Madeira. (Tauch)Urlaub auf der Insel des ewigen Frühlings

Teile:
22.04.2015 11:45
Kategorie: Reise



Madeira ist vor allem bekannt für seine verschwenderische Blütenpracht. Wer das südlichste Ende Portugals jedoch nur auf die Pflanzenwelt reduziert, ist nicht wirklich dort gewesen. Neben ausgedehnten Wanderungen entlang der für die Insel typischen Levadas, Canyoning in tiefen Schluchten und anspruchsvollen Bergtouren lockt viele Urlauber auch die Möglichkeit, einmal einen Giganten der Meere in freier Natur zu beobachten.

Bericht von Sven Peks

"Wenn du auf Madeira lebst, fliegst du nicht mehr in den Urlaub!" lacht Felipe in die gemischte Runde an Bord der Ventura da Mar, einem 16 Meter langen Einmaster mit schmalem Sonnendeck und einer winzigen Kombüse aus deren Kochecke der Geruch von gegrillten Hähnchen herauf weht. Die Gäste nicken zustimmend. Tatsächlich haben die meisten von ihnen in den letzten Tagen schon so viel von der Insel zu sehen bekommen, dass sie dem nur zustimmen können.


Madeira in DiveInside


Der Bericht von Sven ist Teil unserer kleinen Madeira Reihe. Zwei Redakteure waren vor Ort und berichten von der Insel im Atlantik aus ihrem jeweils persönlichen Blickwinkel.

Zum Bericht von Andreas geht es hier.



Bereits im Hollywood der frühen 50er Jahre wusste man, dass sich häufig Wale und Delfine in größeren Gruppen nahe der Insel aufhalten. So drehte John Huston 1956 Teile des berühmten "Moby Dick" mit Gregory Peck vor der Küste Canicals. Die Walfang Aufnahmen in dem Klassiker wurden nicht mit den Originalschauspielern gedreht: Sie zeigen madeiranische Walfänger bei der täglichen Arbeit. Die Stars des Films waren jedoch vor Ort und zieren noch immer die Ehrengast-Tafeln der Hauptstadt Funchal. Walfang wurde hier noch bis in die späten 80er des letzten Jahrhunderts betrieben. Trotz dieser intensiven Jagd leben in den Gewässern um Madeira heute 27 verschiedene Wal- und Delfinarten.



Impressionen der beeindruckenden Gebirgslandschaft Madeiras.



Felipe ist Biologe und arbeitet für das Wal-Museum in Canical im Südosten der Insel. Heute begleitet er 14 Personen auf einer Wal- und Vogel-Beobachtungstour von Funchal zu den 20 km südlich gelegenen Ilhas Desertas. Die Desertas haben auf den ersten Blick nicht viel zu bieten. Schroffe Felswände, ohne sichtbaren Bewuchs, stürzen in den Atlantik, die See ist rau und im Vorbeifahren entdeckt man keine Möglichkeit die Klippen zu erklimmen oder gar eine Stelle um einen Fuß an Land zu setzen. Jedoch gibt es dort eine Kolonie der vom Aussterben bedrohten Mönchsrobbe - dem seltensten Säugetier Europas mit gerade einmal 300 verbliebenen Tieren weltweit. Zudem findet man hier eine endemische Seeschwalben-Art und eine Giftspinne, die ausschließlich auf der mittleren der drei Desertas zu finden ist. Das alles lockt immer wieder Naturfreunde in diese Einöde.

Wal in Sicht!


An Bord der "Ventura" beobachten einige Freizeit-Sielmanns gespannt die Wasseroberfläche als plötzlich einer der Gäste aufgeregt Richtung Horizont deutet und "dort hinten, da bläst ein Wal!" ruft.

Tatsächlich erkennt man in 300 Metern Entfernung den Blas mehrerer Tiere, der zwischen den Wellen heraus stäubt. Der Kapitän dreht den Segler bei, so dass sich Schiff und Wale langsam in einem spitzen Winkel annähern. Felipe meint, mit dem Fernglas vor den Augen: "Das sind Pilot-Wale, vermutlich 15-20 Tiere, eine der häufigeren Arten im Kanal zwischen Madeira und den Desertas. Jetzt beginnt die Kalmar-Saison und der Engpass hier ist ein ideales Jagdrevier."

