Augenblicke: Tauchturm-Tauchlehrer

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03.07.2017 11:28
Kategorie: Diverses

Oder: Hangover mit Horst

Köln gegen Düsseldorf, alle gegen den FC Bayern und Sozialpädagogen konnte ich auch noch nie ausstehen - was wäre das Leben ohne liebevoll gepflegte Feindbilder? Seit kurzem habe ich ein neues: Tauchlehrer, die keine Taucher sind.

Von Linus Geschke

Nennen wir ihn Horst. Eigentlich heißt er anders, aber Horst ist in diesem Zusammenhang so wunderbar passend. Ich habe Horst vor ein paar Monaten getroffen, auf irgendeiner Tauchbasis, auf irgendeiner Malediveninsel, und bevor ich seinen Namen zum ersten Mal hörte, wusste ich, dass Horst Tauchlehrer ist. Und zwar so ein richtiger, hundertprozentiger. Einer, dem die Ausbildungsrichtlinien seiner Ausbildungsorganisation heiliger sind als dem Papst die Bibel.

Auf der Ausfahrt zum Tauchplatz ließ er dem ihm zugeteilten Buddy bereits lautstark wissen, wie stark er in Deutschland engagiert ist. Ganz viele Ausbildungen habe er dort schon gemacht, sagt Horst. Mit 138 Tauchgängen sei er schon Tauchlehrer gewesen, erzählt Horst. Deshalb könne sich sein Buddy auch sicher fühlen, meint Horst. Was für ein Vollpfosten, denke ich und rutsche zu dem netten Basenleiter, der die Ausfahrt begleitet, rüber.

Ich so: „Was´n das für einer?“ Basenleiter daraufhin: „Heißt Horst. Hat um die 400 Tauchgänge. Knapp 300 davon allerdings in einem Tauchturm, in dem er aushilfsweise als Tauchlehrer arbeitet.“ Ich so: „Ernsthaft?“ Basenleiter, nickend: „Der war noch nie im Meer.“ Ich so: „Wo tauchen wir denn heute?“ Basenleiter so: „In einem Kanal.“ Ich so: „Viel Strömung?“ Basenleiter so: „Und wie … einlaufend!“ Ich so (dabei gehässig grinsend):  „Hehe!

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Es folgt das Briefing. Alle sollen schnell abtauchen, damit wir am Kanaleingang auch die Kante erwischen. Negativer Einstieg also, kopfüber runter, zack-zack. Aus rein journalistischem Interesse erkämpfe ich mir vor dem Sprung den Platz hinter Horst. Als Zweiter sieht man besser. Zum Beispiel, wie unbeholfen er auf seinen Flossen zum Ein- und Ausstieg watschelt. Wie lange er an Maske und Inflator hantiert. Wie wacklig sich das auf einem schwankenden Dhoni anfühlt. Wenigstens sieht der Schritt nach vorne dann wie aus dem Lehrbuch aus.

Drei Sekunden später ist Horst wieder oben. Also nicht auf dem Schiff, aber an der Wasseroberfläche. War wohl doch noch Luft im Jacket. Oder zuviel in der Lunge. Mit Abtauchen ist jetzt auch Essig, also wieder rauf aufs Schiff und neuer Anlauf. Der Kapitän dreht eine Runde, um das Dhoni wieder in Position zu bringen, dann geht das Spielchen von vorne los. Dieses Mal springe ich vor dem Tauchturm-Tauchlehrer. Erreiche so gerade eben die Kanalkante, klammere mich neben den anderen fest und schaue mich um. Nicht nach vorne, in Richtung der Haie – nach oben, in Richtung Horst.

Fly, Horsti, fly

Um zu verstehen, was dann passiert, muss man sich einen Landeanflug mit Rückenwind vorstellen, wobei Horst das Flugzeug und die Kanalkante die Landebahn darstellt. Anstatt gegen die Strömung abzubremsen, schiebt Horst mit den Flossen noch zusätzlich an, was schlecht zu seiner eher geringen Sinkgeschwindigkeit passt. Irgendwann kommt der Moment, in dem ihn auch kein Autopilot mehr retten kann und freudig winkend segelt er zehn Meter über die haibesetzte Landebahn hinweg – recht schnell und recht einsam im Kanal entschwindend. Die Bootsbesatzung hat ihn dann fünf Minuten später und 300 Meter entfernt wieder eingesammelt. Völlig außer Atem, wie der Kapitän später erzählt.

Dabei ist Horst wahrscheinlich gar nicht das Problem. Wir alle machen Fehler. Der wahre Fehler jedoch liegt im System. Was, bitte, sind das für Verbände, die Menschen zu Tauchlehrern machen, die außer einem kreisrunden Tauchturm kein anderes Gewässer kennen (die paar Tauchgänge im See können wir getrost außen vor lassen)? Die ihre kompletten Taucherfahrungen nur an der Seite eines anderen Tauchlehrers gemacht haben? Ich bitte Sie: Wenn ein Fahrlehrer bei der kleinsten Schwierigkeit (sagen wir: anfahren am Berg) den Motor abwürgt – wollen Sie bei dem das Autofahren lernen? Oder bei einem Tennislehrer Tennis, der den Return nur dann hinbekommt, wenn ihm der Aufschlag butterweich und ohne Härte serviert wird? Nicht? Na also!

Klar, Sie haben recht – sonderlich originell ist das Meckern über das Niveau mancher Tauchlehrer nicht. Das Thema ist in etwa so alt wie die kommerziellen Verbände. Aber, und das ist das Schöne: Es bleibt ständig aktuell. Trotz aller Lippenbekenntnisse, trotz des Wissens um die Fehler im System. Warum akzeptieren wir, dass der Begriff „Tauchlehrer“ mittlerweile kaum mehr Wert hat als das Plastikkärtchen, auf den er gedruckt ist? Warum schreien Tauchlehrer, die sich diese Auszeichnung verdient haben, nicht auf, sondern beteiligen sich zumeist stillschweigend an dieser Zertifizierungsmaschine? Wie kann es sein, dass es Tauchlehrer gibt, die noch nicht einmal selbstständig tauchen können?

Zeitsprung: Der nächste Morgen, im Bett meines Bungalows. Es wirkt immer noch irreal. Der Kanal. Der fliegende Horst. Vergeblich suche ich nach dem Aufstehen die Spuren für meinen persönlichen Hangover. Aber da ist nichts: Keine leeren Bierflaschen, kein zertrümmertes Hotelzimmer, keine Bilder von halbnackten Frauen und mir. Die einzige Frage, die bleibt: Wie kriege ich den Basenleiter dazu, dass wir heute wieder einen Kanal anfahren? Am besten mit einlaufender Strömung, am besten mit Horst …