den Malediven erwarten – eine Praxis, die laut dem resorteigenen Schildkrötenbiologen Athif Mohamed bei manchen Anbietern bis heute üblich ist.
Six Senses hat inzwischen rund vier Tonnen dieser Folie entfernt, um die Wiesen wieder herzustellen. "Seegras ist nicht das, was Touristen auf den Malediven erwarten, sie halten es für hässlich. Aber es ist eines der wichtigsten Ökosysteme, die wir haben", so Mohamed. Grüne Meeresschildkröten fressen täglich rund zwei Kilogramm Seegras, bevor sie zum Riff zurückkehren, um sich dort auszuruhen – ein Kreislauf, den Mohamed mit dem Satz zusammenfasst: "Alles hängt zusammen."
Auch für die Seegraswiesen ist bereits eine Ausweitung der Methodik angedacht: Perspektivisch sollen dieselben photogrammetrischen Verfahren, die aktuell für die Korallenriffe genutzt werden, auch dort zum Einsatz kommen, um ein ähnlich detailliertes Bild dieses für den marinen Lebensraums so wichtigen Bereichs zu gewinnen.
Weitere Informationen:
Visit Maldives Corporation
edie.net
National Geographics
Tourism Maldives Online