Fischerei greift ins Erbgut ein

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23.11.2007 15:32
Kategorie: News
Selektive Jagd auf Fische als Evolutionsfaktor

Berlin (pte/23.11.2007/13:55) - Ein internationales Wissenschaftsteam hat entdeckt, dass die selektive Fischerei ein Evolutionsfaktor bei stark befischten Fischarten ist. Dieser Evolutionsfaktor ist stärker und wirkt schneller als bisher gedacht, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin Science. Dadurch drohen der Fischereiwirtschaft erhebliche Schäden, wenn zum Beispiel Fische, die die Fischerei überleben, genetisch bedingt früher geschlechtsreif werden und als Folge der früher in die Fortpflanzung investierten Energie insgesamt kleiner bleiben.

Die Konsequenzen der Fischerei-induzierten Evolution könnten auch aus biologischer Sicht relevant sein, weil sich durch die Veränderung der Körpergröße beispielsweise Nahrungsnetzbeziehungen und andere ökologische Prozesse ändern könnten, schreiben die Forscher. "Wir brauchen einen evolutionsbiologischen Ansatz für das Fischerei-Management", so Studien-Koautor Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) http://www.adaptfish.igb-berlin.de , gegenüber pressetext. Dies könne man etwa durch die Entwicklung weniger selektiver Fanggeräte, die Errichtung mariner Schutzzonen oder andere Fischschonbestimmungen möglich machen. "Das Wichtigste dabei ist allerdings, dass man vorher wissenschaftlich evaluiert, was man tut", erklärt der Forscher. "Die wesentliche Frage ist nicht, ob Fischereidruck die Evolution der Arten beeinflusst, sondern wie schnell." Man müsse nämlich auch damit rechnen, dass solche Fischerei-induzierte genetische Veränderungen womöglich unumkehrbar sind.

"Die Art und Weise, wie heute befischt wird, ist vergleichbar mit einer Zucht durch Auslese. Allerdings mit unbeabsichtigten Züchtungsergebnissen", erklärt Arlinghaus. Die kommerzielle Fischerei sei für viele Spezies weltweit die Todesursache Nummer eins geworden. "Teilweise übersteigt die Sterblichkeitsrate durch Fang die natürliche Sterblichkeit um das Vierfache. Die Folge davon ist, dass Fische schneller geschlechtsreif werden, mehr Energie in die Reproduktion investieren, im Mittel kleiner bleiben und physiologische und verhaltensbasierte Änderungen zeigen." Durch die Evolution steige auch der Anteil der "scheuen", sich eher dem Fischfang entziehenden Fische, mit ungeahnten Konsequenzen für die natürliche Reproduktion und das Anglerglück.

"Es ist nicht vollständig geklärt, ob diese Anpassungen genetisch bedingt oder alleine ein Ausdruck der Veränderung von Nahrungs- und anderen Umweltbedingungen sind. Die Fischerei-induzierte Evolution gilt aber in vielen Fällen als die plausibelste Erklärung der beobachteten Veränderungen", erklärt der Wissenschaftler. Das bedeute, dass es sich nicht nur um ein interessantes wissenschaftliches Phänomen handle, sondern um eine ernstzunehmende Bedrohung für die Fischbestände und die Fischereiwirtschaft.

Die Wissenschaftler sehen die einzige Lösung darin, das Management der globalen Fischbestände nach einem evolutionsbiologischen Ansatz aufzubauen. "Das würde zunächst einmal helfen, besonders empfindliche Bestände zu identifizieren", erklärt Arlinghaus. Es sei klar, dass die globalen Fischbestände am Limit sind. Ein Drittel der Bestände gelte als kritisch. "Die Überkapitalisierung der Fischerei hat daran Mitschuld. Besonders kritisch sind die Bestände der Raubfische wie Tun und Dorsch." Jene Arten, die geringe Reproduktionsraten und späte Geschlechtsreife haben, wären besonders betroffen.

Es sei wichtig festzustellen, welche Veränderungen der Fischereidruck genau hervorrufe und welchen Einfluss sie auf den Wert der Fischbestände für die Fischereiwirtschaft und auch die hobbymäßige Angelfischerei haben. "Mittels populationsdynamischer Modelle könnte man dann Szenarien berechnen, mit welchen Managementinstrumenten der Fischerei-induzierten Evolution Einhalt geboten werden könnte", erklärt der Forscher. Das wiederum könne dazu beitragen, die Fischbestände so zu verwalten, dass sie langfristig mit hohem Ertrag für den Menschen genutzt werden können.

"Derzeit sei es so, dass gerade jene Individuen, die die natürlichen Gefahren schadlos überstanden haben und als Folge groß und fruchtbar geworden sind, am Haken oder im Fischernetz landen", erklärt Arlinghaus. Das habe schwer prognostizierbare Konsequenzen für die langfristige Entwicklung und den Erhalt natürlicher Fischbestände. "Momentan heißt es in vielen befischten Beständen nicht `die von Natur aus Fittesten leben länger`, sondern ,die Fittesten sterben eher", meint der Forscher abschließend.

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Wolfgang Weitlaner