Kategorie: News
Vorstellung Turtlewatch Egypt
Turtlewatch Egypt wurde 2011 in Zusammenarbeit mit der Hurghada Environmental Protection and Conservation Association (HEPCA, www.hepca.org) ins Leben gerufen und war die erste Initiative, die darauf abzielte, Taucher und Schnorchler am ägyptischen Roten Meer in die Meeresforschungsarbeit einzubeziehen.
Durch das Teilen ihrer Sichtungen und Fotos von Meeresschildkröten trugen Besucher des Roten Meeres dazu bei, wichtige Futter- und Sammelplätze dieser gefährdeten Tiere zu identifizieren, die Bewegungen und kurzfristigen Wanderungen der Schildkröten besser zu verstehen und grundlegende Auswirkungen menschlicher Eingriffe zu bewerten.
Das Ziel von TurtleWatch Egypt ist es, wichtige Daten über Meeresschildkröten in ihren Futter- und Nistgebieten im Roten Meer zu sammeln – mit Unterstützung von Tauchern, Schnorchlern und Besuchern. Die gesammelten Informationen sollen dazu beitragen, unser Wissen über die bedrohten Meeresschildkröten im Roten Meer zu erweitern und Schutz- sowie Erhaltungsmaßnahmen für diese faszinierenden Tiere auf lokaler und regionaler Ebene zu verbessern.
Gerade Taucher können dabei eine besonders wertvolle Rolle spielen: Sie bewegen sich regelmäßig in Lebensräumen, in denen Schildkröten beobachtet werden können. Durch Citizen Science lassen sich so zahlreiche wichtige Sichtungen und Daten zusammentragen, die für Forschung und Naturschutz von großer Bedeutung sind.
Wir haben mit Sarah Abdelhamid, eine der führenden Mitarbeiter von TurtleWatch Egypt gesprochen um euch das wunderbare Schildkrötenprojekt näher vorstellen zu können.
Taucher.Net: Sarah, viele Taucher kennen die magischen Momente, wenn plötzlich eine Schildkröte am Riff vorbeigleitet. Für dich ist diese Begegnung aber mehr als nur ein schöner Tauchgang. Wie hat deine Verbindung zu Meeresschildkröten eigentlich begonnen?
Sarah: Meine Verbindung zum Meer und zu Meeresschildkröten begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Schon früh hat mich die Unterwasserwelt fasziniert, und dieser Weg hat mich schließlich zur Meereszoologie geführt.
Meeresschildkröten haben mich schon immer besonders berührt. Für mich sind sie unglaublich majestätische Tiere – ruhig, elegant und irgendwie zeitlos. Jede Begegnung unter Wasser ist etwas ganz Besonderes.
Leider habe ich im Roten Meer aber auch die andere Seite gesehen. Besonders eindrücklich war für mich eine tote Schildkröte, die von einer Schiffsschraube getroffen worden war. Dieses Erlebnis hat mich sehr bewegt. Ich habe damals die lokalen Behörden eingeschaltet, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Solche Momente machen einem sehr deutlich, wie verletzlich diese Tiere eigentlich sind.
________________________________________
Taucher.Net: War das auch der Moment, der dich zu TurtleWatch Egypt geführt hat?
Sarah: Der erste Kontakt kam tatsächlich ein paar Monate früher. Ganz am Anfang meiner Zeit bei der Hurghada Environmental Protection and Conservation Association – kurz HEPCA – habe ich zum ersten Mal von TurtleWatch Egypt gehört.
Ein halbes Jahr später habe ich dann Kontakt zu der Biologin und Hauptkoordinatorin des Projekts Micol Montagna aufgenommen. Zu dieser Zeit habe ich gerade begonnen, den International Sea Turtle Day für Soma Bay zu planen.
Sehr schnell wurde klar, dass wir das gleiche Ziel verfolgen: Meeresschildkröten besser zu verstehen und sie langfristig zu schützen.
Und genau hier liegt die große Stärke von TurtleWatch Egypt. Taucher, Schnorchler und Guides sind jeden Tag draußen im Meer. Sie sehen Dinge, die Wissenschaftler allein niemals in dieser Häufigkeit beobachten könnten.
Wenn man diese Beobachtungen strukturiert sammelt, entsteht daraus ein unglaublich wertvoller Datensatz für Forschung und Naturschutz.
________________________________________
Taucher.Net: Für alle, die das Projekt noch nicht kennen: Was genau ist TurtleWatch Egypt?
