Kalymnos - Insel der Robbenmenschen

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28.07.2007 12:16
Kategorie: News

Die Bewohner des griechischen Eilands lebten lange Zeit vom Schwammtauchen – ein gefährlicher Broterwerb. Die vielen Unfälle haben sie gelassen und etwas melancholisch gemacht.


Wie gemalt: Die pastellfarbenen Häuser im Hafenort Pothia. Es scheint, als wären sie mit den Wellen an die kahlen Hänge geschwappt. Tradition: Das Geschäft mit den Naturschwämmen floriert immer noch (unten). Eine Ballade von Friedrich Schiller heißt „Der Taucher“. In ihr wirft ein König einen goldenen Becher von einer „Klippe, die schroff und steil/ Hinaushängt in die unendliche See/ ... in der Charybde Geheul“. Ein Knappe soll den schönen Schatz, wenn er ihn aus der Tiefe holt, behalten dürfen. „Es freue sich,/ Wer da atmet im rosigten Licht!/ ...Und der Mensch versuche die Götter nicht“, heißt es, nachdem der Knappe den Tauchgang überlebt hat. Bei der zweiten Herausforderung des Königs aber verschlingt ihn das Meer für immer.

Steil abfallend, schroff und gewaltig sind auch die Kalkklippen der Insel Kalymnos, deren Bewohner dafür berühmt sind, dass sie die größten Herausforderer des Meeresgottes waren. Auch ihre Geschichte nahm einen tragischen Verlauf. Ein stolzes Schild im Hafen der Hauptstadt Pothia empfängt Reisende mit der Aufschrift „Willkommen auf der Insel der Schwammtaucher“. Unterm glockenblumenblauen Himmel scheinen die pastellfarbenen Häuser wie mit Wellenschlägen über die kahlen Hänge einer weiten Bucht geschwappt zu sein. Die Anlage dieser großen Stadt auf der nur 109 Quadratkilometer kleinen Insel hat etwas Amphitheatralisches,, ihre Hafenmole ist so weit gespannt, dass das Meer wie ein glitzernder, ruhiger See darin eingefangen ist. Klassizistische Häuser und eine prächtige Kuppelkirche zeugen vom Wohlstand vergangener Zeit. In der familiären Taverne „O Kafenés“ kommt zu Bauernsalat und dem gegrillten Kalmar das frische Bier mit einem kühlenden Neoprenwams auf den Tisch.


Bittere See


Kalymnos, zur Inselkette der Dodekanes gehörend, ist eigen, nahezu kosmopolitisch, mit Herrenhäusern, einem Spirituosengeschäft voll erlesener Weine und Brände und einem großen Hafenamt, während sich das Tourismusbüro auf einen kleinen Holzkiosk beschränkt. Dort fällt einem das Buch der jungen Autorin Faith Warn in die Hände, die einige Jahre auf der Insel verbrachte. „Bitter Sea“, bittere See, heißt der Titel und ist den Schwammtauchern und ihren Familien gewidmet. Beim Aufschlagen ein rührendes Foto: Drei kleine Jungen mit Latzshorts und Stoffschläppchen stehen auf der Hafenmole, und jeder hält mit gereckten Armen einen über seinem dünnen Körperchen riesig wirkenden Schwamm auf dem Kopf. Der kleinste von ihnen duckt sich verschämt unter der leichten Last. Der andere wirkt ernst wie einer, der etwas ausgefressen hat. Und in der Mitte grinst einer so frech und siegesgewiss wie der Star der örtlichen Fußballmannschaft. „Stavros Valsamidis und Freunde, 1954“.

Es ist nicht weit zu ihm, nichts liegt weit auseinander auf Kalymnos. Über waghalsig in den Fels geschnittene Kurven geht es hoch über Pothia. Vertraute griechische Dorfbilder kristallisieren sich unter der Sonne heraus, Oregano- und Salbeiduft mischt sich ins Panorama der tiefblauen See, ein Paradies der Apnoetaucher, die ohne Sauerstoff in große Tiefen vordringen.
Im Küstendörfchen Vlichadia hat sich gerade eine laut wuselnde Schulklasse mit schreienden Lehrern über den Kieselstrand ergossen kleine Kerle wie jene auf dem Foto. Nur sind sie heute dicklich wohlgenährt. Das Wasser in der Bucht schimmert in betörendem Türkis. Blütenweiß sticht dagegen das Seaworld Museum ab, das eine der skurrilsten Ausstellungen in der Ägäis birgt.

