Interview mit Mark Ellyatt

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30.01.2004 12:08
Kategorie: News
Mark Ellyatt tauchte als erster Mensch alleine von der Wasseroberfläche bis auf 313 Meter Tiefe und wieder zurück – eine körperlich-seelische und technische Höchstleistung, die mehr Fragen aufwirft als manche Höchstleistungen des Menschen im Weltall.


Frage: Was treibt Sie in diese absolut menschenfeindliche Tiefe?

Mark Ellyatt: Als Tauchlehrer für technisches Tauchen und speziell Tieftauchausbildung beschäftige ich mich seit langem mit der Frage, wie man diese extreme Tiefe ohne Dekompressionserkrankungen bewältigen kann. Dies ist mir als bisher erster Tieftaucher gelungen. Den Weltrekord von 313 m Tiefe sehe ich mehr als Nebenprodukt des Unterfanges an.

Frage: Nach welcher Austauch-Tabelle sind Sie getaucht?

Mark Ellyatt: Es ist eine Tabelle, die ich mit einem Freund aus Bangkok zusammen entwickelte und die besonders tiefe Dekompressionsstopps berücksichtigt, die einen wesentlich sichereren und erheblich schnelleren Aufstieg ermöglichen. Mit dem Kenntnisstand von vor 10 Jahren hätte dieser Tauchgang mit schwerer Deko-Erkrankung trotz einer Gesamtaufstiegszeit von cirka 20 Stunden geendet. Bei meinem Weltrekord-Tauchgang benötigte ich nur noch 6,5 Stunden und hatte keine Krankheitssymptome.

Frage: Wie lief der Tauchgang ab?

Mark Ellyatt: Das Schiff unserer Tauchbasis scubacat.com in Phuket war die Plattform, von der eine Führungsleine in die Tiefe gelegt wurde. An dieser Leine tauchte ich mit meiner 105 kg-Ausrüstung ab und auch wieder auf. Als Atemgas setzte ich Trimix in verschiedenen Mischungen ein. Während des Aufstiegs erhielt ich Nachschub durch meine Teamkollegen. Der Abstieg auf 313 m Tiefe dauerte 13 Minuten und der Aufstieg insgesamt 6 Stunden und 36 Minuten, 27 Minuten länger als geplant.

Frage: Ein einsamer Tauchgang. Und wahrscheinlich ist es in 300 Metern auch kalt und dunkel?

Mark Ellyatt: Ja, ab 150 m ist nur noch Zwielicht und ab 190 m Tiefe herrscht völlige Dunkelheit vor. In 100 m hat das tropische Meer auch nur noch 14 °C und ab 200 m ist das Wasser nur noch 4 °C kalt. Viel Aufregendes gab es nicht zu sehen. In 60 m Tiefe musste ich durch eine Schicht von Quallen durchtauchen. Ein Monsterexemplar mit drei Meter langen Tentakeln verfing sich in der Leine. Dies war recht unangenehm, zumal ich wusste, dass ich da beim Aufstieg noch mal durch musste. Etwas Stress gab es beim Aufstieg in 90 m Tiefe: Der Versorgungstaucher mit dem speziell für diese Tiefe geeigneten Atemgas kam erst in letzter Sekunde bei mir an. Ich hatte zwar noch Gas in meinen Flaschen, aber damit hätte ich mit Sicherheit Dekoprobleme bekommen. Etwas nervig war auch die konstante Strömung unter Wasser.

Frage: Woran haben Sie während des Tauchgangs gedacht?

Mark Ellyatt: Es ist sehr entspannend, ganz und gar nicht aufregend. Nur die letzten beiden Stunden denke ich daran, dass es endlich zu Ende sein wird, da ich physiologisch geschafft bin. Die Beine hängen immer runter, der Anzug zwickt, alles wird unangenehm, dann zähle ich nur noch die Minuten.

Frage: Sind Sie süchtig auf Adrenalin? Oder worin besteht der Reiz?