Ob er mit der Größe der Gruppe richtig liegt, ist schwer zu schätzen. Immer wieder taucht an einem anderen Ort eine Finne aus dem Wasser, steuert kurz Richtung Boot als möchte sie die merkwürdigen Besucher in Augenschein nehmen und verschwindet dann in sicherer Entfernung im Blau. Felipe strahlt über das ganze Gesicht: "Gleich zu Beginn eine Gruppe Wale, das ist ein Erfolg! Die Chancen stehen gut heute noch etwas richtig Großes zu Gesicht zu bekommen. Pottwale sind hier ebenfalls recht häufig und vor allem nicht zu übersehen, weil ziemlich groß!" Doch der bleibt leider aus: Für die nächste Stunde zeigt sich außer der endemischen Schwalbe und den Felswänden der Inseln nichts am Horizont.

Insel der Wildhüter


Auf die kurz vor dem Exodus stehende Mönchsrobbe muss dagegen keiner der Gäste lange warten. Schon während der Segler in einer versteckten Bucht an der mittleren der drei Desertas Anker wirft, schwimmt eine halbwüchsige Robbe ganz entspannt vor dem Bug auf und ab. Als ob sie wüsste, was als nächstes geschieht, flaniert sie exakt so lange bis alle Passagiere Flossen und Masken aus ihren Rucksäcken gekramt haben und freudig ins Wasser springen. Als die ersten Schwimmer bemerken, dass 19 Grad und nur Bikini doch etwas kalt für so eine Aktion sind, verschwindet die Robbe hinter einigen mächtigen Felsen, die kantig und grau am Rande der Bucht aus dem Wasser ragen.

Die Taucher an Bord lassen es etwas entspannter angehen. Sie wissen, dass sich die Robben gerne in einer Höhle am Rand des Hafenbeckens aufhalten. Und sollte die Suche erfolglos bleiben, erwartet sie auf jeden Fall eine aufregende Kulisse. Wie eine mächtige versunkene Brücke spannen die Felsen zwei zwanzig Meter durchmessende bogenförmige Durchgänge. Einige Lavablöcke sind so ineinander verkeilt, dass sich Gänge und Höhlen in dem Trümmerfeld gebildet haben. Highlight des Tauchganges ist die Große Grotte, in welche man bei Niedrigwasser sogar mit einem Boot hineinfahren könnte. Das Wasser wird immer flacher und zum hinteren Ende läuft der sandige Boden in einen winzigen Strand aus, der von der Sonne durch kleine Löcher in der Höhlendecke angeleuchtet wird.

Während die Taucher zur "Ventura" zurückkehren nähert sich ein Schlauchboot der Park-Ranger. An Bord befindet sich Prof. Dr. Rosa Pires und ein weiterer Parkwächter. Die Meeresbiologin arbeitet für die Regionalverwaltung Madeiras und befindet sich gerade im Außendienst auf den Isla Desertas um ihre Forschungsarbeiten bezüglich der Mönchsrobben voranzutreiben. Die Taucher sind ihr anscheinend etwas zu neugierig gewesen. Am Ende des Tauchganges kamen sie einer halbwüchsigen Robbe zu nahe, wie die Ranger von ihrer Forschungsstation am Ufer beobachten konnten.

Sie erklärt den Tauchern und dem Kapitän der "Ventura", dass vor einigen Tagen ein neues regionales Gesetz zum Schutz der Meeressäuger verabschiedet wurde. Danach ist es nicht länger gestattet, sich den Tieren aktiv mehr als 50 Meter zu nähern. "Wir wollen einfach das Risiko minimieren, dass Tiere durch Boote verletzt oder gestört werden. Die Tiere sollen selbst entscheiden, ob sie näher kommen möchten. Zudem dient das ebenfalls dem Schutz der Menschen. Robben haben ein kräftiges Gebiss mit großen Zähnen, sie können hässliche Verletzungen verursachen, wenn sie sich bedrängt fühlen und zuschnappen."

Ob so etwas schon vorgekommen sei, will einer der Taucher wissen. "Nicht oft, aber es gibt Fälle. Und jeder Unfall wirft uns wieder ein Stück, was den Ruf der Robben angeht, zurück. Einige der Fischer hier glauben immer noch, die Robbe sei ein Konkurrent, der ihnen den Fisch wegfängt. Die wären froh, wenn sie nicht mehr geschützt würden, und sie endlich auch die letzten Tiere jagen könnten."

