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Millionen Jahre alte Walknochen und lebende Tiefsee‑Ökosysteme in der Diamantina‑Zone geben Einblicke in Evolution
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Xiaotong Peng (Chinesische Akademie der Wissenschaften) hat im südöstlichen Indischen Ozean eine bisher unbekannte, gigantische Ansammlung von Walkadavern und Fossilien entdeckt.
Die „Wal‑Nekropole“ erstreckt sich etwa 1.200 Kilometer entlang des Meeresbodens der Diamantina‑Bruchzone und reicht in Tiefen von rund 4.600 bis über 7.000 Metern. Die Diamantina Fracture Zone (wörtlich übersetzt Diamantina-Bruchzone) ist eine bis 7100 m tiefe Schichtstufe im Südostindischen Becken des Indischen Ozeans.
Bei der Entdeckung handelt es sich um die tiefste und bisher umfangreichste bekannte Ansammlung von Fossilien. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Die Forscher beschrieben bei 32 Tauchgängen mit dem bemannten Tauchboot Fendouzhe insgesamt Hunderte von Fundstellen: Aktiv besiedelte Walkadaver nebem zahlreichen fossil erhaltenen Überresten (insgesamt wurden mehrere hundert Fundstellen dokumentiert).
Blühendes Leben - mehr als tote Knochen
Durch Strontium‑Isotopenanalysen datierten die Wissenschaftler einige der Fossilien auf bis zu etwa 5,3 Millionen Jahre — sie reichen also bis ins frühe Pliozän zurück. Damit bietet die Fundstelle eine außergewöhnliche zeitliche Tiefe, die neue Einblicke in die Entwicklung und Verbreitung tief tauchender Wale eröffnet.
Mehr als tote Knochen: an den Kadavern blüht Leben. An mehreren Stellen fanden die Wissenschaftler aktive „whale‑fall“-Gemeinschaften, also Ökosysteme, die sich an einem Kadaver entwickeln und von den abgestorbenen Organen und Knochen leben. Typische Bewohner sind Schlangensterne, knochenfressende Würmer und chemosynthetische Muscheln; die Untersuchungen legen nahe, dass diese Gemeinschaften auch Arten beherbergen, die der Wissenschaft bislang unbekannt sind. Die Nichterreichbarkeit solcher Habitate machte ihre Erforschung bisher so schwierig — die neue Entdeckung erweitert nun die bekannten Grenzen, wie tief solche spezialisierten Lebensgemeinschaften aktiv sein können.
Paläontologische Funde und neue Arten: Unter den geborgenen Überresten fanden sich vor allem Schädel und robuste Rostra von Schnabelwalen (Ziphiidae). Die Forscher identifizierten sowohl heute noch lebende Arten als auch ausgestorbene Formen; für einige Fossilien beschrieben Fachleute sogar eine neue Schnabelwal‑Art mit dem wissenschaftlichen Namen Pterocetus diamantinae. Die sich ergebenden anatomischen und altersbezogenen Daten liefern ein direktes Archiv zur Rekonstruktion der Evolution und Lebensweise tief tauchender Wale.
Warum gerade hier so viele Walkadaver liegen, erklären die Autorinnen und Autoren der Studie mit einer Kombination aus Faktoren: die komplexe Topographie der Diamantina‑Zone (steile Hänge und Mulden) kann sinkende Kadaver bündeln, die Nahrungsverfügbarkeit lockt tieftauchende Arten an, und extrem niedrige Sedimentationsraten begünstigen die Langzeitkonservierung von Knochen. Zusammen hat dies offenbar über geologische Zeiträume zu einer ungewöhnlich dichten Akkumulation geführt.
Bedeutung für die Forschung
Experten, die nicht an der Studie beteiligt waren, bezeichneten den Fund als „außergewöhnlich“ — nicht allein wegen des Umfangs, sondern auch wegen seiner Bedeutung für Verwandtschafts‑, Verbreitungs‑ und Ökologiefragen bei Cetaceen. Die Fundstelle ist zugleich ein Mahnmal dafür, wie wenig wir über die Tiefsee wissen und welche biologischen Schätze dort verborgen liegen. Wissenschaftliche Einblicke in die Verbreitung chemosynthetischer Lebensgemeinschaften, in fossile Archive und in die Populationsdynamik von Walen sind für den Naturschutz und für unsere grundsätzliche Einschätzung mariner Biodiversität von großem Wert.
Schutz der Tiefsee
Die Entdeckung fällt in eine Zeit, in der das Interesse an der Tiefsee als Rohstoffquelle und an neuen Nutzungsmöglichkeiten wächst. Zahlreiche Studien und Naturschutz‑Institutionen warnen davor, dass Eingriffe wie Tiefseebergbau oder großflächige Schleppnetzfischerei empfindliche, kaum regenerierbare Lebensräume zerstören können. Die neu entdeckte Diamantina‑Nekropole unterstreicht die Dringlichkeit, Schutzstrategien für besonders empfindliche Tiefseehabitaten zu prüfen und den Forschungsbedarf zu decken, bevor irreversible Eingriffe erfolgen.
Ausblick
Die Forscher betonen, dass vergleichbare, bislang unerkannte „Wal‑Archive“ an anderen tiefen Meeresregionen existieren könnten — Hinweise dafür liefern bereits Fossilienfunde aus anderen Becken. Künftige Expeditionen werden zeigen, wie weit verbreitet solche Korridore sind, welche verborgenen Arten sie beherbergen und wie diese Lebensgemeinschaften über geologische Zeiträume verbunden gewesen sein könnten. Für Schutz und Forschung gilt: je besser wir diese Räume verstehen, desto gezielter lässt sich ihr langfristiges Erhalten sichern.
Quellen
- Peng, X. et al., „A 5.3‑million‑year‑old deep‑sea whale necropolis in the Diamantina Zone“, Nature, 10. Juni 2026. https://www.nature.com/articles/s41586-026-10546-z
- National Geographic, „Scientists discover ‘graveyard’ of whale skeletons in an ocean abyss off Australia“, 10. Juni 2026. https://www.nationalgeographic.com/(..)graveyard-deep-sea-bones-fossils
- Chinese Academy of Sciences (Presseinfo), „5.3‑million‑year‑old Whale Graveyard Hotspot Found in Indian Ocean“, 11. Juni 2026. https://english.cas.cn/newsroom/(..)1161688.shtml
- The Guardian, „Deepest and most extensive whale graveyard discovered in Indian Ocean“, 10. Juni 2026. https://www.theguardian.com/(..)whale-graveyard-discovered-indian-ocean
- IUCN / Berichte zu Tiefsee‑Risiken (Deep‑Sea Mining) und wissenschaftliche Übersichten zu den ökologischen Folgen von Eingriffen in die Tiefsee. https://iucn.org/sites/(..)iucn-issues-brief_dsm_update_final.pdf
YouTube Video https://www.youtube.com/watch?v=ox28X9Xq5vk