OSPAR tagt – Der Widerstand gegen die britische Shell Plattform-Entsorgung wächst

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18.10.2019 11:09
Kategorie: News

„Shell – Das Meer ist nicht eure Müllkippe“

 

Von den „großen“ Nachrichten fast unbemerkt spielt sich zurzeit in der Nordsee nordöstlich der Shetlandinseln und knapp 200 Kilometer vor der norwegischen Küste ein Schauspiel ab, dessen Geist hervorragend in diese Zeit passt. Greenpeace Aktivistinnen und Aktivisten sind mit der Rainbow Warrior vor Ort in der rauen Nordsee. Seit Montagfrüh demonstrieren sie im Brent Ölfeld,  erkletterten zwei der vier Plattformen in der nördlichen Nordsee und befestigten auf Brent “Alpha“ und Brent “Bravo“ Banner mit der Forderung: "Shell - Das Meer ist nicht eure Müllkippe!".

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Es geht gegen das, was seit heute Früh in London strittig diskutiert wird, aber längst als beschlossen gilt: das vom britischen Ölmulti Shell seit 1976 ausgebeutete, auf britischem Hoheitsgebiet liegenden Brent-Ölfeld soll nicht, wie in internationalen Regularien festgelegt, komplett rückgebaut, sondern sich teilweise selbst überlassen werden. Gegen diese drohende Entscheidung regt sich internationaler Widerstand und sie schwingt sich langsam auf, nach dem Brexit-Theater zu einem zweiten kritischen Thema zwischen den Briten und zahlreichen EU-Staaten zu werden. Das Brent-Ölfeld im Herzen der Nordsee erlaubt keine wirtschaftlich vernünftige Förderung mehr, ist erschöpft und gilt als final ausgebeutet.

 

Doch anstatt die Produktionsstätten des über Jahrzehnte mit Milliardengewinnen betriebenen Ölfeldes rückzubauen und geordnet und umweltgerecht zu entsorgen, schickt sich der britische Shell-Konzern an, mit einer Ausnahmegenehmigung der britischen Regierung Teile der Produktionsstätten in der Nordsee zu belassen und dort verrotten zu lassen. Die aus dem Meer herausragenden Brent-Plattformen „Bravo“, “ Charlie“ und „Delta“ sollen zwar abgebaut werden, doch der Stein des Anstoßes verbirgt sich weitgehend in deren unter der Wasseroberfläche liegenden Basiskonstruktionen aus Beton und birgt in sich das Potenzial einer tickenden Zeitbombe für die Umwelt. Von der vierten Plattform „Brent Alpha“ soll ein Stahlgerüst der Nachwelt erhalten bleiben.

 

Hauptsächlich aber geht es um 42 unter der Meeresoberfläche liegende Öltanks, die rund 60 Meter hoch sind und in denen sich – nach Angaben von Shell - mehr als 11.000 Tonnen Öl befinden. Beim Verrotten der Tanks und Kammern würde diese Ölmenge ins Meer abgegeben.

 

Die Industrie beklagt, dass der Rückbau und die Entsorgung dieses Nachlasses technisch höchst kompliziert und aufwändig sei. Dr. Christian Bussau von Greenpeace Hamburg ist Meeresbiologe und hat im Fach Tiefseebiologie promoviert. Er kennt das Metier und zählte bereits 1995 zu den Greenpeace-Aktivisten, die im Brent-Ölfeld demonstrierten und damals die vor der Versenkung im Nordatlantik stehende Shell-Tankplattform „Brent Spar“ besetzten. Der britische Ölkonzern hatte vor, seinen „Schrott“ in 2000 Metern Wassertiefe endzulagern. Greenpeace sorgte damals wegen der geplanten Entsorgung der Plattform im Meer für eine Woge des Protestes.  Mit Erfolg wurde der Ölkonzern damals gezwungen, die „Brent Spar“ einer geordneten Entsorgung zuzuführen. 