Der auf Madeira lebende Biologe und Buchautor Prof. Dr. Peter Wirtz wundert sich, dass Tauchen in den Gewässern rund um die Desertas-Inseln überhaupt gestattet ist. Er meint die Regierung soll die kargen Felsen der Desertas doch strikter schützen. Denn, wer sich beim Tauchen ruhig verhält, bekommt auch an der Hauptinsel genügend vor die Maske.

Er selbst hatte seine erste Robben Begegnung bei einem Fototauchgang an der Südküste Madeiras - inklusive Körperkontakt: "...eigentlich wollte ich gerade eine Makroaufnahme machen und war auf das winzige Tier im Sucher konzentriert, als ich von hinten angerempelt wurde! Ich dachte es war ein Taucher, fuhr herum um mich über diese Rücksichtslosigkeit beschweren und blickte dann direkt in das Gesicht einer etwa 2 Meter großen Mönchsrobbe. Etwas bange wurde mir schon, als ich aus kürzester Entfernung die Eckzähne aufblitzen sah."
Wirtz blinzelt in die Abendsonne auf der Terrasse des Praia dos Reis Magos und schwärmt bei einem Glas Rotwein von der einzigartigen Fauna und Flora der Insel: "Diese kleine Perle im Atlantik hat so viel zu bieten. Neben Walen und Delfinen sollten Urlauber unbedingt den Garajau Marine Park besuchen."

Cap Garajau: Vom Walfriedhof zum Unterwasser-Schutzgebiet


Hier, am Cap Garajau ist das Fischen seit 20 Jahren verboten. Vor gar nicht allzu langer Zeit wurden hier noch die blutigen Leiber erlegter Wale an Land gezerrt. Jetzt steht hier eine Seilbahn, welche die Badegäste vom 300 Meter höher gelegenen Plateau zum schmalen Strand in der Bucht bringt. Rechts und links ragen senkrechte Felswände aus dem Meer. In der höchsten Wand entdeckt man einen Eingang. Dort wurde zur Zeit des Walfangs der Lebertran in Fässern zwischengelagert, bevor er weiter verschifft wurde. Später diente die ehemalige Wahlfanghöhle Felix Waschkewitz als Standort für seine Tauchbasis.

Mehr Fisch als an diesem Platz mit seiner atemberaubenden Kulisse findet man nirgends sonst um Madeira. Vermutlich sah es in den gesamten Küstengewässern so aus, bevor der Mensch anfing Würmer mit Schnüren und Haken zu kombinieren. Der Tauchplatz präsentiert sich wie ein verlassener Steinbruch. Blöcke so groß wie Einfamilienhäuser, stapeln sich bis auf eine Tiefe von knapp 30 Metern. Graue Felsen, kaum Bewuchs: Alles wirkt, als hätte sich der Staub nach einer Sprengung gerade erst gelegt.

Zwischen den Felsen ruhen große Stechrochen auf Sandflächen, Muränen starren aus den Spalten und Jungfische flüchten unter die Vorsprünge. Die Attraktion jedoch ist "Elvis": Ein Brauner Zackenbarsch, der aufdringlich werden kann, wie ein ausgehungerter Kater in einem ägyptischen Strandlokal. Schwärme von Brassen drücken sich zum Schutz vor den Lampen der Taucher gegen die vereinzelt im Sand liegenden Felsen am Rand des Trümmerfeldes. Makrelen und Barrakudas lauern im Blau und warten auf den richtigen Moment zum Angriff. Lediglich die hier vorkommenden Mantas konnten in den letzten Jahren nur selten beobachtet werden; jedoch sind die Tauchgänge hier auch ohne Mantabegegnung als außergewöhnlich zu bezeichnen.


Video zum Thema:

 


Der große Zackenbarsch Elvis im Videoporträt. Weitere Videos zur Region sind in unserer Videothek, Bereich Portugal zu sehen.



Etwas traurig klingt Felix schon, spricht man ihn auf die "alte" Basis an. Aber die von 300 Meter Steilwand abbröckelnden Steinchen, der Platzmangel und auch der unsichere Einstieg in das damalige Hausriff waren für ihn und seine Frau Alice dann der Grund, den Standort zu wechseln. Vor knapp zwei Jahren zogen die Beiden also ein paar Kilometer weiter, an den östlichen Rand des Garajau Naturparks nach Canico. Dort können ihre Gäste über drei gesicherte Einstiege ins Hausriff eintauchen. Zackenbarsche sieht man zwar eher selten, dafür gibt es Seepferdchen, Oktopus und Anglerfische zu bewundern. Wer trotzdem hinüber in den Park zu Elvis will, nimmt einfach das Tauchboot der Basis. Und wenn jemand mal keine Lust auf Tauchen hat, schnürt er die Wanderschuhe und begibt sich auf einen der vielen Steige und Wege durch das Inland.