Ihr Sammler war niemand anderes als der lustige Kleine mit dem Schwamm auf dem Kopf. In Vitrinen und Becken und Hummerkäfigen zeigt er, was das Meer ihm im Laufe der Jahre mitgegeben hat. Vor allem Porifera, zum Stamm der Tiere gehörend, jedoch ohne Gewebe und Organe. Rund 7500 Arten bringen die Schwämme hervor. Der freundliche Valsamidis erklärt, wie sie als schwarze Klumpen geerntet werden. Mit harter Arbeit gereinigt, gepresst und in der Takelage zum Trocknen aufgereiht, landen sie bis heute in den beiden Schwammfabriken von Pothia.

Im Jahr 1868 zählte die kalymnische Flotte nicht weniger als 300 der farbenfrohen Holzboote, die monatelang bis vor die libysche Küste unterwegs waren, um das Meer abzuernten. In jenen Jahren hatten die Schwammtaucher den „Skáfandro“ genannten Taucheranzug mit Helm und Luftzufuhr bekommen. Zuvor hatten sie nackt, nur mit einem Beschwerungsstein, der Skandalópetra, immerhin Tiefen bis 30 Meter erreicht. Mit dem Anzug konnten sie bis zu 80 Meter erreichen und einen vielfachen Ertrag heimbringen. An der Museumswand ist ein zerschundener Skáfandro ausgestellt, der in sich zusammengesackt ist wie ein toter Taucher.

Nach dem Museumsbesuch möchte man sich in den klaren Fluten erproben. Der Badeort Myrties liegt anmutig in den Felsen der Westküste und schaut auf das Inselchen Telendos, einen wuchtigen nackten Berg. Traditionelle Boote setzen über in ein weiß-blaues Idyll aus Gassen, Tavernchen und geheimen Feriendomizilen. Telendos treibt wie ein verrücktes Königreich vor der Hauptinsel. Hohe Klippen ragen über einen schwarzsandigen Badestrand. Da branden Charybdis Fluten auch wütend an und machen den Abgrund zu einem Schauplatz für Schillers Ballade.

Die Kalymnioten galten in der ganzen Welt als tollkühne Taucher mit dem erstaunlichsten Lungenvolumen. „Wir haben neue Menschen geschaffen“, erzählt einer von ihnen im Buch „Bitter Sea“. „Vermutlich sind wir zu Robben geworden.“ Der Preis dafür war entsetzlich hoch. Eine, die davon packend erzählen kann, ist die Hüterin des Volksmuseums Kalymniko Spiti. Faneroméni Skylla strahlt ebenso viel Freundlichkeit aus wie Valsamidis im Seaworld, der Tavernenwirt in Pothia, der Weinhändler, die Mädchen im Touristenkiosk, der Autovermieter. Woher nur nehmen diese kalymnischen Robbenmenschen so viel Herzlichkeit, da „ihre Geschichte die mit den traurigsten Liedern ist“, wie Faneroméni ihren Vortrag beginnt?


Trauerkleidung beim Abschied


In ihrem Museum ist das Leben einer typischen Schwammtaucherfamilie nachgestellt. Ein Leben voll Unsicherheit und zugleich mit festen Traditionen. Wenn die Männer ausfuhren, verabschiedeten die Frauen sie mit fröhlichen Tänzen und weißen Kopf- und Taschentüchern. Kaum aber waren die Schiffe um die Mole herumgefahren, hüllten die Frauen sich in Trauerkleidung. Wussten sie doch, dass vielleicht die Hälfte der Schiffsbesatzungen nicht zurückkehren, sondern beim Tauchen sterben würde.

