Wieder Seehundsterben in Nord- und Ostsee

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25.06.2007 22:24
Kategorie: News
Die ersten Seehunde in der Ostsee sind schon tot. 41 Tiere verendeten am Wochenende des 23.-24. Juni 2007 an den Stränden der dänischen Insel Anholt im Kattegat. Sie sind mit qualvollen Erstickungssyndromen an der dritten Staupe-Epidemie seit 1988 verendet. Über 18 000 Seehunde waren 1988 gestorben; 2002, der zweiten Epidemie, fielen über 22 000 zum Opfer. Und wieder beginnt das Massensterben vor derselben Ostsee-Insel, bevor es sich wohl in die Nordsee und über ganz Nordeuropa ausbreiten wird.

Dennoch wird weiterhin gerätselt, warum es alle paar Jahre zu einer solchen Virusepidemie kommt. Es fehlt offenbar an politischem Willen und somit an Geldern für eine längst überfällige und versprochene Ursachenforschung. Nach wie vor stehen mögliche Ursachen nur im Verdacht: Die vielen Nerz- und Fuchsfarmen in Dänemark, wie auf Anholt, mit ihrem Schmutzwasser, das ungeklärt in die Ostsee fließt, sogen für Infektion und Ausbreitung der Seehundseuche.... Da Seehunde auf den Sandbänken im Sommer oft dicht bei einander liegen, stecken sie sich z.B. gegenseitig durch Tröpfcheninfektionen mit dem Hundestaupevirus ähnlichen, sehr aggressiven PD-Virus (phocinae distemper virus), an. Für das Jahr 2006 ergab die Seehundzählung fast 15 500 Tiere für das Wattenmeer zwischen den Niderlanden und Dänemark, mit etwa 9 600 an den Küsten Niedersachsens und Schleswig-Holsteins.

Ein übriges tut die allgemeine Umweltverschmutzung aus Landwirtschaft und Industrie, die in jedem Fall den Immunapparat der Meeressäuger schwächt. Als eine weitere Möglichkeit wird eine Ansteckung durch Kegelrobben diskutiert, die gegen das PD-Virus immun zu sein scheinen. 1988 waren auch Sattelrobben auf ungewöhnlich weiter Wanderung gen Süden im Gespräch. Sie hungerten wegen immenser Überfischung der Lodde, ihres wichtigsten Nahrungsfisches in ihren angestammten nordischen Gewässern und waren auf der Suche nach Beute in südlichere Gefilde der Nordsee eingewandert. Aber warum immer Anholt?

Auch wenn sich die Bestände nach einer Epidemie bislang zumindest wieder erholen, weil die Überlebenden für ein paar Jahre immun sind, ist es ein Skandal, dass die Quellen des Übels nicht wirklich untersucht wurden – und werden. „Wir müssen endlich lernen, unsere Meere als sensibles Ökosysteme zu sehen, statt sie immer noch als Müllkippe und Güllegrube oder als reine Wasserstraße und unerschöpfliche Fischereiquellen zu missbrauchen“, sagt Petra Deimer, Vorsitzende der GSM. „Elendig sterbende Seehunde machen uns deutlich, wie miserabel es um unsere Meere und den Umweltschutz bestellt ist. Die kranken Robben leiden an Lungenentzündung mit Erstickungstod, bei abnormal apathischem Verhalten. Sie haben Schaum vorm Maul, können nur schwer atmen bevor sie elendig sterben. Ihre Kadaver treiben noch lange im Meer und sind ein gefährlicher Herd der Ansteckung für noch gesunde Tiere“.

Unter dem Dach von UNEP/CMS (Bonner Konvention zum Schutz wandernder wildlebender Tiere) wurde 1990 zwischen Dänemark, Deutschland und den Niederlanden das "Abkommen zur Erhaltung der Seehunde im Wattenmeer" geschlossen. Diesem ersten CMS-Abkommen, einer Art Prototyp, ging 1988 das erste bekannte große Seehundsterben voraus - mit mindestens 18 000 Opfern der Staupevirusepidemie, wie sie sich in diesem Sommer zum drittenmal wiederholen wird. Damit rechnen schon jetzt die Experten, wie in den Seehundaufzucht-Stationen. Es wird erwartet, dass der Höhepunkt der Seuche wieder im Juli-August auch die deutschen Küsten erreicht.

Die GSM fordert von den Küstenländern, dass jetzt endlich lang versprochene Ursachenforschung in Gang gesetzt wird. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich solche Seuchen weiter wiederholen. Das weiß auch die Politik, doch bislang sind nicht einmal notwendige Forschungsgelder bewilligt worden. Worauf will denn unsere schleswig-holsteinische Regierung z.B. noch warten?

"1988 waren wir in großer Sorge, dass die Krankheit den Seehund in Nord- und Ostsee ausrottet", erinnert sich der damalige CMS-Exekutivsekretär Arnulf Müller-Helmbrecht. "Es überlebten aber genügend Tiere, um wieder gesunde Bestände aufzubauen. Die trilaterale Zusammenarbeit des CMS-Abkommens mit ihrer Geschäftsstelle in Wilhelmshaven hatte jegliche Jagd verboten und strikte Koordination aller Behörden und wissenschaftlichen Institutionen verlangt. Davon allerdings ist nicht viel zu merken... -GSM-

www.waddensea-secretariat.org
www.wattenmeer-nationalpark.de