Sarah: TurtleWatch Egypt ist ein Citizen-Science-Projekt zum Schutz von Meeresschildkröten im Roten Meer.
Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Tauchern, Schnorchlern, Guides und Tauchbasen wichtige Daten über Meeresschildkröten zu sammeln. Wenn jemand eine Schildkröte sieht, kann er Fotos oder Videos aufnehmen und diese zusammen mit Informationen wie Ort, Tiefe oder Verhalten des Tieres melden.
Diese Beobachtungen helfen uns, mehr über Lebensräume, Wanderbewegungen und mögliche Gefahren für die Tiere zu verstehen. Die Daten sind extrem wertvoll, um langfristig bessere Schutzmaßnahmen für diese bedrohten Tiere zu entwickeln.
________________________________________
Taucher.Net: Wie ist das Projekt ursprünglich entstanden?
Sarah: TurtleWatch Egypt wurde 2011 in Zusammenarbeit mit der Hurghada Environmental Protection and Conservation Association gegründet.
Die Idee war eigentlich sehr simpel: Taucher sehen unter Wasser unglaublich viel. Warum also dieses Wissen nicht für Forschung und Naturschutz nutzen?
Taucher konnten ihre Schildkröten-Sichtungen melden und Fotos einsenden. Zum ersten Mal bekamen wir so einen besseren Überblick über die Schildkrötenpopulation im ägyptischen Teil des Roten Meeres.
2015 wurde das Projekt organisatorisch unabhängig weitergeführt. 2018 wurde es dann umfassend überarbeitet und als TurtleWatch Egypt 2.0 neu strukturiert, um die Teilnahme für Taucher und Wassersportler noch einfacher zu machen.
Heute ist daraus eine internationale Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern, Tauchern und Naturschutzinteressierten geworden.
2022 wurde eine eigene gemeinnützige Organisation gegründet: Marine Life Watch, registriert in Mailand unter der Nummer 152763.
Ein Jahr später entstand zusätzlich die Organisation in Ägypten: مؤسسة رعاية الاحياء المائية والمحافظة عليها – die Marine Life Conservation and Preservation Foundation (MLCPF) – registriert in Marsa Alam im Red Sea Governorate.
________________________________________
Taucher.Net: Wer steht heute hinter dem Projekt?
Sarah: Hinter TurtleWatch Egypt steht ein internationales Team aus Meeresbiologen, Tauchprofis und engagierten Freiwilligen.
Die Initiative wurde von der Meeresschildkrötenbiologin Agnese Mancini gegründet, die seit vielen Jahren weltweit zu Meeresschildkröten forscht.
Heute wird das Projekt unter anderem von der Biologin Micol Montagna koordiniert, die in Marsa Alam lebt und regelmäßig Monitorings im Roten Meer durchführt. Die Biologin Valeria Roma arbeitet vor allem an Foto-ID-Analysen und der Kommunikation in den sozialen Medien.
Insgesamt besteht das Team aus rund 36 Beteiligten – von Meeresbiologen über Datenanalysten bis hin zu Unterwasserfotografen.
________________________________________
Taucher.Net: Was genau ist deine Rolle im Projekt?
Sarah: Ich arbeite als Trainerin für TurtleWatch Egypt und bin vor allem die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und der Tauchcommunity.
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist es, Taucher und Schnorchler dafür zu sensibilisieren, wie wichtig ihre Beobachtungen sein können – und ihnen zu zeigen, wie sie Schildkröten-Sichtungen richtig dokumentieren und melden.
In Zusammenarbeit mit Orca Dive Clubs in Soma Bay biete ich außerdem sogenannte Turtlewalks mit schnorcheln an. Dabei lernen Gäste nicht nur, Meeresschildkröten in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten, sondern auch mehr über ihre Ökologie und ihre Bedrohungen.
Zusätzlich überwache ich während der Nistsaison regelmäßig Niststrände, dokumentiere mögliche Nester und achte darauf, dass diese sensiblen Bereiche geschützt bleiben.
________________________________________
Taucher.Net: Warum sind Meeresschildkröten eigentlich so wichtig für einen gesunden Ozean?
Sarah: Meeresschildkröten spielen eine zentrale Rolle im Ökosystem der Ozeane.
Die Grüne Meeresschildkröte zum Beispiel ernährt sich hauptsächlich von Seegras. Durch ihr Fressverhalten hält sie die Seegraswiesen gesund – ähnlich wie Weidetiere an Land.
Seegras ist extrem wichtig: Es produziert Sauerstoff, speichert CO₂ und bietet Lebensraum für unzählige andere Meeresorganismen.
