Das Mittelmeer verändert sich schneller als gedacht – bis in die Tiefe

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22.09.2026 17:54
Kategorie: News

75 Jahre Messdaten zeigen eine Beschleunigung, die niemand erwartet hatte

Dass sich das Mittelmeer erwärmt, ist seit Längerem bekannt. Eine neue, in Geophysical Research Letters veröffentlichte Studie zeigt nun aber ein deutlich beunruhigenderes Bild: Die Erwärmung und Versalzung beschleunigen sich nicht nur an der Oberfläche, sondern reichen bis in Tiefen von mehreren tausend Metern.

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Der Prozess verläuft möglicherweise schneller, als es bisherige Klimamodelle abbilden – eine Frage, der die Forscher nun gezielt nachgehen.

75 Jahre Messdaten aus einem einzigartigen Meer

Elena Terzić und Ivica Vilibić vom kroatischen Ruđer-Bošković-Institut werteten für ihre Studie Temperatur- und Salzgehaltsmessungen von Forschungsschiffen und autonomen Argo-Messbojen aus den Jahren 1950 bis 2025 aus. Das bedeutet einen durchgehenden Datensatz über 75 Jahre, der so für kaum ein anderes Meeresgebiet existiert. "Wir hatten in unseren letzten Untersuchungen bereits deutliche Veränderungen gesehen, sowohl in der tiefen Adria als auch an der Meeresoberfläche, und wollten die Veränderungen für den Rest des Mittelmeers quantifizieren", erklärt Terzić in einer Pressemitteilung der American Geophysical Union (AGU).

Die oberen 100 Meter des Mittelmeers liegen inzwischen rund zwei Grad Celsius über dem Mittel der Jahre 1950 bis 1999. Seit der Jahrtausendwende erwärmt sich die Meeresoberfläche im Mittelmeer-Durchschnitt mit etwa 0,5 Grad pro Jahrzehnt – zwei- bis dreimal so schnell wie im globalen Ozeandurchschnitt.
Diese Erwärmung verläuft zudem nicht gleichmäßig, sondern nimmt selbst von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter an Tempo zu. Diese Beschleunigung fällt regional unterschiedlich aus und ist an der Oberfläche in der Adria und im nördlichen Ionischen Meer am stärksten ausgeprägt.

Wenn sich der Wandel bis auf den Meeresgrund fortsetzt

Besonders bemerkenswert: Auch in der Tiefe lässt sich eine Beschleunigung nachweisen, nicht nur an der Oberfläche. Zusätzlich zeigt sich in 1.000 bis 2.000 Metern Tiefe eine Erwärmungsrate von bis zu 0,3 Grad pro Jahrzehnt, der Salzgehalt steigt in ähnlicher Größenordnung um rund ein Zehntel Gramm pro Kilogramm Wasser und Jahrzehnt.

Statistisch signifikante Veränderungen lassen sich bis in 3.000 bis 4.000 Meter Tiefe nachweisen, die eigentliche Beschleunigung reicht bis etwa 2.500 Meter hinab. "Für uns war alarmierend, mit welcher Geschwindigkeit sich das verändert und wie tief diese signifikanten Veränderungen reichen. Die Erwärmung und Versalzung sind bis in drei- bis viertausend Meter Tiefe statistisch signifikant, und die Beschleunigung selbst reicht bis etwa 2.500 Meter hinab", so Terzić.

Die Adria als Extremfall

Am stärksten zeigt sich der Trend in der Adria. Die Tiefenwasser der südlichen Adria haben sich seit 2000 etwa sechsmal schneller erwärmt als ein typisches Mittelmeerbecken – dort reichen Erwärmung und Versalzung sogar bis zum Meeresboden. Der Grund: Die winterliche Tiefenwasserbildung in der südlichen Adria hängt vom Nachschub an besonders salzigem Wasser ab, das aus dem östlichen Mittelmeer einströmt. Dieser Salzeintrag hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und macht das Wasser dicht genug, um trotz der Erwärmung weiterhin bis zum Grund abzusinken. Das ist ein Ausgleichseffekt, der die Adria von den meisten anderen Mittelmeerregionen unterscheidet, wo die Erwärmung die Wasserschichten zunehmend stabilisiert und damit die Durchmischung mit tieferen Schichten erschwert.

Ein Frühwarnsystem für die Weltmeere

Die Forscher sehen im Mittelmeer auch ein Modellsystem für die globalen Ozeane. "Das Mittelmeer ist klein genug, dass wir beobachten können, wie ein Meer reagiert, auf Zeitskalen, die wir selbst miterleben können, und was wir sehen, ist ein beispielloser Wandel", so Terzić laut phys.org. "Es ist eine Warnung davor, wie schnell sich der Ozean verändern kann – und das wird so lange weitergehen, wie unsere Volkswirtschaften von fossilen Brennstoffen abhängig bleiben." Offen ist bislang, welche Faktoren die Beschleunigung im Detail antreiben; die Forscher wollen als Nächstes die jeweiligen Beiträge von Atmosphäre, Verdunstung, Niederschlag, Flusseinträgen und dem Wasseraustausch mit dem Atlantik durch die Straße von Gibraltar genauer auftrennen – auch um zu prüfen, ob bestehende Klimamodelle das tatsächliche Tempo der Veränderungen überhaupt korrekt abbilden.

Für die Dichte des Mittelmeerwassers, die maßgeblich die Tiefenzirkulation antreibt, ergibt sich ein komplexeres Bild: Wärmeres Wasser wird leichter, salzigeres Wasser dagegen schwerer – da beide Effekte gleichzeitig zunehmen, hat sich die Dichte insgesamt deutlich weniger verändert als Temperatur oder Salzgehalt für sich genommen. Das bedeutet allerdings nicht Entwarnung, sondern verschiebt das Problem: In den meisten Regionen dominiert inzwischen der Erwärmungseffekt, was die Wasserschichten stabiler und schwerer durchmischbar macht – mit möglichen Folgen für Nährstoffkreisläufe und Sauerstoffversorgung in der Tiefe.

Weitere Informationen / Quellen:
AGU Newsroom
Geophysical Research Letters (Terzić & Vilibić 2026)
Courthouse News Service
phys.org
Total Croatia News