Tromsø - Nordnorwegen. Unter Mitternachtssonne und Polarlicht

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13.04.2013 08:35
Kategorie: Reise


Das Hafenstädtchen Tromsø liegt etwa auf halbem Weg zwischen Polarkreis und Nordkap. Man kommt im Winter dort hin um Nordlichter zu bewundern oder Wintersport zu betreiben. Im Sommer locken 24 Stunden Sonne. Kann man da auch tauchen?

Eine Reise an den Polarkreis mit Harald Mathä

Polarnacht und Nordlichter: Nachttauchen ganztägig möglich!


Es ist ein Mittag im Januar in Tromsø und überall irren Touristen in roten und gelben Goretex-Jacken auf vereisten Gehwegen umher. Sie suchen verzweifelt nach Fotomotiven, um zuhause erklären zu können, was sie mitten im Winter weit in den Polarkreis getrieben hat. Da ist die hell beleuchtete Eismeerkathedrale gleich über dem Tromsøsund, eine weitere Kirche, der Hafen mit alten Bürger- und Fischerhäusern.

Ach ja: und die nette Fußgängerzone mit ihren Läden. Die Fotoapparate klicken. Die Schneeräumung folgt grundsätzlich eigenen Gesetzen, denn norwegische Autofahrer sind wintertauglich. Sogar Oma Sørensson driftet mit ihrem uralten Volvo so gekonnt um die Kurven, dass sich mancher Motorsportler der Jännerralley etwas abschauen könnte...

Auch die Bürgersteige werden entweder gar nicht geräumt und gleichen dann einer Natureisbahn, auf der man direkt ins Hafenbecken rutschen kann oder sie werden elektrisch beheizt. Der Grat zwischen Minimalismus und Dekadenz ist im hohen Norden ein schmaler...

Mitten im Winter wird es in Tromsø gar nicht richtig hell, denn die Wintersonne bleibt hinter dem Horizont. Nur zwischen 10 und 14 Uhr glänzt die schneebedeckte Landschaft im Zwielicht der Dämmerung. Um spätestens fünf Uhr nachmittags geht die innere Uhr des Besuchers auf "Error" und die Zirbeldrüse spielt das Lied vom Tod.

Die Bewohner sehen es gelassener: Angesichts der hohen Alkoholpreise und den Schwierigkeiten Hochprozentiges zu beschaffen, entflieht man der Winterdepression nicht durch Trinken, sondern durch viel Lesen, Schlaf und der Hoffnung auf den 26. Januar, an dem die Sonne nach zwei endlos scheinenden Monaten endlich wieder über die Berge kommt, jeden Tag bleibt sie länger am Himmel, bis sie dann wochenlang gar nicht mehr untergeht.

Mitternachtssonne: Nachttauchen nicht möglich!


Es ist Ende Juni, die innere Uhr steht wieder auf Error, die Zirbeldrüse läuft im roten Bereich und die Vitamin-D Produktion arbeitet auf Hochtouren. Die Gesichtsfarbe wechselt von polarweiß auf ferrarirot. Sonnenbrände häufen sich- besonders bei Urlaubern aus England.

Es ist längst mitten in der Nacht und die Sonne will und will nicht untergehen. Sie steht immer noch zwei Finger breit über dem Horizont. Von 18. Mai bis 26. Juli wird es jetzt gar nicht mehr finster. Wo anderenorts schon vor Stunden ein "sundowner" geordert wurde oder längst das erste Bierchen getrunken wurde, verzweifelt mancher Reisender, macht die Jalousien runter und lässt den Verschluss der Dose Mackøl klacken. 24 Stunden am Tag kann man jetzt Wandern, Kajakfahren oder non-limit tauchen, bis man einen Vogel davon bekommt.

Tauchen in Tromsø


"Tauchtouristen? Nein, davon habe ich hier noch nichts bemerkt", antwortet Johanna vom hiesigen Tauchclub und grinst. "Die meisten von uns sind Einheimische und Studenten. Ab und an kommen mal ein paar Taucher aus Oslo oder anderen Landesteilen hinzu." ergänzt die Studentin. Wir haben uns im populären Blå Rock Cafe auf ein Mackøl getroffen. "Dabei gibt es in den Gewässern vor Tromsø einiges zu sehen. Die Temperaturen im Wasser sind wie die der Luft wärmer, als man es so weit im hohen Norden erwarten würde. Der Norwegenstrom, der dem karibischen Golfstrom entstammt, bringt warmes Wasser in den Polarkreis." erzählt sie weiter. Ein Stückchen weiter Richtung Russland wird es so richtig kalt mit um -40 Grad, während man hier praktisch im Warmen sitzt. Ein Trockentauchanzug ist trotzdem ganzjährig nicht schlecht, will man sich nicht den Ars.. abfrieren. "Auch wenn das Meer kaum einmal einfriert, kann man in den Seen ganz toll Eistauchen", schwärmt die junge Frau "Das ist ein ganz faszinierendes Gefühl, mit der dicken Eisdecke über einem. Und wenn dann die Luftblasen am Eis zerplatzen, dann ist das wie... Warum grinst du? Stimmt, du bist ja Österreicher und kennst das!"



