Taucher holen Bomben aus Badeseen

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22.10.2004 23:26
Kategorie: News
Schweinrich - In drei Meter Tiefe sieht Heiko Vlk nichts mehr. Vorsichtig tastet sich der Taucher und Sprengstoffexperte durch den schlammigen Grund des Dranser Sees bei Schweinrich (Ostprignitz-Ruppin). In der Hand hält er eine Art Wünschelrute, die ihm die Richtung unter Wasser weist. Doch ob das schnelle und gleichmäßige Piepen des Meßgerätes eine leere Blechbüchse oder eine Granate aus dem Zweiten Weltkrieg ortet, weiß der Taucher erst, wenn er den Gegenstand ergreift.

Munitionstaucher wie Vlk suchen für den Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) im Auftrag der Landesregierung nach alten Bomben, Granaten und Minen in Brandenburgs Badeseen. Seit drei Jahren sind die Experten zu diesem Zweck jeweils im Herbst und Winter im Einsatz; jüngst wurde die letzte Etappe gestartet. "Wenn im Mai die neue Badesaison beginnt, sollen die 222 offiziell im Land ausgewiesenen Badestellen sauber sein", sagt KMBD-Truppführer Gerd Fleischhauer.

Wegen der empfindlichen Suchgeräte müssen die Munitionstaucher gleichzeitig Schrott aus dem See entfernen. "Wir arbeiten mit Metalldetektoren, und die zeigen nun mal jedes Metall an", erläutert Taucher Vlk. Er weist auf eine Kiste am Ufer. Darin stapeln sich verrostete Mais-, Bier- und Limonadenbüchsen sowie kaputte Fahrradfelgen. Je mehr Müll im Wasser, desto länger sind die Taucher vor Ort. "Wir wollen sicher sein, daß keine Munition übersehen wird", betont Fleischhauer.

Ihm zufolge stammen die meisten Sprengkörper und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg, da weite Teile Brandenburgs Hauptkriegsschauplatz im Kampf um Berlin waren. "Aber auch die im Land bis zur Wende stationierten russischen Streitkräfte haben ihre Munition in den hiesigen Seen entsorgt." Die Altlast ist nun eine Gefahr für Badegäste und Hobbytaucher.

"Je länger die Munition liegt, desto gefährlicher wird sie", erklärt Fleischhauer. "Das Aluminiumgehäuse der jahrzehntealten Munition rottet allmählich weg, so daß die Zünder freiliegen und von allein losgehen können." Häufig sei für Laien auch nicht auf den ersten Blick zu erkennen, daß es sich bei manch rostigem Unrat im See um äußerst gefährliches Gut handelt. Mitunter kann ein Schlag auf das Gehäuse von Granaten und Minen den tückischen Zündmechanismus auslösen.

Heiko Vlk ist bereits seit mehreren Stunden im Wasser - bei Temperaturen um acht Grad. An seinem dunklen Neopren-Anzug hängt eine 16 Kilogramm schwere Bleiplatte; das Gewicht hält ihn auf dem Grund.

1300 Quadratmeter Badefläche des Dranser Sees müssen systematisch abgesucht werden. Nach einiger Zeit wird Vlk fündig. Er kommt an die Oberfläche und inspiziert den etwa zehn Zentimeter großen Gegenstand. "Das ist eine Ei-Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg." Der brisante Fund kommt in einen Spezialbehälter; in den nächsten Tagen soll er mit weiterer Munition auf einem Sprengplatz vernichtet werden.

Jede Menge Panzergranaten und viele Minen haben die Munitionstaucher bislang in den märkischen Badeseen entdeckt; genaue Zahlen liegen noch nicht vor. Unter den größten und gefährlichsten Stücken waren eine zwei Kilogramm schwere Schützenmine aus dem Stienitzsee (Märkisch-Oderland) und eine 30-Liter-Brandbombe, die auf dem Grund des Neuruppiner Sees lag. Die unkontrollierte Explosion einer solchen Bombe wäre eine Katastrophe. Die weit fliegenden Brandsätze könnten sogar Gebäude und Wälder in der Umgebung in Mitleidenschaft ziehen.
Quelle: dpa