Namibia: Riesenkelp-Farm vor der Wüstenküste

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26.09.2026 18:47
Kategorie: News

Wo Ozean und Wüste aufeinandertreffen, wächst der schnellste Wald der Welt

Vor der einsamen Küste Lüderitz' im Süden Namibias, dort wo Wüste und Atlantik unmittelbar aufeinandertreffen, betreibt das niederländische Unternehmen Kelp Blue seit 2021 eine Farm für Riesenkelp (Macrocystis pyrifera).

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Ausgerechnet an diesem rauen, wettergegerbten Küstenabschnitt herrschen fast ideale Bedingungen für die größte aller Braunalgen: Der kalte, nährstoffreiche Benguela-Meeresstrom sorgt ganzjährig für konstante Temperaturen und reichlich Nährstoffe, während die Region gleichzeitig ganzjährig verlässlich viele Sonnenstunden bietet.

60 Zentimeter am Tag

Riesenkelp zählt zu den am schnellsten wachsenden Lebewesen der Erde überhaupt: Unter optimalen Bedingungen legt die Braunalge bis zu 60 Zentimeter pro Tag zu und kann am Ende über 45 Meter Länge erreichen – vom Meeresgrund bis zur Wasseroberfläche. Wie ein Baum bildet sie dabei Stämme, Blätter und ganze, dichte Wälder, nur eben deutlich schneller wachsend als jedes Landgewächs. Bei Kelp Blue wachsen die Algen zunächst im Labor aus mikroskopisch kleinen Sporen heran, werden dann auf Trägerleinen aufgebracht und im Meer ausgebracht, wo sie sich zu ausgewachsenen Pflanzen entwickeln.

Nach eigenen Angaben bewirtschaftet das Unternehmen inzwischen mehr als 30 Hektar Kelpwald in der Shearwater Bay bei Lüderitz und erweitert die Anbaufläche um etwa vier Hektar monatlich.

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Klimaschutz, Jobs und offene Fragen

Die Hoffnung hinter dem Projekt: Riesenkelp gilt als bislang unterschätzter Kohlenstoffspeicher, der pro Fläche deutlich mehr CO2 binden kann als terrestrische Wälder. Gleichzeitig bieten die Unterwasserwälder neuen Lebensraum für zahlreiche Meerestiere und schaffen in einer Region, in der einst die Diamantenindustrie boomte und später die Fischerei durch Überfischung einbrach, neue, technisch anspruchsvolle Arbeitsplätze.

Geerntet wird ausschließlich die obere Blattkrone, während der untere Bestand als Kohlenstoffspeicher und Lebensraum erhalten bleibt. Aus der geernteten Biomasse stellt Kelp Blue unter anderem landwirtschaftliche Biostimulanzien her, die Nutzpflanzen helfen sollen, Dürreperioden und Klimastress besser zu überstehen. Perspektivisch sollen weitere Produkte von Kosmetik bis zu biologisch abbaubaren Verpackungen aus den Kelpblättern produziert werden.

Wie klimawirksam das Projekt tatsächlich sein wird, ist derzeit noch Gegenstand laufender Forschung. Ein Team der University of Namibia untersucht seit einiger Zeit geochemische Basisdaten an mehreren Standorten rund um die Farm, um das tatsächliche Kohlenstoffbindungspotenzial zu quantifizieren; eine 2026 veröffentlichte Studie im Fachjournal Thalassas ermittelte für den Standort in der Shearwater Bay eine Netto-Primärproduktion von rund 7,57 Kilogramm Kohlenstoff pro Quadratmeter und Jahr, mit ausgeprägten saisonalen Schwankungen zwischen Winter und Sommer. Ob und in welchem Umfang sich daraus tatsächlich handelbare "Blue Carbon"-Zertifikate ableiten lassen, ist Stand heute noch komplett offen.

Kein Hausriff, sondern Expedition

Für Taucher unterscheidet sich ein Kelpwald grundlegend von einem klassischen Korallenriff: Statt bunter Steinkorallen erwartet Besucher ein hochaufragender, in Strömung wogender Unterwasserwald aus goldbraunen Blättern, durchsetzt von Lichtstrahlen, die sich ihren Weg durch das dichte Blätterdach bahnen.

Kalte Wassertemperaturen, oft eingeschränkte Sicht durch die nährstoffreichen Auftriebsgebiete und die abgelegene Lage der namibischen Küste machen einen Besuch eher zur Expedition als zum Alltagstauchgang. Zudem ist die Region bislang kein etabliertes Tauchreiseziel, anders als etwa die kalifornischen oder südafrikanischen Kelpwälder. Wer sich dennoch dorthin aufmacht, betritt eines der am wenigsten erschlossenen Unterwasser-Ökosysteme des südlichen Afrikas.

Weitere Informationen:
Thomson Reuters Foundation / Context News
The Fish Site
Kelp Blue (Unternehmenswebseite)
Thalassas: An International Journal of Marine Sciences (Springer Nature, 2026)