WDCS: Meeresschutzgebiete für Wale und Delfine

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04.07.2011 11:29
Kategorie: News

Großer Handlungsbedarf bei Meeresschutzgebieten für Wale

Buckelwale
Wir nennen ihn den „Blauen Planeten“, aber nur 1,3% der Weltmeere stehen unter Schutz – und auch das großteils nur auf dem Papier. Ein neues Handbuch zu der Situation sämtlicher Meeresschutzgebiete für Wale und Delfine weltweit erkennt Handlungsbedarf.

„Die Meeresschutzgebiete werden stetig größer, was vor allem für große Prädatoren mit ausgedehnten Habitaten sehr positiv ist. Von 2005 bis 2011 stieg die Durchschnittsfläche der 15 größten Gebiete von knapp über 100.000 km² auf 220.591 km²“, berichtet Erich Hoyt, Autor des Buches Marine Protected Areas for Whales, Dolphins and Porpoises: A world handbook for cetacean habitat conservation and planning, das diese Woche in Zusammenarbeit mit der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS bei Earthscan erscheint.
Aber“, fügt er hinzu, „dies sind die größten Gebiete; in den meisten Regionen weltweit sind die Meeresschutzgebiete immer noch zu klein, zu wenige und zu weit auseinander. Und ihre tatsächliche Umsetzung ist zu mangelhaft, als dass sie die Lebensräume von Walen, Delfinen und anderen hochmobilen Meerestieren schützen könnten.

Hoyts Buch präsentiert die aufwendige Arbeit zahlreicher Fachgremien, wie z.B. der World Commission on Protected Areas und der Cetacean Specialist Group im Rahmen der International Union for Conservation of Nature (IUCN), sowie der Wal- und Delfinschutzgesellschaft WDCS und anderer Akteure, den Status der Waltiere und der Meeresschutzgebiete zu erheben.
Global gesehen steckt die Einrichtung von Meeresschutzgebieten noch in den Kinderschuhen. Nach Berechnungen der IUCN liegen nur 1,3% der Weltmeere in Schutzgebieten. Damit sind wir noch weit vom empfohlenen Minimalziel, das sich die Staatengemeinschaft selbst gesetzt hat, von 10% entfernt. Und die strikten Schutzzonen mit Fischereiverbot machen sogar weniger als 0,1% aus. Jeden Tag sterben Wale und Delfine durch Schiffskollisionen, zunehmenden Lärm, Ölverschmutzung, Beifang in Fischereigerät oder mitunter auch durch Nahrungsmangel. Der Klimawandel könnte diese Problematik weiter verschärfen.

Alleine in den Fischernetzen verenden jährlich mindestens 300.000 Wale und Delfine als so genannter Beifang. Etwa 63% der untersuchten Fischbestände müssen wiederaufgebaut werden, bei Walen in manchen Gebieten wurde Mangelernährung festgestellt. Und gerade ein Jahr nach dem desaströsen BP-Ölleck im Golf von Mexiko herrscht in der Ölbranche wieder Business as usual, als wäre nichts geschehen. Nach den jüngsten Öl-Katastrophen im Golf von Mexiko und in der Timor-See hätte man eine Verstärkung der Schutzvorschriften erwarten können, aber das Gegenteil trat ein. Die Ölindustrie wurde bereits wieder in den Golf eingeladen und nimmt nun sogar fragile Ökosysteme in der Arktis ins Visier. Selbst vor Ansuchen um Explorationen und Bohrungen in bestehenden Schutzgebieten schreckt sie nicht zurück.

Fakten auf einen Blick
- Wale legen im Ozean große Distanzen zurück, manche wandern bis zu 10.000 km pro Jahr, aber sie kehren stets zu bestimmten Plätzen zurück, wo sie Nahrung finden oder ihre Jungen zur Welt bringen. Dies ist ihr „Zuhause im Meer“. (S. 40)
- 64% der Weltmeere und ein Großteil der Waltier-Lebensräume liegen auf hoher See, außerhalb des Rechtsbereiches von Einzelstaaten. Doch hier gibt es nur sehr wenige Schutzgebiete. Ohne entsprechenden Schutz wird dieses riesige Ozeangebiet in den nächsten paar Jahren heftiger Ausbeutung ausgesetzt sein. (S. 94-99)
- Vom Klimawandel wird angenommen, dass er den Ozeanen mehrere Veränderungen bringt bzw. bringen wird: eine Erhöhung des Meeresspiegels und der Wassertemperatur, Änderungen der Salinität, des ph-Werts und der Strömungsmuster sowie mehr Stürme und chaotische Wetterbedingungen. Für Wale und Delfine bedeutet der Klimawandel, dass sich Lebensräume, die bisher ihr „Zuhause“ waren, stark verändern könnten. Der Klimawandel alleine mag zwar keinen Habitatverlust bewirken, aber in Kombination mit anderen Faktoren könnte er zum Niedergang oder zum Erlöschen von Populationen und vielleicht sogar ganzen Spezies führen. (S. 79-81)
- Die hohe See wird seit den Wikingern von Seefahrern durchkreuzt, aber der meilentiefe Ozean unter ihnen und die dortigen Lebewesen bleiben das letzte große Mare incognita des Planeten Erde. Und so unbekannt, wie die Hochsee ist, so ungeschützt ist sie auch. Ende 2010 präsentierte das Projekt First Census of Marine Life die Ergebnisse der zehnjährigen Arbeit zur Erforschung der marinen Biodiversität (www.coml.org). Das Projekt brachte mit 1330 neuen Spezies die Gesamtzahl der bekannten Meeresarten auf knapp 250.000, darunter mehr als 5000 Arten, die erst wissenschaftlich beschrieben werden müssen (Ausubel et al. 2010). Beeindruckend – aber fast nichts im Vergleich zur vermuteten Meeresvielfalt von mindestens einer Million Arten. Bei der aktuellen Entdeckungsrate wird es weitere 5639 Jahre brauchen, um alle Meeresarten zu erfassen (wenn es wirklich nicht mehr als eine Million sind). Damit kommen wir also weit ins 77. Jahrhundert (das Jahr 7650). (S. 2, 94)
- Die Öffentlichkeit mag den Eindruck haben, die Wale seien gerettet. Aber mehr als ein Drittel der früher vom Walfang betroffenen Arten stehen noch immer auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Tatsächlich werden die Wale nicht gerettet sein, bis es uns gelingt, ihre Lebensräume zu retten. (S. 39-41)
- Knapp ein Viertel (22%) der 87 Wal- und Delfinarten ist als gefährdet oder stark gefährdet eingestuft, außerdem hat mehr als die Hälfte (52%) den Status „ungenügende Datengrundlage“. Gemäß dem Vorsorgeprinzip ist es daher bei etwa drei Viertel der Wal- und Delfinarten alleine aufgrund ihres Status auf der Roten Liste der IUCN angezeigt, ihre Lebensräume zu schützen. (S. 39-40)

Bibliographische Details
Marine Protected Areas for Whales, Dolphins and Porpoises: A world handbook for cetacean habitat conservation and planning by Erich Hoyt (Earthscan 2011)
PB 978-1-84407-763-2 * HB 978-1-84407-762-5 * 448 Seiten


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