Mark Ellyatt: Einzig und allein in der Herausforderung, es zu schaffen. Der Tauchgang gibt mir auch keinen kick oder thrill so wie beim Bungee. Es gibt auch keine große Aufregung, weder vorher noch nachher. Nach dem Tauchgang bin ich erschöpft und wage es noch gar nicht mich zu freuen, denn die Dekosymptome könnten noch Stunden später auftreten. Erst nach drei Wochen fühlte ich mich wieder einigermaßen fit, obwohl ich meine Joggingstrecke noch nicht schaffte. Die Freude über den gelungenen Tauchgang kam erst so nach und nach.

Frage: Höhlentaucher nehmen Ihr Essen und Trinken unter Wasser mit. Wie haben Sie sich versorgt?

Mark Ellyatt: Essen und vor allem Trinken ist bei solchen Tauchgängen überlebenswichtig. Schon nach 2 Stunden hast Du einen Liter Flüssigkeit verloren. Ohne Trinken würdest Du schnell kollabieren, da der Blutdruck rapide sinkt. Deshalb bringen mir die Versorgungstaucher bis zu 4 Liter angewärmtes Wasser nach unten. Isotonische Getränke sind ungeeignet. Zum Essen bevorzuge ich Bananenstücke und Schokoriegel (er lacht). Die kann man unter Wasser ganz gut essen.

Frage: Heute der Weltrekord und was kommt morgen?

Mark Ellyatt: Ich sehe für mich keinen weiteren Grund mehr, weshalb ich noch mal so tief oder noch tiefer tauchen sollte. Was ich beweisen wollte, habe ich getan. Ich habe zwar keine Dekompressionserkrankung erlitten, dennoch habe ich meinem Körper einiges zugemutet. Allerdings werde ich noch verschiedene interessante Projekte im Bereich Höhlen- und Wracktauchen angehen. Da gibt es interessante Dinge zu sehen und die Tiefen liegen nur zwischen 150 und 180 m.

Frage: Körper und Seele haben wohl einwandfrei funktioniert. Welchen Stellenwert hat Ihre Ausrüstung?

Mark Ellyatt: Erst einmal ist die gesamte Ausrüstung nicht ganz billig und zweitens hängt mein Leben davon ab. Ich hätte auf ein lukratives Sponsorangebot eines Tauchherstellers zugreifen können. Da ich aber kein Vertrauen in das angebotene Equipment hatte, führte ich den Tauchgang mit meiner eigenen Ausrüstung durch. Mares kam als Sponsor erst kurz vor dem Tauchgang auf mich zu, da die Firma erfahren hatte, dass ich mit ihren Atemreglern tauchen werde. Es war so kurzfristig, dass das meiste Equipment auf dem Zoll in Bangkok hängen blieb und nicht rechtzeitig ankam.

Frage: Nach der Norm werden Atemregler in 50 Meter Tiefe geprüft. Woher wissen Sie, dass Ihre Regler-Technik Sie noch in 313 Metern mit Atemgas versorgen wird?

Mark Ellyatt: Der MR22 Abyss von Mares ist geprüfte Technik, da dieser Regler über viele Jahre von mir und vielen anderen Tieftauchern in extremen Tiefen unter Kaltwasserbedingungen eingesetzt wurde. Er gibt mir in 300 m so leicht Atemgas wie an der Wasseroberfläche. Der Mitteldruck sinkt nicht mit zunehmender Tiefe dank des DFC-Systems. Dadurch bleibt die Atemarbeit auch in allen Tiefen nahezu konstant. Ein großes Problem vieler sogenannter Tech-Regler ist, dass sie mit zunehmender Tiefe abzublasen beginnen. Das kann ich natürlich in 313 m nicht gebrauchen, zumal alle meine Flaschenventile ständig geöffnet sein müssen. Der MR22 Abyss blubbert niemals ab, weder früher noch bei diesem Tauchgang. Und das wichtigste Argument ist für mich die Kaltwassertauglichkeit des MR22 Abyss. Mit keinem anderen Regler hätte ich diesen Tauchgang bis 313 m bei 4 °C machen wollen. Generell habe ich mir folgenden Leitsatz vorgenommen: Sobald drei kleine Probleme auftreten, wird der Tauchgang sofort abgebrochen. Mit der Strömung und den Quallen hatte ich schon zwei Probleme. Mit einem abblasenden Regler wäre Schluss gewesen.