 

Fast genau 25 Jahre später steht Dr. Bussau wieder dem Shell-Konzern gegenüber und hat es an selber Stelle mit einer noch unglaublicheren Geschichte zu tun, die belegt, dass wenn es ums Geld geht, die Vernunft als Wegbegleiter oft ausgeschlossen bleibt.

 

Bussau lässt die Ausreden der Multis nicht gelten: “Der Shell Konzern beherrscht wie kaum ein zweiter Ölmulti die Gewinnung von Offshore Öl mit hoher Präzision und auch unter schwersten Bedingungen. Da ist es kaum vorstellbar, dass die geordnete und fachgerechte Entsorgung dieser Produktionsabfälle Probleme bereiten soll“. Und das ist auch die Meinung der meisten OSPAR-Mitglieder, die in diesem Streit vor allem den Versuch sehen, unbequeme Folgekosten auf die Natur und damit auf die Allgemeinheit abzuwälzen.

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Heute tagt die OSPAR-Kommission an ihrem Stammsitz in London und ist gefordert eine Dreiviertelmehrheit zu den geplanten Ausnahmegenehmigungen durch die britische Regierung zu finden, die im krassen Widerspruch zu den in Oslo und Paris getroffenen Vereinbarungen stehen.

 

Die Norweger sind nur 200 Kilometer vom Brent- Ölfeld und den vier zu entsorgenden Plattformen entfernt. Sie scheinen sich aber auch mehr über die Kostenfrage, als um die Umweltgefahren zu sorgen, denn sie schlossen sich inzwischen der britischen Haltung an. Was nicht verwundert, denn auch hier geht es offenbar nicht primär um die Gefahren für die Umwelt, sondern um das Problem, dass den Norwegern mit den eigenen vor der heimischen Küste betriebenen Plattformen demnächst eine ähnliche, milliardenschwere Last ins Haus steht.

 

Die Bundesrepublik Deutschland ist Mitglied in der OSPAR, der Organisation, deren Zuständigkeit sich auf alle Einleitungen, Verklappungen und Versenkungen im Bereich des Nordatlantiks und der Nordsee sowie auf das Genehmigungsverfahren u.a. für Windparks und Bohrinseln erstreckt. OSPAR steht für „Oslo“ und „Paris“, denn in diesen zwei Städten einigten sich nahezu alle europäischen Anrainerstaaten inklusive Großbritannien in zwei Konventionen auf einheitliche, strenge Regularien für die wirtschaftliche Nutzung dieser internationalen Gebiete.

 

Die erwartete Ausnahmegenehmigung der britischen Regierung für den heimischen Ölmulti  würde diesem die hoch aufwändige und kostspielige Entsorgung erleichtern. So tut sich gerade neben dem Brexit ein weiteres Konfliktfeld auf, das die britische Regierung in Diskurs mit zahlreichen europäischen Staaten bringt. Dies vor allem, weil Großbritannien als OSPAR-Mitglied seine Offshore Industrie angewiesen hat, bei den vorgeschriebenen und geplanten Entsorgungen 35% der kalkulierten Kosten einzusparen. Dies erlangt Brisanz erst durch die Kenntnis, dass die britische Staatskasse ihre Ölindustrie mit nicht unerheblichen Steuererleichterungen bei diesem kostspieligen Unterfangen unterstützt.

 

Deutschland hat gegen dieses drohende Prozedere schon offiziell protestiert, denn die Gefahren, die für die Nordsee und die unmittelbaren Anrainer in den Tanks schlummern, seien  unkalkulierbar hoch. 

