St. Johns Safari. Eine (fast) ganz normale Tour

Teile:
29.11.2015 10:03
Kategorie: Reise



Unser Autor Linus Geschke ist ein bekennender Fan der Reiseerzählungen, die Erik Hesse regelmäßig auf Facebook postet – und hat nicht locker gelassen, bis dieser seinen Bericht über eine St. Johns-Safari auch DiveInside zur Verfügung gestellt hat. Woher diese Begeisterung kommt? Lesen!

Bericht von Erik Hesse

15.10., 12.30 Uhr, Bootsbriefing auf der Royal Evolution und Bekanntgabe der Kabinenbelegung. Ich soll mir meine Kabine mit einem gewissen Frank teilen, der aber noch nicht angekommen ist. Die Kabinen sind erst um 17.00 Uhr bezugsfertig. Um die Zeit zu überbrücken habe ich schon im Vorfeld einen Hausrifftauchgang bei den Emperor Divers gebucht, in den sich Irene mit eingeklinkt hat; so kann ich wenigstens mit einem mir bekannten Buddy tauchen.

Das Hausriff liegt in der Hafenausfahrt von Port Ghalib. An den Tauchgang selbst habe ich überhaupt keine Erwartungen gestellt, es geht einfach nur um den Zeitvertreib unter Wasser. Beim Einchecken erfahren wir, dass am Vormittag ein Longimanus am Hausriff gesichtet wurde. Ist klar: Bestimmt mit einem Delfin im Schlepptau, der im Kielwasser Wasserski fuhr! Ich muss wohl nicht erwähnen, dass sich der Longimanus nicht zeigt! Entweder habe ich das Talent, dass bestimmte Meeresbewohner bei meinem Erscheinen verschwinden oder aber gewisse Taucher nehmen nicht das wahr was wirklich da ist, sondern sehen das, was sie gerne sehen würden. Vielleicht bin ich auch immer einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Am Hausriff sind Tiefen bis zu 40 Metern möglich, die Sicht ist durch aufgewirbelten Sand getrübt. Für einen Zeitvertreib ist so ein Tauchgang vollkommen in Ordnung. Allerdings gefällt es mir nicht, dass man bei der Internetbuchung bei Emperor Divers Kontakt mit einem Office hat und nicht mit der Basis vor Ort.

An Bord der Royal Evolution sind mittlerweile die restlichen Taucher und unser Veranstalter Rudi Baur von Sport- und Kulturreisen eingetroffen. Er überbringt mir gleich die traurige Nachricht, dass mein Kabinengenosse den Flieger verpasst hat und ich während der Safari Selbstgespräche in der Kabine führen darf. Nicht nur die Haifische meiden mich (siehe Sudan Safari), jemand verpasst sogar seinen Flug, um meine Gesellschaft zu vermeiden! "Ich schieb` dann man eben die Betten für einen Freudentanz zur Seite".

Ein Tauchgang als Therapie


Das nervtötende Geräusch meines Weckers holt mich am nächsten Morgen aus dem Bett. Noch bevor meine Augen Gegenstände in der unmittelbaren Umgebung wahrnehmen, muss ich feststellen, dass das Bazillenmutterschiff, welches im Flugzeug neben mir saß, ganze Arbeit geleistet hat. Die Dame hat mir ihre Erkältung vererbt. Schönen Dank auch! Führende Tauchmediziner raten bekanntlich dringend davon ab, mit einer Erkältung zu tauchen. Das würde ich auch nie machen. Aus diesem Grund habe ich mich für eine Pressluft-Salzwasser Therapie mit bis zu vier Anwendungen täglich entschieden.

Die erste Anwendung findet in Form eines Checktauchgangs in Abu Dabbab statt. Sehenswert sind die zwei Schildkröten und das obligatorische Bojenspektakel am Ende des Tauchganges, bei dem Seile zu Knäulen und Bojen zu Hebesäcken für Taucher umfunktioniert werden, sofern die Taucher nicht gleich als Paket verschnürt an die Oberfläche zurückkommen.

Wieder an Bord werde ich mit der Tatsache konfrontiert, dass sich der Rotfilter meiner Videokamera für ein Leben unter Wasser entschieden hat. Nach dem Longimanus und meinem Zimmerkollegen wird mir jetzt auch noch der Rotfilter untreu. Na gut, dann werden die folgenden Videos eben etwas blaustichiger.