Die Echte Karettschildkröte frisst hingegen Schwämme und Algen auf Korallenriffen. Dadurch verhindert sie, dass diese die Korallen überwuchern.
Wenn Meeresschildkröten verschwinden, kann das langfristig ganze Ökosysteme verändern. Sie sind deshalb nicht nur faszinierende Tiere, sondern auch ein wichtiger Indikator für die Gesundheit unserer Meere.
________________________________________
Taucher.Net: Welche Rolle spielen Taucher in eurem Projekt?
Sarah: Eine ganz zentrale.
Taucher verbringen Zeit an Orten, die Wissenschaftler allein kaum regelmäßig beobachten könnten.
Durch Fotos und Videos können wir Schildkröten anhand ihrer Gesichtsschuppen individuell identifizieren – ähnlich wie ein Fingerabdruck beim Menschen.
So können wir einzelne Tiere über Jahre hinweg wiedererkennen und ihre Lebenswege verfolgen.
________________________________________
Taucher.Net: Welche Erkenntnisse konntet ihr bisher gewinnen?
Sarah: Dank der Meldungen von Tauchern und Schnorchlern konnten wir inzwischen über 11.000 Sichtungen dokumentieren und etwa 1.000 individuelle Schildkröten identifizieren.
Dabei hat sich auch gezeigt, dass etwa 5 % der Tiere Verletzungen aufweisen – häufig verursacht durch Bootskollisionen.
Gleichzeitig sehen wir aber auch erstaunliche Geschichten von Resilienz.
Ein Beispiel ist die grüne Meeresschildkröte Altea, die nach einer schweren Panzerverletzung über mehrere Jahre hinweg beobachtet wurde – und sich vollständig erholt hat.
Solche Langzeitbeobachtungen wären ohne Citizen Science kaum möglich.
________________________________________
Taucher.Net: Neben Forschung spielt bei euch auch Aufklärung eine große Rolle. Warum?
Sarah: Weil ich hier vor Ort immer wieder Situationen erlebe, die zeigen, wie dringend dieses Bewusstsein gebraucht wird.
Zum Beispiel orientierungslose Hatchlings – frisch geschlüpfte Schildkröten – die durch künstliches Licht vom Meer weggezogen werden.
Oder eine tote, trächtige Schildkröte an einem Niststrand, die noch über hundert Eier in sich hatte.
Solche Momente sind schwer zu sehen – aber sie zeigen auch, wie wichtig Aufklärung ist.
Deshalb arbeiten wir eng mit der lokalen Tauchindustrie zusammen, führen Trainings für Guides und Bootskapitäne durch und organisieren Workshops für Schulen und Kinder.
Denn echter Meeresschutz funktioniert nur, wenn Menschen verstehen, warum diese Tiere so wichtig sind.
________________________________________
Taucher.Net: Wie können Taucher TurtleWatch Egypt unterstützen?
Sarah: Die einfachste Möglichkeit ist, ihre Schildkröten-Sichtungen mit uns zu teilen.
Fotos oder Videos sind dabei besonders wertvoll, weil sie uns helfen, die Tiere individuell zu identifizieren.
Außerdem kann man unsere Arbeit weiterempfehlen, an Workshops teilnehmen oder eine Schildkröte symbolisch adoptieren. Jeder Taucher kann also tatsächlich Teil der Forschung werden.
________________________________________
Taucher.Net: Was wünschst du dir für die Zukunft?
Sarah: Mein größter Wunsch ist, dass TurtleWatch Egypt weiter wächst und sich zu einem starken Netzwerk im gesamten Roten Meer entwickelt – aus Tauchern, Wissenschaftlern, Tauchbasen und lokalen Communities.
Ich hoffe auch, dass wir die Nistsaison künftig noch intensiver begleiten können, um Nester besser zu schützen und wichtige Daten über Schlupfraten zu sammeln.
Und natürlich wünsche ich mir, dass noch mehr Menschen verstehen, wie wichtig diese Tiere für unser Ökosystem sind.
Denn am Ende geht es nicht nur um Schildkröten. Es geht um den Zustand unserer Ozeane – und damit auch um unsere eigene Zukunft.
Weitere Informationen:
Mail / Kontakt via: turtlewatchegypt@gmail.com
Facebook: facebook.com/turtlewatchegypt/
Web: turtlewatchegypt.net/
InfoManual zum Projekt: turtlewatchegypt.net/(..)/2024/05/TWE2.0_manual_2024.pdf