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Täglich gesehen, trotzdem übersehen
Die Blätter der Seegraswiesen liegen am Strand, riechen unangenehm und stören beim Baden… So kennen die meisten Menschen Seegras. Dabei ist die unscheinbare Pflanze eine der wichtigsten und zugleich am stärksten unterschätzten Lebensgrundlagen unserer Meere.
Der Dokumentarfilm „Superstar Seegras“ der Schweizer Filmemacherin und Unterwasser-Kamerafrau Sabrina Inderbitzi nimmt sich genau dieser Pflanze an und feiert am 8. Oktober 2026 um 17 Uhr in der Darßer Arche in Wieck im Rahmen des 22. Darßer NaturfilmFestivals seine Weltpremiere. Rund vier Jahre hat Inderbitzi an dem Projekt gearbeitet, von der ersten Recherche bis zum fertigen Film. Mit ihrem Werk stellt sie einen Lebensraum vor, den viele Taucher täglich sehen und trotzdem kaum kennen.
Warum Seegras tatsächlich ein Superstar ist
In den vergangenen Jahren ist Seegras vor allem wegen einer einzigen Eigenschaft in den Fokus gerückt: seiner Fähigkeit, Kohlenstoff zu binden. Genau diesem Hype spürt der Film nach, ohne ihn unkritisch zu übernehmen. Je nach Art, Sediment und Standort speichert Seegras höchst unterschiedliche Mengen Kohlenstoff, Forscher betonen daher immer wieder, dass die Klimafunktion nur eine von vielen gleichwertigen Leistungen ist und nicht die alleinige Daseinsberechtigung der Pflanze.
Seegras schützt unsere Küsten vor Erosion, produziert Sauerstoff, speichert Kohlenstoff und bietet unzähligen Tieren einen Lebensraum: Von Seepferdchen über Jungfische bis zu Grünen Meeresschildkröten, wie wir selbst erst kürzlich in unserem Bericht über ein Meeresschildkröten-Schutzprojekt im Roten Meer beschrieben haben.
Wie zentral diese Funktion speziell im Mittelmeer und der Ostsee ist, bringt der Meeresbiologe Thorsten Reusch, der seit über 30 Jahren zu Seegras forscht und im Film als Protagonist auftritt, auf den Punkt: Seegras ist "Liebe auf den zweiten Blick", man müsse schon genauer hinschauen, um die biologische Vielfalt zwischen den Halmen zu erkennen. Ohne Seegraswiesen gäbe es an vielen Küsten weder das charakteristisch klare Wasser noch die feinen Sandstrände, die Taucher und Urlauber gleichermaßen schätzen, und zahlreiche Meeresbewohner verlören ihre Lebensgrundlage.
Von der ersten Seenadel zum Filmprojekt
Inderbitzis eigene Faszination für Seegras begann nicht sofort. Ihren ersten Tauchgang im Mittelmeer-Seegras, vor rund sechs Jahren an der Côte d'Azur, empfand die auf farbenprächtige indonesische Riffe spezialisierte Taucherin zunächst als eher langweilig.
Den Schlüsselmoment erlebte sie erst im Sommer 2020 bei einem Segeltörn, als sie zwischen den Halmen ihre bislang einzige Seenadel im Mittelmeer entdeckte, umgeben von jagenden Zackenbarschen und Doraden sowie jungen Fischen, Seepferdchen und Sepien, die dort Schutz suchten. In diesem Moment wurde ihr klar: Seegras ist im Grunde das Korallenriff des Mittelmeers, weniger farbenfroh, aber ein ebenso wichtiger Lebensraum.
Zweieinhalb Jahre Begleitung, vier Jahre Gesamtprojekt
Was „Superstar Seegras“ von anderen Naturfilmen zum Thema unterscheidet, ist die Produktionsweise selbst: Gemeinsam mit Felix Hulliger, einem Hochseesegler, hat Inderbitzi über rund zweieinhalb Jahre hinweg, von Juli 2023 bis 2025, Menschen und Projekte in mehreren europäischen Ländern immer wieder besucht und über diesen Zeitraum begleitet.
Die Drehorte lagen unter anderem in Deutschland, Frankreich, Spanien, den Niederlanden und Italien. Statt einer einmaligen Momentaufnahme entsteht dadurch eine echte Langzeitbeobachtung: Es wird gezeigt, wie sich Forschungsprojekte entwickeln, welche Ideen tatsächlich funktionieren, wo Schwierigkeiten auftreten und ob gesteckte Ziele am Ende erreicht werden.
Ein Beispiel dafür liefert ein Dreh im niederländischen Meeresarm Oosterschelde, wo Forscher der Universität Groningen versuchen, durch Dämme und Küstenbebauung verlorene Seegraswiesen wiederanzusiedeln. Bei Sonnenaufgang und Ebbe sammelte das Team winzige, nur etwa einen Millimeter große Samen des Zwergseegrases, das täglich rund sechs Stunden trockenfällt und trotz Sonne und Trockenheit voller Leben steckt, zwischen den Halmen finden sich kleine Schnecken, Krabben, Würmer und Spinnenkrebse. Solche Szenen zeigen, mit welchem Aufwand Forschung und Filmteam gleichermaßen arbeiten mussten, um verborgene Facetten dieses Lebensraums sichtbar zu machen.
Der Film zeigt auch die Arbeit von Wissenschaftlern, die hitzetolerantere Seegras-Varianten suchen, von Tourismusprojekten, die eine Balance zwischen wirtschaftlicher Nutzung und Naturschutz finden wollen, sowie von Menschen, die Seegras als nachhaltigen Rohstoff oder künstlerisches Material für sich entdeckt haben. Ein Kieler Start-up etwa, das mit Seegras-Dämmmaterial durchstarten will. Am Ende entstanden aus rund 50 Drehtagen etwa 18 Terabyte Bildmaterial, umgerechnet knapp 150 Stunden Rohfilm, aus denen nun die eigentliche, rund 120-minütige Dokumentation herausgearbeitet wurde.
Erzählt wird der Film aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Das Seegras selbst wird zur Erzählerin und führt durch den Film. Bewusst verzichtet „Superstar Seegras“ dabei auf eine einfache Erfolgsgeschichte, stattdessen beleuchtet er auch Grenzen, Rückschläge und Zielkonflikte zwischen Naturschutz, Tourismus und wirtschaftlicher Nutzung, unterlegt mit beeindruckenden Unterwasseraufnahmen, die Seegraswiesen nicht als grüne Fläche am Meeresboden zeigen, sondern als eigenständige, lebendige Welt.
Die Weltpremiere
Die Premiere findet im Rahmen des Darßer NaturfilmFestivals statt, das vom 6. bis 11. Oktober 2026 zum 22. Mal die Ostseehalbinsel Fischland-Darß-Zingst zur Bühne für den deutschen Naturfilm macht. In fünf Kategorien wird der Deutsche NaturfilmPreis vergeben. Superstar Seegras wird am 8. Oktober um 17 Uhr in der Darßer Arche in Wieck gezeigt, dem zentralen Festivalort und Nationalparkzentrum der Region.
Weitere Informationen:
Superstar Seegras (offizielle Webseite, Trailer)
Darßer NaturfilmFestival
Europäische Kommission, Umwelt-Newsdienst – Conserving seagrass meadows is crucial for blue carbon climate strategies
Taucher.Net / DiveInside – Ägypten, Rotes Meer: Projekt für die Meeresschildkröten