An Bord werden die Taucher nun in drei Gruppen eingeteilt: Eine rote, eine blaue und eine schwarze... Ich gehörte zur schwarzen Gruppe, mit der es nun zum Elphinstone Reef geht. Für unsere Begrüßung werden ein paar Delfine ins Wasser gelassen. Abgesehen davon, dass ich nach 30 Minuten aufgrund der Erkältung keinen Druckausgleich mehr schaffe, passiert bei diesem, wie auch beim nächsten Tauchgang, äh bei der nächsten Salzwasser-Pressluft Therapie, nichts Spektakuläres. Um es deutlich zu sagen: von Haien keine Spur! Wie auch, wenn sich der Longimanus am Hausriff im Port Ghalib aufhält?

Über Shaab Maksur, Shaab Claudia und Malahi geht es zu den St. Johns Riffen. Am Habili Ali meinen es dann zwei Taucher unserer schwarzen Gruppe gut mit uns, indem sie dem Guide mitteilen, dass wir am Ende des Tauchgangs wieder zum Boot zurück tauchen "möchten". An dieser Stelle bedanke ich mich noch mal ganz herzlich für den Frühsport beim Trampeln gegen die Strömung!



Wer braucht schon Haie oder Großfisch; auch an den kleinen Dingen erfreut sich Tauchers Herz.


Das erste exotische Lebewesen entdecken wir am Gota Soraya. Es handelt sich um die seltene Gattung des Kanarienvogelwals. Wer jetzt eine Internetsuchmaschine bemüht, wird nicht fündig werden. Man nehme einen glatzköpfigen Menschen, dessen Körper ein Endlager für sämtliche Formen von Kalorien darstellt und dadurch die Form eines Walfisches angenommen hat. Man ziehe diesem dann einen langärmeligen kanarienvogelgelben Schlafanzug an, binde ihm geschätzte 16 kg Blei um den Bauch und eine Pressluftflasche auf den Rücken und fertig ist der Kanarienvogelwal. Es ärgert mich nur, dass der Akku meines Fotoapparates leer ist. Das wäre ein super Foto für www.begegnungenderdrittenart.de gewesen.

Ich – das Stalkingopfer!


Auf jeder Safari wird man schlauer. Dieses Mal habe lerne ich, dass es Situationen gibt, in denen man sein Logbuch nicht offen an Bord zeigen sollte. Insbesondere dann nicht, wenn eine Beamtin des Finanzamtes mit an Bord ist, die berufsbedingt einen Blick für Zahlen hat. Eine interessante Zahl ist offensichtlich die meines aktuellen Tauchganges. Vorsichtige Hochrechnungen ergeben nämlich, dass ich auf dieser Safari meinen 888sten machen werde; nun steht mein Logbuch unter ständiger Aufsicht. Gibt es eigentlich Safaris mit Selbsthilfegruppen für Stalkingopfer?

Natürlich dürfen auf einer Safari die Nachttauchgänge nicht fehlen. Erwähnenswert ist der am Dangerous Reef. Nachdem mein Zimmerkumpel, die Haifische und mein Rotfilter mir untreu geworden sind, meiden mich jetzt auch noch die Mitglieder der schwarzen Gruppe. Niemand will den Nachttauchgang mit mir machen, also muss "Freund Harvey" dran glauben.

Der Tauchplatz besteht aus einem Korallengarten in 20 Metern Tiefe und einem Riff mit einer Höhle. Ich beschließe mit den Tauchern der anderen Gruppen ins Wasser zu springen und mich mit "Freund Harvey" abzusetzen, um am Riff nach jagenden Muränen zu suchen. Es kommt jedoch ganz anders!

"Das Imperium schlägt zurück"


Gerade habe ich die erste freischwimmende Muräne gefunden, da lässt der Raumtransporter, der neben der Royal Evolution liegt, die Kampftruppen des Imperiums zu Wasser. Laserschwerter durchpflügen den freien Raum. Sternenkrieger bauen sich hinter Korallenblöcken auf. Kameras werden in Position gebracht und Suchscheinwerfer direkt unter mir positioniert, die permanent das Riff nach Rebellenfischen absuchen. Ich schalte meine Lampe aus und partizipiere am Kampfgeschehen als neutraler Beobachter!

Eine Doppelraumeskorte entdeckt im Sand einen feindlichen braunen Stechrochen, dem jedoch die Flucht in die Weite des Weltraumes gelingt. Die Eskorte gibt die Verfolgung nach kurzer Zeit auf. Eine Kameradrohne scannt mit zwei Suchscheinwerfern unermüdlich das Riff nach Verstecken von Rebellenfischen ab. Auf einer Sandfläche kann eine Dreierraumpatrouille einen maskierten Rebellenkugelfisch im Schlaf überraschen. Aufgrund ihres Aussehens stehen diese Fische offensichtlich unter Generalverdacht. Er wird von 6 Photonenkanonen mit geschätzten 900 Watt unverzüglich gegrillt. Die Heldentat wird mit einer Kamera aufgezeichnet, um dem Imperator die Situation vor Ort medial aufbereitet darstellen zu können.