 

Anders als noch vor 25 Jahren im Fall der „Brent Spar“ bleibt die breite Öffentlichkeit bisher allerdings  weitgehend außen vor. Die Medien stürzen sich heute lieber auf Twitter Meldungen aus dem Hause Trump oder richten den Fokus auf die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen seien es militärische oder wirtschaftliche, an allen Enden der Welt. Da scheinen 11.000 Tonnen Öl, die im Meer direkt vor der Haustür verbleiben sollen nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Brave New World... (hap) 

 

Gastbeitrag - Dr. Christian Bussau

 

Vor wenigen Stunden saß ich noch in einem Greenpeace-Schlauchboot. Wir waren unterwegs im Brent Ölfeld in der nördlichen Nordsee und unterstützten unsere Aktivisten, die die beiden Shell-Plattformen Brent Alpha und Brent Bravo für mehr als 24 Stunden besetzten. Greenpeace ist da um zu verhindern, dass Shell das Meer als Müllkippe für 11.000 Tonnen Öl missbraucht. 

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Vor 24 Jahren, im Mai 1995, war ich das erste Mal im Brent Ölfeld 190 km nordöstlich der Shetland-Inseln. Wir hatten die Brent Spar Plattform besetzt, weil Shell die schrottreife Plattform im Meer versenken wollte. Das Wetter war schlecht, sehr kalt, hohe  Wellen, Sturm.  Nachts stand ich auf der Helikopter-Plattform der Brent Spar und sah eine Industrielandschaft mitten im Meer: Überall standen die hellerleuchteten und Hochhaus-hohen Ölplattformen, deren Gasabfackelungsflammen die tiefhängenden Wolken rot anstrahlten. Millionen Menschen unterstützten damals unseren Kampf gegen die Versenkung der Brent Spar. Aber es ging um weit mehr: Es ging um Respekt vor der Natur und darum, die Industrie und Politik zu hindern, unsere Meere als Mülleimer zu benutzen.

 

Seit 1995 kämpft Greenpeace für den Schutz der Meere und gegen die Ölindustrie. Shell hat seitdem nichts dazu gelernt. Kein verantwortungsbewusster Mensch würde seinen Abfall einfach in die Natur entsorgen, etwa sein Auto in den nächstgelegenen See versenken oder seine Autobatterie im Garten vergraben. Und trotzdem wollte Shell damals genau das tun. 

24 Jahre später sollen die vier Plattformen des Brent Ölfeldes entsorgt werden. Shell plant, riesige Teile davon im Meere zu lassen. So sollen 64 riesige Betonzellen am Meeresboden verrotten. Diese Betonzellen sind 60 Meter hoch,  20 Meter breit, haben 1 Meter dicke Betonwände und ein Fassungsvermögen von 10.000 Kubikmetern. Besonders problematisch sind 42 Stück: Diese enthalten 640.000 Kubikmeter öliges Wasser und 40.000 Kubikmeter öliges Sediment, der Ölgehalt insgesamt beträgt 11.000 Tonnen Öl.  

 

Seit einem Zeitraum von über 20 Jahren versucht Shell also Schrott und Öl in der Natur zu entsorgen, mal soll eine ganze Plattform versenkt werden, mal 11.000 Tonnen Öl im Meer bleiben.  Und die Politik, die britische Regierung, sieht zu und unterstützt das. Damals bei Brent Spar und jetzt bei der OSPAR-Sitzung (Oslo-Paris Kommission zum Schutz des Nordost-Atlantiks).

 

Lernen wir nie weiter? Was muss noch passieren, damit wir aufwachen und lernen, die Natur zu achten? Wir müssen unsere Natur schützen, sie ist unsere Lebensgrundlage. Die „Fridays for Future“ Bewegung zeigt, dass die Schulkinder, die jungen Menschen jetzt aufstehen und das Recht auf eine lebenswerte Zukunft  einfordern. Ohne Umweltschutz, Klimaschutz, Meeresschutz wird es so eine Zukunft nicht geben. 

 

Ölkonzerne wie Shell befeuern mit ihrem Geschäftsmodell die Klimaerhitzung und Meeresverschmutzung. Das ist nicht mehr tolerierbar. Shell und die Ölindustrie haben so gesehen keine Zukunft verdient.  Die Zukunft gehört stattdessen Unternehmen, die Verantwortung übernehmen, für die Erde und für unsere Zukunft.