Zu sehen gibt es auch Wracks aus den letzten Jahrhunderten. Vom Fischerboot bis zum mächtigen Frachtschiff. Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ überall an Norwegens Küste seine Spuren. Viele der Wracks sind noch kaum erforscht und jungfräulich. Regelmässig betaucht werden die "Elise Schulte" und das Heinkel Wrack, wo sich ein Seewolf von den einheimischen Tauchern füttern lässt. Das Wrack aber, dem am meisten Interesse entgegengebracht wird, ist das, von dem am wenigsten übrigblieb:

Mythos "Tirpitz"


In der Nähe von Tromsø wurde 1944 das mächtigste und teuerste Schiff der deutschen Kriegsmarine, die "Tirpitz" versenkt. Das Schwesterschiff der "Bismarck" hatte sich im Kåfjord versteckt, um auf alliierte Konvois nach Murmansk zu lauern und gleichzeitig nur ja keinen Kratzer abzubekommen. Doch die Engländer entdeckten das Schiff und beschädigten es erst durch Einsatz von Kleinst-U-Booten und später durch "Tallboy" Riesenbomben. Das beschädigte Schiff wurde noch als schwimmende Festung zur Verteidigung von Tromsø bei der Insel Håkøya stationiert, wo es bei einem schweren Bombenangriff schließlich versenkt wurde.

Heute ist vom riesigen Schlachtschiff nichts zu sehen, da es in den 50er Jahren komplett abgewrackt wurde. Nur bei Niedrigwasser entdeckt man etwas, das wie ein Wrack aussieht, aber in Wirklichkeit nur die Reste eines Pontons sind, von dem aus das Wrack zerschnitten wurde. Unter Wasser finden sich noch reichlich Fundstücke in Form eines Irrgartens aus Kabeln, Röhren und verrosteten Blechen. Immerhin: an den Überresten der Tirpitz zu tauchen ist einfacher als an der Bismark, denn diese liegt in einer Tiefe von 4800 Metern im Atlantik. Viele Informationen über die "Tirpitz" findet man im Tromsø Forsvarsmuseum, das in einem deutschen Bunker untergebracht ist.


Informationen zu Tromsø


Lage: Provinz Troms, 350 km nördlich vom Polarkreis
Anreise:
Auto: 3 Tage ab Südnorwegen
Flughafen:
Tromsø-Langnes (TRS), ab Oslo (OSL) knapp zwei Stunden Flugzeit
Schiff: beliebter Zwischenstopp der Hurtigruten
Lufttemperatur: -7 bis +15°C
Wassertemperatur: 1 bis 11°C
Währung:
Norwegische Kronen, 1 €= 7 NOK
Tauchen:
Dykkersentret Tromsø
Tromsø Undervannsklubb
Norwegen-Infos auf Taucher.Net


Lokaltipp: Vertshuset Skarven


Königskrabbe, Stockfisch, Rentier, Elch oder Wal gefällig? Im Skarven gibt es alles, was Meer, Wald und Tundra Norwegens hergeben. Sogar Wal und Robbe.

Unter einem Dach teilen sich drei Lokale und eine Kochschule die alten Gemäuer einer ehemaligen Margarinefabrik aus den 20er Jahren. Im "Arctandria" gibt es alles aus dem Meer- und Rentier. Im "Biffhus" kommt Fleisch, Fleisch und nochmals Fleisch, aber kein Fisch auf den Teller. Und in der Skarven Bar bekommt man zwar nichts zu essen, kann aber so richtig einen hinter die Binde kippen. Die Qualität im Skarven ist ausgezeichnet, die Preise für norwegische Verhältnisse moderat. Vom Gastgarten aus hat man einen wundervollen Blick über die Bucht und die Eismeerkathedrale.



Zusammenfassung


Tromsø im hohen Norden Norwegens ist, speziell für Taucher, ein sehr ungewöhnliches Reiseziel. Doch locken im Winter Polarnacht und Nordlichter und im Sommer die Mitternachtssonne. Unter Wasser gibt es ungewöhnliche Kreaturen wie Seeteufel, Seewolf oder Königskrabben zu entdecken. Besonders lohnend aber sind eine Expedition durch die ausgedehnten Kelpwälder oder der Besuch eines der ungezählten Wracks an der norwegischen Küste.



Video zum Thema:



Zum Film: Ein Wracktauchvideo aus der weiteren Umgebung: Die Black Watch (ca. 5.000 BRT), Versorgungs- und Hotelschiff für U-Boot Besatzungen, gesunken am 04.05.1945 nach Bombenangriff, Tiefe ca. 18m - 45m, liegt mit 90° auf der Seite, stark zerstört mit vielen erhalten gebliebenen Details.

Weitere Videos zum Thema findet man auf unseren Video-Seiten Norwegens.