Bauboom und Riffzerstörung

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23.11.2005 21:39
Kategorie: News
In Südägypten werden Riffe ausgebaggert, riesige Hotelanlagen entstehen - der Naturschutz bleibt auf der Strecke.

Südlich von Safaga gibt es in Ägypten 34 Marsas - Naturbuchten, die in tausenden von Jahren durch Trockenflüsse (Wadis) als Durchbrüche des Saumriffs entstanden sind. Nur sie bieten sichere Häfen für Tauchboote und artenreiche Riffe. Die gesamte Südküste ist von der ägyptischen Regierung vor einigen Jahren Investoren angeboten worden, um den Tourismus anzukurbeln.

Den Bauboom in Sharm el Sheikh und Hurghada vor Augen griffen viele Bauunternehmer zu. Leider wurden und werden Hotels an völlig ungeeigneten Plätzen ohne Zugang zum Meer errichtet. So entstanden Hotels wie zum Beispiel das Flamenco oder das Kahramana an breiten Saumriffen ohne Bade- und Tauchmöglichkeiten (wie Hausriff). Letztes Jahr wurde neben dem Kahramana Hotel mit einem neuen 400-Betten-Projekt begonnen. Dieses Hotel Habiba gehört auch dem Ägypter Ahmed Balbaa. Beide Hotels liegen über 200 Meter vom Saumriff entfernt. Das Riff- dach hat bei Hochwasser höchstens einen halben Meter Wasser - ungeeignet für Schwimmer. Also wurde vor vier Jahren ein 200 Meter langer Steg vor dem Kahramana Hotel zum Saumriff gebaut. Nur hat man vergessen, dass Gäste das Meer mit seinen hohen Wellen kaum verlassen können - bei häufigen Nordwinden mit Stärken von 5-7 kein Wunder!

Rückblick: Am 3. August 2005 sollen innerhalb von zwei Tagen alle Probleme gelöst werden. Bagger, Bohrer und Bautrupps rücken an. Vor dem neuen Habiba Hotel wird ein 50 Meter breites und 120 Meter langes Rechteck aus dem Riffdach gesprengt und ausgebaggert. Etwa 6000 Quadratmeter des Riffdachs fallen der Bauwut zum Opfer - ein ökologisches Desaster. Es fehlen nur noch 100 Meter zum Saumriff, dann ist das künstliche Bade- und Hafenparadies realisiert. Zusätzlich werden Strandaufschüttungen durchgeführt. Durch Zufall werden die Behörden auf diese nicht geneh- migte Bauaktion aufmerksam. Nationalpark-Ranger und Küstenwache stoppen den Bau – vorläufig. Danach beginnt ein Kompetenzgerangel zwischen Tourismusministerium, dem Gouverneur in Hurghada, Nationalparkbehörden und dem Investor. Von einer Strafe von einer Million ägyptischen Pfund (= 140 000 Euro) ist die Rede. Die neue, künstliche Lagune liegt 1,5 Kilometer von der Marsa Shagra und der Ecolodge mit der Red-Sea-Diving- Safari-Tauchbasis entfernt. Ihr Besitzer Hossam Helmy leitet auch die Pioneer-Tauchbasis im Kahramana Hotel. Sollte der Durchbruch zum Saumriff noch gelingen, werden die Korallengärten der nahen Saumriffe und die artenreiche Shagra- Bucht mit Sicherheit von Sedimenten stark beeinflusst und teilweise zerstört. Dies ist dem erfahrenen Taucher Hossam Helmy bewusst. Nur welche Chancen hat ein ökologisch denkender Kleininvestor gegen einen Großinvestor in Ägypten?


Neue Projekte in Südägypten

Auch ein zweites Bauprojekt von Ahmed Balbaa wurde jetzt bekannt: Die Abu-Dabab- Bucht - lange ein sicherer Platz für Dugongs - wird mit einem Hotel umbaut. Der Zugang zur Bucht ist heute nur gegen fünf Dollar Eintritt möglich. Natürlich ist die Bebauung von Buchten sinnvoll - jedoch: Wo sollen die vielen Taucher noch Tauchplätze finden? Die nahen Fleckriffe sind vielfach stark von Dornenkronen zerstört, am bekannten Elphinstone Reef tummeln sich im Herbst und Frühling täglich bis zu 20 Tauchboote. Alle wollen die (angefütterten) Longimanus-Haie sehen. Hier wird das Dilemma deutlich, vor dem Südägyptens Tauchtourismus steht: Der Kontinentalschelfgürtel ist schmal, und es gibt relativ wenig Inseln beziehungsweise küstenferne Riffe.

Was soll man von neuen Projekten halten wie in der Tondoba Bay, wo Verträge von Kleininvestoren für ungültig erklärt werden und Bettenburgen mit Tausenden von Zimmern errichtet werden sollen? Natürlich soll und muss das Entwicklungsland Ägypten mit Hilfe von Tourismus Arbeitsplätze schaffen. Nur wo bleibt eine sinnvolle, nachhaltige Planung? Erleben wir bald im Süden Zustände wie in Hurghada vor 20 Jahren? Quo vadis Naturschutz in Ägypten?

Ewald Lieske, Autor vom "Korallenriff-Führer Rotes Meer"