Der Ostsee-Schweinswal im Todesnetz

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11.03.2008 18:39
Kategorie: News
Die Umweltverbände drängen auf die schnelle Einführung einer Wal-freundlichen Fischereipraxis. In einer gemeinsamen Presseerklärung fordern BUND Mecklenburg-Vorpommern, die Gesellschaft zur Rettung der Delphine e. V. und die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere e. V. den sofortigen und vollständigen Ersatz der todbringenden Grundstellnetze durch die Einführung einer schweinswalfreundlichen Fischerei-Praxis.

Schwerin, München, Quickborn, März 2008 – Die Gefährdung des Ostsee-Schweinswals durch Stellnetz-Fischerei ist auch weiterhin zu hoch, die Mehrzahl der Netze hat keine akustischen Warnsignale! Umweltverbände halten die bislang eingeleiteten Maßnahmen zum Schutz des Schweinswals in der Ostsee für unzureichend. Nur ein sehr geringer Teil der Fangflotte in Mecklenburg-Vorpommern wird derzeit auf schweinswalfreundlichere Fischfangmethoden umgestellt, sagen der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Mecklenburg-Vorpommern, die Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) und die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger (GSM) in einer gemeinsamen Erklärung.


Ostseeschweinswale - eine der am stärksten gefährdeten Populationen
Besorgniserregend sind in jüngster Zeit die Funde toter Schweinswale an der Ostseeküste, ihre Zahl hat sich gegenüber den Werten der letzten zehn Jahre verdreifacht! Fast 60 tote Tiere wurden im Laufe des Jahre 2007 an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns registriert. Diese Zahlen sind erschreckend, denn sie liegen deutlich über der natürlichen Vermehrungsrate. Von der östlichen Unterart des Ostseeschweinswals gibt es nur noch 200 bis 600 Tiere. Damit gehört sie zu den in Europa am stärksten gefährdeten Kleinwal-Populationen.

Fischerei mit Grudnstellnetzen ist Hauptschuldiger


Der Hauptgefährdungsfaktor für den Schweinswal ist die Fischerei mit Grundstellnetzen, in denen die Kleinwale regelmäßig ertrinken. Um diese Gefahr zu reduzieren, können an die Netze so genannte Pinger, akustische Abschreckungsgeräte, angebracht werden. Die Anbringung derartiger Pinger ist nach einer EU-Verordnung aus dem Jahr 2004 allerdings nur für Fischkutter ab 12 m Länge vorgeschrieben. "Kleinere Boote bringen zwar die gleichen Netze aus wie größere Boote, doch die zugrunde liegende EU-Verordnung ist stark Fischerei-freundlich ausgerichtet und widerspricht völlig dem heutigen Wissensstand zum Thema Schweinswal-Schutz", sagt Ursula Karlowski, Vorstandsmitglied des BUND Mecklenburg-Vorpommern. "Die umfangreichen Schutzbestimmungen für den Kleinwal in unserer Ostsee laufen dadurch ins Leere!"

Entsprechend der EU-Verordnung müssen auch in Mecklenburg-Vorpommern bereits seit Januar 2007 Pinger an den Stellnetzen der größeren Boote angebracht werden. Laut Pressemitteilung des Umweltministeriums vom 25.02.2008 geschieht dies erst jetzt, über ein Jahr später.

In Mecklenburg-Vorpommern besitzen laut Aussage des Ministers für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Till Backhaus maximal 35 Fischkutter eine Länge von über 12 Meter. Die große Mehrzahl der Fischereifahrzeuge wird daher nicht von der Regelung erfasst: 850 Boote dürfen weiterhin ihre Stellnetze ohne jede Schutzvorkehrung für Schweinswale ausbringen.


Es ist kurz vor Zwölf


"Wenn nur einige Netze mit Pingern ausgerüstet werden, können die Tiere von den Geräuschen geradezu in die Pinger-freien Netze getrieben werden", warnt der Meeresbiologe Sven Koschinski von der Gesellschaft zur Rettung der Delphine. Die Umwelt- und Naturschutzverbände BUND, GRD und GSM fordern den sofortigen und vollständigen Ersatz der todbringenden Grundstellnetze durch die Einführung einer schweinswalfreundlichen Fischerei-Praxis. Dazu zählen Langleinen, Fischfallen und Kammer-Reusen. "Beim Einsatz von Kammer-Reusen können in die Netze geratene Kleinwale zum Atmen an die Oberfläche kommen und von den Fischern lebend in die Freiheit entlassen werden", sagt Koschinski. "Diese Fischereiform ist in Dänemark üblich. Ein Nebeneffekt ist, dass Wissenschaftler an versehentlich gefangenen Walen sogar noch Sender anbringen können, um so genauere Daten zu ihrem Verhalten zu bekommen."


Kontakt:
Dipl.-Biologe Sven Koschinski, Tel. +49 4526 381716
Dipl.-Biologe Dr. Ursula Karlowski, Tel. +49 381 3758444



Quelle: Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V.