Daraufhin schicken die Rebellentruppen einen kleinen grauen Aufklärungshai am Riff auf Patrouille, der direkt von den Suchscheinwerfern erfasst wird. Ihm gelingt aber die Flucht in Richtung Höhle, bevor ihn die Photonenstrahlen der Kameradrohne bestrahlen können. Die imperialen Truppen verlagern sich nun in Richtung Höhle und erhellen diese mit Flutlicht. Vergebens! Der Aufklärungshai ist entkommen und das Rebellenversteck ist leer.

Auf der Sandfläche scheuchen die imperialen Truppen mit ihren Laserschwertern die letzten Rebellenfische aus den Verstecken in den Korallenblöcken. Feuerrebellenfische werden so gezwungen Nachwuchsrebellen zu fressen, die mit Laserstrahlen geblendet wurden.

Eine Kampfmuräne verrät sich durch hektische Bewegungen am Riff und zieht die Aufmerksamkeit der Truppen auf sich, die nun mit Suchscheinwerfern, Aufklärungsdrohnen und Photonenkanonen anrücken. Sie flüchtet zwischen die Hartkorallen und gibt dadurch das Versteck eines als Papagei getarnten Fisches preis, der sich in einem Kokon schlafend stellte.

Ich habe genug gesehen, meine Mission ist beendet! Mit ausgeschalteten Positionslichtern schwebe ich dem Stroboskop entgegen, das den Traktorstrahl zum Raumgleiter der Konföderation markiert. Oben angekommen erstattete ich der schwarzen Crew Bericht über die Situation im All.

Heldentaten


Am nächsten Morgen wird optional ein Early Morning Dive angeboten. Was kann es unter Wasser geben, das es wert ist, sich morgens um 04.30 Uhr aus dem Bett zu quälen, um gegen 05.00 Uhr im Wasser zu sein? Ich will es wissen!

19.10.2015, 05.00 Uhr, Habili Gaffar. Bei völliger Dunkelheit geht es mit der Lampe am Riff in 40 Meter Tiefe. Quasi ein Nachttauchgang am frühen Morgen. In der Dämmerung beginnt das Leben am pyramidenförmigen Riff. Beim Blick zur Oberfläche sieht man an der Riffkante einen Schwarm aus unzähligen Ährenfischen, die sich – von Barschen gejagt - zu einem Ball formieren und wieder auseinanderziehen. In der leichten Strömung steht der erste Schwarm Barrakudas, schwarze Schnapper bevölkern jetzt das Riff, und auch der Igelfisch ist mittlerweile wach und lässt sich von einem Putzerfisch pflegen. Mittlerweile erstrahlt das Riffdach im Licht der ersten Sonnenstrahlen und gibt den Blick auf Skorpionfische und Oktopusse frei. Man kann es nicht beschreiben, man muss es erleben. Ein Tauchgang mit Wiederholungsgefahr!

Über St. Johns Cave geht es weiter zum nächsten Nachttauchgang nach Sernaka Island. Nach dem anschließenden Abendessen wollen die ersten Taucher den Salon verlassen. Sie kehren aber sofort zurück mit den Worten: "Da steht die Polizei mit Maschinengewehren vor der Tür!". Ja nee, ist klar! Ich meine auch mich erinnern zu können, dass wir das letzte Riff bei "Rot" passiert haben. Wäre der Spruch mit der Polizei von mir gekommen, hätten alle in Ruhe weiter gegessen. Irgendwer hat nämlich das Gerücht verbreitet, dass ich öfter meine Mitmenschen "auf den Arm" nehme (Ich werde also gemobbt!). Nachdem aber andere die Aussage getätigt haben, kommt operative Hektik im Raum auf. Dabei stimmt die Aussage gar nicht. Es ist nicht die Polizei, die mit Maschinengewehren vor der Tür steht, sondern die Marine, die mit Maschinenpistolen auf dem Taucherdeck steht.

