Gruselige Badegäste im Starnberger See

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15.04.2004 12:14
Kategorie: News
Es war wahrlich kein schöner Fund, den Sporttaucher vergangenen Sommer im Starnberger See machte (wir berichteten). Tief unter der Wasseroberfläche stießen die Taucher plötzlich auf einen leblosen Körper. Als er sich näher heran wagte, machte er die Bekanntschaft mit einer knapp 20 Jahre alten Wasserleiche. «Das dürfte kein schöner Anblick gewesen sein, aber einer, der im Starnberger See schon mal vorkommen kann», sagt der Starnberger Kreiswasserwachtchef Andreas Geißler. 28 Wasserleichen schwimmen laut Auskunft der Starnberger Polizei noch immer in dem Badeparadies im Münchner Süden.

Bis heute konnten die Leichen trotz modernster Technik keiner geeigneteren Ruhestätte zugeführt werden. «Vor allem die enorme Tiefe von über 100 Metern an einigen Stellen macht die Bergung unmöglich», erklärt Geißler. «Da unten kommt kein Taucher mehr hin. Es ist aber relativ unwahrscheinlich, dass die Toten noch einmal an die Wasseroberfläche zurückkehren.»

Beim Starnberger Tourismusverband beunruhigen die unliebsamen Badegäste deshalb wenig: «Ein Gesundheitsrisiko stellen die Wasserleichen jedenfalls nicht dar», sagt der stellvertretende Geschäftsführer des Starnberger Tourismusverbandes, Werner Schmid. «Wir sehen auch keine Möglichkeit, an den Leichen etwas zu ändern». Stattdessen laufen die Vorbereitungen für die nächste Badesaison auf Hochtouren. Ab Mai wird ein neuer Katamaran im Einsatz sein. Spätestens dann werden jedes Wochenende wieder 25 000 Münchner an den beliebten Badesee pilgern.

Der Wasserwacht bereitet der Besucheransturm schon heute Kopfschmerzen: Verdoppelt hat sich im vergangenen Jahr die Zahl der Erste-Hilfe-Leistungen. Die Zahl der Vermissten- und Leichensuchen sowie der Totenbergungen verdreifachte sich gar auf 67 Fälle. Hauptgrund für die vielen Einsätze: die Unvorsichtigkeit vieler Taucher am See. «Tauchen ist mittlerweile kein exklusiver Sport mehr, sondern entwickelt sich immer mehr zum Vergnügen für die Allgemeinheit», betont Geißler. Daher passiere auch immer mehr. Besonders an der 100 Meter unter Wasser abfallenden Steilwand vor der Seeburg in Allmannshausen lauere die Gefahr. «Manche überschätzen sich dort und merken plötzlich in 70 Metern Tiefe, dass ihnen die Luft ausgeht.»

Und dann ist da natürlich noch der Kini: Bis heute nährt sich der Mythos um Ludwig II. aus der Ungewissheit um seine Todesumstände am Starnberger See. War es nun Selbstmord? Oder wurde der Märchenkönig gar hinterrücks erschossen, als er am 13. Juni 1886 in den Starnberger See stieg? «Bis heute zieht der mysteriöse Tod Suizidwillige geradezu an», stellt Geißler fest.

Vor allem am legendären König-Ludwig-Kreuz vor Berg mehren sich die Selbstmorde. «Für Suizidgefährdete geht vom Kreuz immer noch eine gewisse Anziehungskraft aus», betont die Münchner Diplom-Psychologin Sylvia Sedlmaier. «Gerade im Herbst ist die Stelle für Depressive sehr anziehend.» Dort komme es einem nämlich so vor, als ob einem das Wasser immer näher komme.