Exotensuche im Krabbennetz

Teile:
26.03.2012 15:19
Kategorie: News

Krabbenfischer helfen Biologen beim Monitoring seltener Fischarten

Für den Beifang in seinen Netzen hat sich Krabbenfischer Uwe Abken bisher wenig interessiert. Seit kurzem aber schaut der Fischer aus dem ostfriesischen Neuharlingersiel genauer hin. Im Auftrag des Biologen Kai Wätjen vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft führen der Fischer und sein Decksmann Protokoll darüber, welche Nordsee-Exoten und seltenen Wanderfische sich in ihren Krabbennetzen verfangen. Ein Projekt mit Vorzeigecharakter, denn von den Ergebnissen profitieren Fischer, Wissenschaftler und die Umwelt.

Hat der Fisch einen winzigen Fleck hinter den Kiemen oder fehlt der Punkt? Auf den feinen Unterschied wird es ankommen, wenn Krabbenfischer Uwe Abken aus dem ostfriesischen Neuharlingersiel ab Ende März wieder mit seinem Kutter POLARIS zum Krabbenfang auf die Nordsee hinausfährt. Denn Abken und sein Decksmann Daniel Ahrens haben sich bereiterklärt, den Inhalt ihrer Netze nach seltenen Fischarten zu durchsuchen. Die Anfrage dazu kam von Kai Wätjen, Biologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft. Er beteiligt sich gemeinsam mit dem Verband der kleinen Hochsee- und Küstenfischerei im Landesfischereiverband Weser-Ems an dem EU-Projekt GAP 2 (www.gap2.eu). Dessen Ziel lautet, Fischer und Wissenschaft zusammenzubringen, um gemeinsam eine nachhaltige Fischereistrategie zu entwickeln. Aus diesem Grund ist Kai Wätjen bereits im Herbst des vergangenen Jahres mehrere Male mit Uwe Abken und einem weiteren Krabbenfischer hinausgefahren. Er wollte ihren Alltag kennenlernen, um anschließend ein Monitoring-Programm zu entwickeln, das passgenau auf den Arbeitsrhythmus der Fischer zugeschnitten ist.

Auf der Protokollliste, die Kai Wätjen für die Krabbenfischer entworfen hat, stehen jetzt 15 Artennamen: darunter Rote-Liste-Größen wie Lachs und Meerforelle, aber auch die weniger bekannten Vertreter der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie wie die Alse, Neunaugen oder die Finte - jener heringsähnlichen Art, die sich durch den kleinen Kiemenpunkt verrät. „Die Fische sehen sich zum Teil sehr ähnlich, da muss selbst ein Fachmann genau hinschauen“, sagt Kai Wätjen. Um den Fischern im Zweifelsfall helfen zu können, hat der Biologe Bestimmungskarten erstellt und jeder Kuttercrew eine Fotokamera mit Zeitstempel und GPS-Funktion übergeben. Mit ihr sollen die Fischer seltene oder besondere Fänge schnell und unkompliziert dokumentieren können.

Der Biologe verspricht sich von der Zusammenarbeit mit den Krabbenfischern vor allem eines: „Um die Fischbestände dieser seltenen Arten im Wattenmeer realistisch einschätzen zu können, brauchen wir Wissenschaftler mehr Daten. Die Fischer fahren von März bis Dezember nahezu täglich hinaus. Wenn es ihnen gelänge, die Wanderfischarten und Exoten im Beifang zu dokumentieren, ließe sich mit wenig Aufwand ein riesiges Meeresgebiet abdecken“, erklärt Kai Wätjen.

Der Wissenschaftler setzt jedoch nicht nur auf die wachsamen Augen, Fotos und Fangprotokolle der Fischer. Wann immer Uwe Abken die Netze auswirft, springt ein Datenlogger an, der an der Baumkurre des Krabbennetzes angebracht ist. „Er misst bei jedem ‚Hol‘ die Tiefe, die Wassertemperatur und den Salzgehalt, sodass ich später rekonstruieren kann, welche Fischart bei welchen Wasserbedingungen gefangen wurde“, sagt der Biologe. Bei einer erfolgreichen Umsetzung der Methode könnte diese später im Monitoring zur europäischen Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) angewendet werden.

Für die Fischer macht die Zusammenarbeit ebenfalls Sinn. So nehmen sie bei nahezu jeder Ausfahrt eine Probe von rund 400 Krabben. Die Tiere werden später im Labor vermessen und auf die Schwarzfleckenkrankheit untersuchen. Kai Wätjen: „Wir wollen zum einen wissen, wie weit die Krankheit verbreitet ist. Zum anderen versuchen wir herauszufinden, zu welcher Zeit sich wo im Fanggebiet die großen Krabben aufhalten und wie die Tiere auf Veränderungen der Wassertemperatur reagieren.“ Ein zweiter Vorteil der Begleitforschung: Sie könnte die Zertifizierung der Wattenmeer-Krabbenfischerei nach dem Standard des Marine Stewardship Council (MSC) voranbringen.

Bei den ersten Testläufen im vergangenen Herbst gingen den Krabbenfischern vor allem kleine Finten und vereinzelte Flussneunaugen ins Netz. Jetzt im Frühling, wenn die Sonne das Wattenmeer erwärmt, dürfte jedoch die Chance steigen, auch wärmeliebende Einwanderer wie die Streifenbarbe, die Sardine und den Ährenfisch nachzuweisen. „Vielleicht sehen wir auch mal selten gewordene Arten wie die Große Schlangennadel, das Petermännchen oder Nagel- und Stechrochen“, sagt Kai Wätjen. Letztere waren früher häufig im Wattenmeer anzutreffen.

Fotos: Sina Löschke, Alfred-Wegener-Institut