Augenblicke: Buffalo Diver

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29.09.2017 10:03
Kategorie: Diverses

Oder: Wie ich die Karibik lieben lernte

Unter Tauchern hat die Karibik nicht den besten Ruf, was spektakuläre Begegnungen angeht. Viele halten sie außerdem für zu teuer. Alles Blödsinn, meint Linus Geschke – für ihn ist die Karibik die Quintessenz dessen, was einen guten Tauchurlaub ausmacht.

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Von Linus Geschke

Eine hölzerne Bar auf Curacao, auf Stegen bis ans Meer gebaut. Bob Marley singt mal wieder davon, wie er den Sheriff erschoss und den Deputy leben ließ. Hinter den Palmen versinkt gerade die Sonne im Meer. Ich trinke ein eisgekühltes Royal Export Bier, von dem die Kondenswassertropfen wie kleine Perlen in den weißen Sand fallen, in welchen ich meine nackten Füße vergraben habe. Kein Imam verbietet den einheimischen Schönheiten, im Bikini rumzulaufen, niemand den Touristen den Cocktail. Die Luft riecht, wie nur die Karibik riechen kann: Ein wenig schwül, nach Früchten und Wärme. Und ab und zu auch – wen interessiert´s? –nach Marihuana.

Es gibt drei Möglichkeiten, bei denen ich perfekt entspannen kann. Die erste Variante ist beim Tauchen: Aus Gründen, die vielleicht Psychologen erklären können, ist es unmöglich, unter der Wasseroberfläche an Probleme zu denken, die man darüber hat. Die zweite sind Momente wie dieser: Abende, die eine Ahnung in sich tragen, wie schön, perfekt und friedlich das Leben sein kann und dann gibt es noch eine dritte Variante, eine körperliche, aber die lasse ich lieber weg, weil das Thema nicht in ein Tauchmagazin passt, welches auch von Kindern gelesen werden kann.

Wie gerne würde ich jetzt irgendetwas auf der Gitarre spielen. Das Problem ist nur: Ich habe keine und kann auch nicht gut spielen. Das einzige Lied, das ich jemals hinbekommen habe, ist Country Roads – und ich bin mir nicht sicher, ob das hier jemand hören will. Dafür kann ich ausgezeichnet Bier trinken und mit dem Kopf im Rhythmus der Musik wackeln, während Bob Marley jetzt seine Buffalo Soldier besingt.  So ist das nun mal: Manchmal muss man eben auch mit Kleinigkeiten zufrieden sein, es kann im Leben nicht immer das ganz große Kino geben.

Das gilt auch für das Tauchen – da vielleicht ganz besonders! Ich stehe auf die Karibik, auch unter Wasser. Wenn ich das jemandem erzähle, geht meist sofort die Meckerei los. „Phhh, da ist die Artenvielfalt doch kleiner als in …“, „kaum Großfische“, und überhaupt sei das Ganze doch „viel zu teuer!“ Wie bei den meisten Vorurteilen, ist an den genannten Punkten tatsächlich etwas dran. Wer es mit Indonesien vergleicht, dem kommt die karibische Artenvielfalt in der Tat gering vor. Wer Cocos Island vor Augen hat, wird in der Karibik verhältnismäßig wenig Großfisch sehen. Und wer normalerweise im ägyptischen 5-Sterne-Bunker mit all inclusive für zwei Wochen maximal 800 € zu zahlen bereit ist, dem mag die Reise zudem auch teuer erscheinen.

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Suchtmittel

Ich gebe es ja zu: Wenn ich am Tag fünfmal abtauchen möchte, zieht es mich auch nicht in die Karibik – dann buche ich ein Safarischiff. Ich habe meine Lieblingsgebiete für Großfisch und ich habe sie für Wracks. Bei Kleinvieh bin ich unschlüssig; aber das hat mich nie wirklich interessiert. Wenn ich jedoch Urlaub machen will, der mehr als nur tauchen, tauchen, tauchen beinhalt, dann ist die Karibik unschlagbar. Zumindest die guten Inseln dort. Ein paar Beispiele gefällig? Roatan, Curacao, Tobago. Und, natürlich: Kuba. Ich brauche die Namen nur zu hören, und schon schlägt das Fernweh zu; selbst dann, wenn ich gerade erst von dort zurückgekommen bin. Vielleicht ist die ganze Karibik ja wie eine einzige große Droge – wer einmal von ihr angefixt ist, kommt kaum noch davon los.

Eine halbe Stunde später hockt sich neben mir ein Pärchen in den Sand. Er: Groß, muskulös, lange Rastalocken und so schwarz wie die hereinbrechende Nacht. Sie: Blonde Haare und helle Haut, auf der sich ein leichter Schweißfilm abzeichnet. Sie trägt ein gelbes Kleid, an ihren Waden klebt noch der Sand vom Nachmittag. Es mag nur eine Illusion sein, und es gilt auch nicht auf jeder Insel, aber in der Karibik habe ich oft das Gefühl, dass die Hautfarbe keine größere Bedeutung haben kann als andernorts die Farbe der Augen. Von Dingen wie Religion, sexueller Ausrichtung oder persönlichen Kleidungsvorlieben ganz zu schweigen: Wie viele Tauchparadiese können das schon von sich behaupten?

Ich gehe zurück an die Bar und beschließe, auf ein weiteres Bier zu verzichten. Bestelle mir stattdessen einen Cuba libre und schaue auf die Uhr: Zehn nach neun, noch früh, zumindest für karibische Verhältnisse. Später werde ich in eine Diskothek gehen, unter freiem Himmel, die sonst fast nur Einheimische besuchen. Hier spiele ich keine Gitarre, hier würde ich nie tanzen, weil die Menschen hier schon tanzen können, bevor sie ihre ersten Schritte laufen. Wenn Lieder ertönen, die irgendwie alle das Wort Corazon beinhalten, bewegen sich ihre Hüften, vier- oder fünfmal pro Sekunde. Wer das einmal gesehen hat, geht anschließend in keine bundesdeutsche Diskothek mehr und kommt schon gar nicht auf den Gedanken, mithalten zu wollen.

Ich weiß jetzt schon, dass diese Nacht lange werden wird, aber das ist egal. Auf Curacao gibt es keine morgendlichen Tauchausfahrten zu Zeiten, in denen Partygäste ansonsten erst nach Hause kommen. Hier liegt das Equipment im Mietwagen, und man geht tauchen, wann und wo immer man will. Auch das hat etwas mit Freiheit zu tun. Mit Urlaub. Mit der Karibik an sich.