Frage: Wie hat sich die neue Maske X-Vision bewährt?

Mark Ellyatt: Schon nach der ersten Anprobe der X-Vision wusste ich, dass ich mit der Maske klar kommen werde. Sie passte auf Anhieb und bietet mir das optimale Gesichtsfeld, das ich zur Bedienung meiner Gerätschaften brauche. Für mich ist die X-Vision die ideale Maske zum Tech-Tauchen.

Frage: Welchen Stellenwert hat die Flosse für solche Tieftauchgänge und was sagen Sie zu der neuen Flosse Volo Power?

Mark Ellyatt: Man könnte annehmen, dass die Qualität der Flosse bei einem Tauchgang entlang eines Seils keine große Rolle spielt. Dem ist aber ganz und gar nicht so: Denn erstens dienen mir die Flossen über sechs Stunden dazu eine angenehme Balance zu halten. Und zweitens musste ich, wie bereits erwähnt, ständig gegen eine konstante Strömung anschwimmen – und das alles mit 100 kg Ausrüstung am Leib. Die Volo Power hat diesen Job perfekt für mich bewältigt, da ihr Funktionsprinzip meine Kräfte spürbar entlastet hat.

Frage: Auf den Unterwasserfotos konnte man erkennen, dass Sie den Tauchcomputer M1 am Arm trugen.

Mark Ellyatt: Ja genau. Diesen Rechner habe ich bei meinen Ausbildungstauchgängen im Rahmen unserer Tieftauch-Specials schätzen gelernt. Er rechnet sehr exakt bis auf eine Tiefe von 150 Metern und ist deshalb mein ständiger Begleiter geworden. Während des Rekordtauchgangs beim Abstieg ab 150 Meter Tiefe rechnete er zwar nicht mehr weiter, beim Aufstieg oberhalb 150 m gab er mir dann wieder genaue Tiefenangaben für die vorberechneten Dekompressionsstopps an. Im Gegensatz zu anderen Rechnern geht der M1 bei extremen Tieftauchgängen nicht in der Error-Modus und er hält den Druck problemlos aus. Für normale Tieftauchgänge ist er ideal geeignet und wird bei unseren Schulungen ständig eingesetzt, da er ein sehr genaues Messinstrument ist, die Batterien schnell gewechselt werden können und die Sättigung gelöscht werden kann.

Frage: Wer ist der Mensch, der hinter dem Weltrekord im Tieftauchen steht?

Mark Ellyatt: Ich bin am 6. Juni 1969 in London geboren und lebe seit drei Jahren in Phuket, Thailand. Meinen alten Beruf als Autoverkäufer in England habe ich für meinen Lebenstraum gerne an den Nagel gehängt: 1989 habe ich mit dem Tauchen angefangen und jetzt arbeite ich als Instructor Trainer für technisches Tauchen bei der Tauchbasis Scuba Cat Diving in Patong Beach.

Das Interview wurde am 17.Januar 04 auf der boot-Messe in Düsseldorf geführt. Gesprächspartner waren Kerstin Rohde, Dusan Runjajic und Bernd Humberg.

Wichtige Links

MR22 Abyss: http://www.mares.com/product.asp?cat=7&prod=76
X-Vision: http://www.mares.com/product.asp?cat=2&prod=107&menu=6
Volo Power : http://www.mares.com/product.asp?cat=3&prod=147&menu=5
M1 RGBM: http://www.mares.com/product.asp?cat=6&prod=136
Mark Ellyatt: http://www.inspired-training.com
Scuba Cat Diving: http://diving-in-phuket.com/