Lufthansa-Diktat von der Tourismuswirtschaft boykottiert

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16.03.2008 12:02
Kategorie: News
Deutsche Lufthansa und Swiss starteten jüngst einen Aufruf an die Tourismusverbände, einem Vorzugspreismodell zuzustimmen. Lufthansa-Vorstand Thierry Antinori forderte die IATA-Agenturen in einem Schreiben vom 13. März auf, die Vereinbarung zur Teilnahme am "Lufthanasa und Swiss Vorzugspreisprogramm" bis zum 31. März zu unterzeichnen. Nur bei einer so frühzeitigen Unterzeichnung könne die Teilnahme vom 1. Juli an sichergestellt werden, hieß es zur Begründung. Diverse Tourismusverbände laufen nun dagegen Sturm, befürchten Wettbewerbsverzerrung, höhere Kosten zu Lasten von Reisebüros und Onlineportalen - und letztlich der Kunden.

München, März 2008 - Aus aktuellem Anlass wiederholen die sechs führenden Reisebüro-, Internet-Reisevertrieb- und Geschäftsreise-verbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Aufforderung an die gesamte Branche, die Verträge für die Teilnahme am sogenannten Vorzugspreismodell der Deutschen Lufthansa und der Swiss nicht zu unterzeichnen. In einer Konferenz mit der Vertriebsspitze der Deutschen Lufthansa und der Swiss haben die Verbände ABTA, DRV, ÖRV, SRV, VDR und VIR ihre grundsätzlichen Einwände gegen das geplante neue Preismodell der beiden Airlines vorgetragen. Die Airline-Vertreter konnten dabei die Argumente der Verbände nicht entkräften. Die Vertriebs- und die Travel Management-Seite sieht unverändert zwei herausragende Mängel des Modells:

  • Das "Vorzugspreismodell" verzerrt den Wettbewerb zwischen dem Airline-Direktvertrieb und dem Fremdvertrieb sowie zwischen den in den GDS aufgeführten Airlines.

  • Das "Vorzugspreismodell" erhöht die Prozesskosten auf Seiten der Reisebüros, TMCs und Onlineportale sowie auf Seiten der Firmenkunden in drastischer und kaufmännisch unsinniger Weise.



Die Verbände bekräftigen ihr Verständnis für das Ziel der Airlines, ihre eigenen GDS-Kosten zu senken. Sie weisen zugleich darauf hin, dass es kaufmännisch inakzeptabel und rechtlich bedenklich ist, wenn die Airlines ihre eigenen GDS-Kosten auf den Fremdvertrieb abwälzen. Nach einhelliger Meinung der sechs Verbände ist das von der Deutschen Lufthansa und der Swiss geplante Preismodell in keiner Form geeignet, um den zwingenden Anforderungen der Reisebüros, der Onlineportale, der TMCs und der Travel Manager an einen effizienten Vertrieb, an Markttransparenz und Chancengleichheit in einem freien Markt gerecht zu werden. Daher kann die geplante Tarifstruktur im Interesse der Firmenkunden und der Verbraucher nicht akzeptiert werden.

Die Verbände legen auf die Erfüllung der zwingenden Anforderungen an ein entsprechendes Modell größten Wert:

  1. Chancengleichheit im Wettbewerb zwischen Fremdvertrieb und Eigenvertrieb

  2. optimale Buchungs-, Abwicklungs- und Abrechnungs-prozesse

  3. verursachergerechte Zuordnung der Kosten



Die Verbände betonen ferner, dass die Abwälzung der von der LH kommunizierten eigenen GDS-Kosten auf den Vertrieb keine Lösung für das von der Deutschen Lufthansa und der Swiss angestrebte Ziel, die GDS-Kosten zu senken, darstellt. Wenn sich die Airlines nach eigenen Angaben einem Oligopol an GDS-Anbietern ausgesetzt sehen, so müssen sie nach Überzeugung der Verbände nach anderen Wegen suchen, um marktgerechte Preise für die GDS-Leistungen zu erzielen. Die Verbände fordern die Reisebüros, TMCs und Onlineportale auf, ihre Kunden über die Auswirkungen des "Vorzugspreismodells" auf den Wettbewerb und auf die Höhe der Gesamtkosten zu informieren. Einen Grund zur vorschnellen Unterzeichnung der von der Deutschen Lufthansa und der Swiss vorgelegten Vereinbarung für die Reisebüros, TMCs und Onlineportale sehen die Verbände nicht. Flüge der Deutschen Lufthansa bleiben auch ohne Unterzeichnung der entsprechenden Verträge im Angebot der entsprechenden Unternehmen.



Quelle: unter anderem Verband Internet Reisevertrieb e. V. (VIR)




Fachchinesisch im Klartext

IATA


Die IATA ist der Dachverband der Fluggesellschaften. Sie organisiert weltweit (ausgenommen die USA) die Abrechnung der Flugtickets, die von Reisebüros mit IATA-Lizenz ausgestellt werden. Derzeit sind es jährlich mehr als 400 Millionen Tickets, die über das IATA-System ausgestellt werden. Die IATA spricht auch bei Flugpreisen im internationalen Flugverkehr mit, vereinfacht die Abläufe im Luftfahrtgeschäft, wie zum Beispiel die Vereinheitlichung der Flugtickets und der Gepäckbeförderung. So können Passagiere bei nur einer Buchung problemlos mit mehreren Fluggesellschaften reisen, das Gepäck wird dabei "durchgecheckt" und der Fluggast muss sich nicht darum kümmern.
Website der IATA Germany: http://www.iata.org/worldwide/europe/germany



GDS-Kosten


Reisebüros verkaufen meist keine Eigenprodukte, sondern vermitteln Fremdprodukte. Sie wollen dabei eine möglichst breite Leistungspalette an Berherbergungs-, Verpflegungs- und Transportbetrieben anbieten, um den Kunden attraktive Angebote unterbreiten zu können. Das eigene Computersystem ist hierfür nicht geeignet. Ein Direktanbindung an die Leistungsträger würde aber eine Unmenge paralleler Zugriffsmöglichkeiten der verschiedensten Reisebüros erfordern: Die technische Umsetzung wäre nahezu unmöglich, Administration und Schulungsbedarf für die Mitarbeiter der Reisebüros wären immens. Deshalb wurden sogenannte "Global Distribution Systems" (GDS) gegründet, in Deutschland auch Computerreservierungssysteme (CRS) genannt. Sie halten in großen Rechenzentren Informationen über Preise, Verfügbarkeit und Buchungsmöglichkeit von Pauschalreisen, Flügen, Hotels, Mietwagen, Fähren, Kreuzfahrten, Bahnen, Bussen und vielen anderen Produkten vor. Die Reisebüros können über weitgehend einheitliche Datenmasken auf dieses Bestände zugreifen, reservieren, buchen und stornieren. Weltweit haben sich vier CRS etabliert: Amadeus, Galileo, Sabre und Worldspan.