Bombenalarm am Starnberger See

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21.09.2008 17:31
Kategorie: News

Der Torpedo im Starnberger See

Starnberg: Am vergangenen Mittwochabend gegen 19.30 Uhr sprengten Spezialisten einen Torpedokopf im Starnberger See. DiveInside hat mit dem Finder des Torpedos - Lino von Gartzen - gesprochen. Hier die ausführliche Geschichte über den Fund, die Identifizierung (siehe auch Hintergründe zum Torpedo) und die spätere Sprengung.

Torpedo im Starnberger See
Torpedofund im Starnberger See
(Klick zum Vergössern) © Lino von Gartzen

Bei einer Leichenbergung im Frühjahr 2003 fiel mir in Nähe der Bergestelle ein großer, zylindrischer Gegenstand in einer Tiefe von etwa 25 Metern auf. Bei einem weiteren Tauchgang hatte ich dann davon einige Photos gemacht. Die Sichtverhältnisse waren nicht besonders gut und der von mir auf 2 m Länge und 50 cm im Durchmesser geschätzte "Gegenstand" war stark sedimentiert. Trotzdem waren einige brauchbare Details auf den Photos zu erkennen. Aufgrund der mechanisch aufwendigen Fertigung und anderer Besonderheiten war eine "klassische" Bombe oder Luftmine auszuschließen, zudem waren Reste einer roten Lackierung und so etwas wie ein Typenschild zu erkennen. Für einen Abwurftank eines Flugzeugs war er zu massiv gearbeitet, auch die Form war anders.
Die Bilder zeigten Details, die dafür sprachen, das das "Ding" etwas mit druckdichten Verbindungen zu tun haben müsste,  meine ersten Vermutung ging deshalb damals in die Richtung Gastank oder alter Druckkessel. Die Bilder landeten in einem "WasAuchImmer" Ordner.

Wer öfter in den Bayrischen Seen in der Nähe von bewohnten Gebieten taucht, weiß, wie viel an verschiedenstem Schrott aus den letzten Jahrhunderten im See versenkt wurde. Seeschlachten wurden dagegen auf dem Starnberger See niemals ausgefochten; der erste Verdacht, es könnte sich um den Teil eines Torpedos, präziser den Gefechtskopf handeln, kam erst im Sommer dieses Jahres auf. Bei einem Gespräch mit Oliver Meise (einem befreundeten Taucher und Forscher), der sich auf Marine Historik spezialisiert hat, tauschten wir uns über unsere aktuellen und alten Forschungsprojekte aus. Ich hatte ihm dabei auch von der Leichenbergung und in diesem Zusammenhang auch von dem seltsamen, unbekannten Fund erzählt. Nachdem ich ihm einige Details beschrieben hatte, kam die Antwort: Vielleicht ist es ja ein Segment eines Torpedos, diese haben eine ähnliche Form und einen Durchmesser von 53 cm. Auch die Details, die auf druckdichte Verbindungen hindeuteten, wärensomit geklärt. Oliver schickte mir darauf technische Zeichnungen. Tatsächlich, viele Details konnten im Abgleich mit den Photos den Verdacht erhärten: Wie auch immer das in den Wirren des 2. Weltkriegs geschehen sein mag, ein Torpedoteil hat sich in den Starnberger See verirrt. Die rote Farbe würde auf einen vermutlich ungefährlichen Übungstorpedo hinweisen, von Tests im Starnberger See war aber nichts bekannt. Ein scharfer Torpedo dieses Typs könnte in seinem Gefechtskopf jedoch bis zu 300 kg Sprengstoff haben und diese Sprengkraft stellt natürlich eine gewisse Bedrohung dar. Die Gefährdung bestand aus meiner Sicht weniger für Taucher, da diese Stelle normalerweise sonst nie betaucht wird, ankernde Yachten könnten aber eventuell eine Explosion auslösen, die ursprünglich dazu bestimmt war, große Fracht- oder Kriegsschiffe zu versenken.

Schild am Torpedo
Ein nicht lesbares Typenschild am Torpedo
(Klick zum Vergrößern) - © Lino von Gartzen

Ich habe daraufhin den Fund und den "Torpedoverdacht" bei der Polizei gemeldet, und meine Photos zur Prüfung überlassen. Die Aufnahmen waren vor 5 Jahren bei schlechten Sichtverhältnissen entstanden, und der Gefechtskopf stark sedimentiert. Die Photos zeigen die offene Rückwand des Torpedosegments, und Details der Oberseite. Die erste Einschätzung der Behörden anhand meiner Photos stimmte mit meiner ersten Einschätzung von 2003 überein. Trotzdem bat mich der Polizeichef von Starnberg, gemeinsam mit dem Boot der Wasserschutzpolizei zur Fundstelle zu fahren und diese mit GPS einzumessen, um den Fund gegebenenfalls später weiter untersuchen zu lassen. Bei diesem Tauchgang haben wir nach 30 Minuten Suche die Stelle wiedergefunden. Zuerst wurden aus sicherer Entfernung bei diesmal besseren Sichtverhältnissen Photos und Videoaufnahmen gemacht. Durch die Ausleuchtung mit mehreren Lampen konnte der Gefechtskopf diesmal im Ganzen aufgenommen werden.