Die Diveguides bitten uns auf das Oberdeck. Hier werden wir Zeuge eines Schauspiels, bei dem Teile der Mannschaft die Treppen rauf und runter hasten und die fröhlichen Minen ernsten Gesichtern weichen. Soldaten bewegen sich im Laufschritt mit der MP über das Deck, hektische Gespräche auf Arabisch ersetzen sodann das angenehme Klima an Bord und die ausgelassene Stimmung beim Dekobier weicht einer bedrückenden Atmosphäre. Uns wird natürlich versichert, dass die Kontrolle nur Routine sei und unserer Sicherheit dient. Das ist wohl auch der Grund, warum wir von dem Menschen im Tarnanzug mit der MP bewacht werden und den Lauf seiner MP ansehen dürfen. Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt!

Wenn Fiktion auf Wirklichkeit trifft


Wobei ich feststellen muss, die Kontrolle findet für mich persönlich genau zum richtigen Zeitpunkt statt. Ich lese hier an Bord gerade das Buch "Breaking News" von Frank Schätzing und war tatsächlich gerade bei der Stelle, in der Reporter Tom Hagen in Libyen bei der Operation anwesend ist, als Rebellentruppen die Stadt Sirte erobern und von Heckenschützen der Gaddafitruppen beschossen werden. Bücher werden durch das Kopfkino lebendig. Noch lebendiger werden sie aber, wenn man das Gelesene mit Assoziationen verknüpfen kann oder wie in diesem Fall, es real erlebt und die Soldaten direkt vor sich sieht.

Darum nochmals meinen persönlichen Dank an die ägyptische Marine für diese tolle Idee.

Ich hätte nie gedacht, dass die Geste der Entschuldigung im Menschenbild der Regierungsorgane der arabischen Welt eine Rolle spielt. Als das Schiff am letzten Tag der Safari wieder im Hafen liegt, erscheint tatsächlich ein General der ägyptischen Marine und erklärt uns, dass Kontrollen wichtig seien (daran hat, glaube ich, auch niemand Zweifel), er sich aber für die Art und Weise der Kontrolle entschuldigen möchte und hofft uns weiterhin als Gäste in Ägypten begrüßen zu dürfen.

Am Nachmittag des 20.10.15 ist es dann endlich soweit; der 888ste! Die Royal Evolution hat vor Abu Galawa festgemacht; neben uns liegt lediglich ein Tagesboot. Im Wrack des Segelschiffes mache ich die obligatorischen Aufnahmen von den Glasfischen. Als ich dann den Kopf wieder aus dem Wrack strecke, fällt mir vor Schreck fast die Bierflasche aus der Hand. Direkt neben meinem Kopf: eine Treibmine. Die Kontaktzünder stechen mir fast ins Auge...

Im gleichen Moment kommt aber auch schon die Entwarnung. Das Tagesboot hat ebenfalls Taucher zu Wasser gelassen und neben mir befindet sich der Kopf einer Taucherin, deren Kopfhaube mit "Applikationen" besetzt ist. Die "Kontaktzünder", Stacheln oder Strahlen, sind über die gesamte Kopfhaube verteilt und sollen wohl einen Seeigellook darstellen. Mit ein paar Schellen an den Enden der Strahlen wäre es ein praktischer Eulenspiegellook gewesen; damit wäre ich auch rechtzeitig auf die Dame aufmerksam geworden. Die anderen Taucher des Bootes tragen überwiegend Kopftücher und sehen aus wie Seeräuber. Auf dem Tagesboot findet offensichtlich ein Mottotauchen statt – Alice Seeigel Baba und die 14 Räuber.

Nach einer Runde Bier an diesem Abend zur Feier des 888sten hören die Stalkingaktionen meiner Mittaucher endlich auf.

Am Mittwoch, dem letzten Tag auf See, gibt es noch einen Hai- und strömungsfreien Tauchgang auf dem Südplateau am Elphinstone Reef. Ich stehe direkt über dem Torbogen und könnte mir meinen lang ersehnten Wunsch zu erfüllen, den Sarkophag zu betauchen, wäre da nicht der Rückflug am nächsten Mittag.

Abschließend muss ich sagen, dass mir die Safari sogar ab und zu ein "ganz klein wenig Spaß" gemacht hat, so dass ich im nächsten Jahr wieder bei der "Just Brother Tour" 20.10. - 27.10.2016 mit der Royal Evolution dabei sein werde.

Ach so, falls sich jemand wundert, dass die Seite www.begegnungenderdrittenart.de nicht erreichbar ist, dann liegt es daran, dass sie nur in meiner Phantasie existiert, ebenso wie mein "Freund Harvey"!


Video zum Thema:

 


Titelbild von Oliver Zander

Teaserbild von Jürgen Fuka (www.scubadiving.at)