Zwar hatten Wissenschaftler zu jener Zeit die Probleme der Dekompression bereits erkannt. Doch die Schwammhändler und Schiffskapitäne spielten Risiko mit den Leben jener Männer im schweren Skáfandro. Während gnadenlos langer, mühevoller Tauchgänge nahmen sie viel Atemluft in sich auf, und ihr Körper glich beim Auftauchen einer unter Hochdruck stehenden Sprudelflasche, das Blut voller Gasblasen, die sich in den Gelenken anlagerten, Schwindel und Lähmungen verursachten oder gar die Lunge zerrissen. Gradmesser für die Gefahr, in der die Männer schwebten, war die erste Zigarette nach dem Tauchgang. Rochen ihre Gefährten im ausgeblasenen Rauch den tödlichen Hauch von Stickstoff, konnten die Ärmsten nur noch ihr bitteres Schicksal abwarten.

In den Jahren 1886 bis 1910 verzeichnet die Statistik der Dodekanes10000 tote Taucher und 20000 Schwerbehinderte, die meisten waren Kalymnioten. Erst nach einer Revolte der Frauen, die bis zum obersten Patriarchen nach Konstantinopel reisten, wurde der Skáfandro abgeschafft.


Denkzettel vom Hai


Faneroméni erzählt zum Abschluss gern noch farbenreich die Geschichte eines Nackttauchers, der von seinem Stein abwärts gezogen direkt im Maul eines Riesenhais landete. Der Fisch verschluckte sich jedoch an der Skandalópetra, dem schweren Stein, und spie den Taucher aus, nicht ohne ihm mit seinen messerscharfen Zahnreihen einen Denkzettel für alle mitzugeben. „Das Meer ist das Meer“, sagen die Kalymnioten.

Im nördlichen Inselteil bei dem versteckten Ort Emporio ragen rötliche und goldfarbene Felsen fast senkrecht über dem schillernden Blau des Wassers auf, und es zieht die Sinne des Menschen nahezu in sich hinein. Hierher strömt eine andere Gruppe von Herausforderern. Kletterer aus der ganzen Welt kommen, um die phantastischen Vertikalen der Insel auszuloten. Was die einen zum Broterwerb am Seil in die Tiefe lockte, zieht die anderen nun zum Zeitvertreib in die Höhe, wo sie in den steilen Felsdomen zwischen Himmel und Wasser hängend ähnlich delphinartige Körperlinien zeigen wie wohl einst die von der Skandalópetra gezogenen Nackttaucher. Gewiss kehren die meisten Kletterer von Kalymnos nicht ohne einen Badeschwamm im Gepäck in ihre Städte zurück.
Die Besitzer der Schwammläden in Pothia haben diese ureigene, melancholische Freundlichkeit und schöne Würde, die aus einer anderen Tiefe heraufgekommen zu sein scheint. Vielleicht ist es so, wie es die modernen Apnoetaucher beschreiben, die sich so tief, so ungeschützt ins Meer stürzen: Dass man zwischen Ekstase und Schrecken tief unten am Grund des Meeres seine Seele findet.

Anreise: Mit dem Flugzeug auf die Insel Kos. Air Berlin fliegt beispielsweise ab Düsseldorf, ab etwa 140 Euro. Olympic Airlines ab Frankfurt, ab etwa 250 Euro. Von Kos weiter mit der Fähre zirka 3,5 Stunden. oder dem Katamaran-Express zirka 1,5 Stunden.

Unterkunft: Plaza, in Masouri, einfach, aber nahe beim Strand, ab 30 Euro, Tel. 0030/ 2243/047156. Auf Telendos ruhige Wohnmöglichkeiten. Bootsverbindung zur Hauptinsel halbstündlich.

Essen: „O Kafenés“, in Pothia an der Platia Papa Michaili.

Fortkommen: Mietwagen oder Moped lohnt sich zur Erkundung abgelegener Buchten. Auto etwa 45 Euro, Moped 10 Euro pro Tag. Budget Kardoulias Nomikos, Pothia, Tel. 0030/22430/51780.

Auskunft: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Str. 22, 60311 Frankfurt am Main, Tel. 069/257 82 70. Kalymnos; Municipal Tourist Organisation, Tel. 0030/22430/50056.

Internet: www.eot.gr, www.kalymnos-isl.gr, www.climbers-nest.com


Quelle: Rheinischer Merkur
Text: Jule Reiner
Fotos: Jürgen Lecher