Setzen der Markierungsboje - 

Torpedo im Starnberger See
Setzen der Markierungsboje
(Klick zum Vergrößern) - © Marcus Thier

Auf diesen Bildern war folgendes zu erkennen: Der Fund hat eine abgerundete Spitze an seinem anderen Ende. Nach den Aufnahmen habe ich mit dem Reel und einer Dekoboje unsere Position an die Wasserschutzpolizei im Boot "übermittelt". Kopien des dabei entstandenen Photo und Videomaterials wurden der Polizei übergeben und erneut begutachtet. Dieses Material in Kombination mit den Detailphotos aus 2003 war eindeutig! Es ist ein Torpedo. Nach Einschätzung der Behörden könne es sich um einen Übungskopf mit einer Ladung von 20 kg Sprengstoff handeln.
Ob er nun ungefährlich, nur "Übungs-scharf" (20 kg) oder Gefechtsklar (300 kg) war, konnte aber nicht mit Sicherheit bestimmt werden, daher wurde beschlossen, den Torpedo aus Sicherheitsgründen unschädlich zu machen. Dies bedeutete in diesem Fall eine aufwendige Sprengung vor Ort und Unterwasser. Der Termin dazu wurde für den Mittwoch, 17.09.2008 festgelegt und ich wurde nachdrücklich gebeten, in den Tagen bis zur erfolgreichen Sprengung keine Informationen zu publizieren.

Sprengaktion am Starnberger See - 

Torpedo
Die Aktion "Torpedo" läuft an...
(Klick zum Vergrössern) - © Lino von Gartzen

Am Mittwochmorgen wurde dann der gesamte Bereich nördlich der Roseninsel für die Schiffart gesperrt, Tauchen und Baden in diesem Bereich verboten. 200 Polizisten sperrten die öffentlich zugängigen Stege und Badegebiete. Wasserwacht, DLRG und ein Hubschrauber sicherten den See. Die Arbeiten begannen am morgen, doch konnten die zur Suche und Anbringung der Sprengladung eingesetzten Taucher bis zum Mittag den Torpedo nicht finden. Aus rechtlichen Gründen konnten diese Aufgaben nur durch spezielle Arbeitstaucher ausgeführt werden, die Erfahrung mit militärischem Gerät und Sprengstoff haben.Diese Taucher hatten aber den Nachteil ihrer Arbeitstauchausrüstung: Schlauchgebunden und mit Helm. Das bedeutet in der Praxis im Starnberger See: Statt wie ein "Sporttaucher" 2-3 Meter über dem Grund zu tauchen um ohne Sediment aufzuwirbeln großflächig suchen zu können, "läuft" man mit dieser Ausrüstung mit seiner Schlauchversorgung durch den weichen Grund, begleitet von einer riesigen Sedimentwolke.  Auf diese Weise kann man mehrmals 1 Meter neben dem Torpedo vorbeilaufen, ohne diesen dabei zu bemerken, die Suche könnte also noch lange dauern.

Die Sprengung war aber für 15:00h, die Pressekonferenz für 17:00h geplant, und ich wurde von der Einsatzleitung gebeten, die Taucher vor Ort zu unterstützen, allerdings nur Überwasser vom Boot aus. Der Seegrund ist an dieser Stelle sehr eben und einheitlich, in der näheren Umgebung des Torpedos  gab es neben der Tiefe nur zwei unscheinbare Orientierungshilfen. Über die Sprechverbindung hatte ich dann versucht, bei einem Tauchgang den Taucher anhand dieser Punkte und seiner Beschreibung der gesichteten Gegenstände zum Fundort zu leiten.
Wassersäule bei Sprengung 

- Starnberger See
Die 15m hohe Wassersäule bei der Sprengung
(Klick zum Vergrössern) - © Lino von Gartzen

Bis zu Beginn der Pressekonferenz, sah es so aus, als wäre der Einsatz gescheitert,der Torpedo war immer noch nicht gefunden. Ich verließ in Berg das Polizeiboot und wollte mich gerade entfernen, um eine Pressekonferenz mit diesem negativen Ergebnis nicht miterleben zu müssen. Dann kam endlich die für die Einsatzleitung und alle Beteiligten erlösende Nachricht: Er wurde nun endlich gefunden und eine Ladung mit 7,5 kg Explosivstoff wurde am Torpedo angebracht. Die Sprengung wurde nach einer weiteren Verschiebung für 19:30h angekündigt. Unter diesen Bedingungen musste ich natürlich dann doch noch am See bleiben.Gegen 19:35h war es dann soweit: Das Polizeiboot ging auf Abstand, der Hubschrauber sicherte wieder den See. Erst wurden einige kleine Sprengungen ausgelöst, um möglichst viele Fische zu vertreiben. Dann folgte die eigentliche Explosion. Der Steg wackelt im 1,5 km entfernten Berg am Ostufer, eine Wassersäule steigt ca. 15m hoch aus dem See.

Bei der eingesetzten Menge von 7,5 kg Sprengstoff und dieser Wassertiefe war gar keine sichtbare Wassersäule erwartet worden. Aufgrund der Höhe der Wassersäule wird daher angenommen, dass der Torpedogefechtskopf scharf war und mit mindestens 20 kg Explosivstoff gefüllt war. Dies wurde mir heute auch von anderer Seite bestätigt, die Sprengkraft könnte demnach sogar noch deutlich höher gewesen sein.

Die Meldung des Fundes aufgrund eines fundierten Verdachtes und die daraufhin von den Behörden eingeleiteten umfangreichen Maßnahmen wie die Sperrung des Sees und die Sprengung des Torpedos waren aus meiner Sicht aufgrund der potentiellen Gefahr mehr als gerechtfertigt. Das war das Ende der Torpedos, wie er aber überhaupt in den See gekommen sein mag, bleibt vorläufig ungeklärt.