Impressionen aus dem Nationalpark Garajau.



Wer Hilfe und Tipps bei seinen Wanderungen benötigt: Vater Rainer Waschkewitz, Tauchpionier auf Madeira, hat sich weitestgehend aus dem Geschäft zurückgezogen und kümmert sich über Wasser um die Besucher. Gerne führt er sie in die entlegensten Winkel der Insel und zeigt die besten Steige und Rundwanderwege. Rainer kennt hier jeden Quadratmeter, denn er lebt schon so lange auf Madeira, dass er sich sogar noch an die Zeit erinnert, als beim Ruf "Da bläst der Wal!" nicht Kameras, sondern Harpunen in Position gebracht wurden. Genau zu dieser Zeit eröffnete er die erste Tauchbasis der Insel und setzte sich maßgeblich dafür ein, dass aus dem Ort, an dem die Fischer früher die erbeuteten Wale zur Weiterverarbeitung ans Ufer schleppten, ein Naturschutzgebiet wurde. Deshalb wird hier in Zukunft hoffentlich kein weiterer Moby Dick auf Zelluloid gebrannt werden, aber mit Sicherheit viele bleibende Erinnerungen in die Herzen der Taucher.


Ergänzende Infos


Tauchen:

Die private Tauchbasis "Madeira Diving Center" von Alice und Felix Waschkewitz liegt an der Strandpromenade "Reis Magos" in Canico der Baixo an der Südküste Madeiras. Zum Hausriff und dem Boot geht man nur wenige Meter. Vom kleinen Anlegesteg starten mehrmals wöchentlich Trips zu den 11 Spots um Madeira. Neben Kursen (PADI/CMAS) bietet die Basis regelmäßig Nachtauchgänge an. Lampen können gegen Gebühr geliehen werden, Leihequipment (Mares/Scubapro) und Nitrox ebenfalls gegen Aufpreis. Trips zu den Desertas Inseln sollte man einige Tage im Voraus anmelden, nicht immer bekommt man sofort einen freien Platz.

Die Tauchplätze sind abwechslungsreich und sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene geeignet. Die meisten Spots liegen direkt an der Insel und fallen selten tiefer als 30 Meter ab. Einige wenige Plätze sind der Insel vorgelagert, hier kann Strömung auftreten. Da Madeira im Atlantik liegt, präsentiert sich die See ab und zu recht unfreundlich. Wird es zu wild, werden manche Spots für ein oder zwei Tage nicht betaucht. Kein Problem: Einfach das Land anschauen! Die Wassertemperaturen liegen im August und September bei ca. 24 Grad. In den Monaten Januar bis Mai fallen sie auf unter 19 Grad. Beste Reisezeit ist Juli bis September. Es empfiehlt sich immer mit 7mm oder mit einer zusätzlichen Eisweste zu tauchen. Eine Kopfhaube sollte auf jeden Fall ins Gepäck.

Preise TG: 25 Euro incl. Flache und Blei/40 Euro mit Komplett-Ausrüstung.

Infos: www.madeiradivingcenter.com


Die Insel:

Madeira ist eine Vulkaninsel 630 Kilometer westlich des Afrikanischen Kontinents auf der Höhe von Marokko. Sie erhebt sich aus einer Tiefe von 4.000 Metern. Höchster Berg ist der Pico Ruivo mit knapp 1.900 Metern. Durch die isolierte Lage konnten sich einige endemische Arten entwickeln. Auf der Insel herrscht mildes Klima, an den steilen Hängen bilden sich schnell Wolken, die im Gebirge abregnen. Um das Wasser für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, bauten die Bauern das längste Bewässerungssystem der Erde: die Levadas. Über 4.000 Kilometer dieser gemauerten Wasseradern ziehen sich um die Insel, sie überbrücken Schluchten, sind in Steilwände gemeißelt und durchstoßen ganze Berge. Jede Levada wird von einem Weg gesäumt, der zu Wartungszwecken angelegt wurde. Diese Wartungswege eignen sich hervorragend zum Wandern. Bei einem Besuch der Insel sollte man unbedingt ein bis zwei Tage für diese Attraktion einplanen.

Ein guter Ratgeber ist hier: