Ausbilden. Abkassieren. Abtauchen.

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18.09.2012 16:25
Kategorie: News

Wo zum Teufel steckt PADI?

Unterwasser - Magazin - Oktober 2012
Die Oktober-Ausgabe von 'Unterwasser'

Heinz D. Ritter, Herausgeber der Zeitschrift Unterwasser, hat in der aktuellen Ausgabe des Magazins (Oktober 2012) deutliche Worte zu PADI Europe formuliert. Auch aus dem Umkreis der Tauchschulen im Verwaltungsbereich der europäischen PADI Zentrale hört man wenig begeisterte Worte. Was ist da los in der neuen Zentrale?

Ausbilden. Abkassieren. Abtauchen.

Seit die Chefetage von PADI Europe in England thront, herrscht beim einstigen Vorzeige-Ausbilder Funk- und Aktionsstille. Jedenfalls für den deutschsprachigen Raum. Und das in einer Zeit, in der der Tauchsport Ideen und Impulse bitter nötig hätte.

Von Heinz D. Ritter, Herausgeber Unterwasser

Was ist los bei PADI? Seit Monaten versuche ich, einen handlungsbefugten Gesprächspartner an den Tisch zu bekommen. Ohne Erfolg. In Hettlingen, in der Schweiz, der einstigen Zentrale von PADI Europe, verwaltet ein verbliebenes Team die (Übergangs?)-Geschäfte für Deutschland – ohne Entscheidungskompetenz. Man hält die Gelddruckmaschine, das Zertifizierungs-System am Laufen. Die unzähligen Geister (Tauchlehrer), die man ausgebildet hat, schaffen und bilden weiter aus ...  obwohl von PADI in der Öffentlichkeit nichts mehr zu sehen ist – keine Veranstaltung, kein Event, keine Aktionen.

Dabei gäbe es viel zu tun, um den unsäglichen Trend im Tauchsport – vom Ganzjahreshobby hin zu einer gelegentlichen Urlaubsaktivität – entgegen zu wirken.

In solchen Zeiten erwarte ich Engagement, Ideen und Impulse von einem (ehemaligen?) Marktführer. Doch scheinbar interessiert keinem bei PADI diese Verantwortung.

Aber vielleicht war das schon immer so? Haben uns der Erfolg der Firma und die hohen Ausbildungszahlen geblendet? Nein, nicht wirklich. Kritische Gedanken über das System hatte ich schon immer (siehe Kasten unten).

Gott sei Dank gibt es hierzulande noch anders handelnde – und vor allen Dingen weiterdenkende Tauchsport-Verbände. Danke, SSI, für eine vorbildliche Ausbildungs- und Gemeinschaftspolitik. Die Divetrophy ist ein exzellentes Beispiel dafür. Danke, VDST, dass Ihr nie Eure soziale Aufgabe aus den Augen verloren habt. Heute bin ich von den kleinen Tauchvereinen und lokalen Gruppen begeistert – das war nicht immer so – Asche auf mein Haupt.

Nachgedanken März 1995 (leicht gekürzt)

Kartenspieler

Sagen Sie bloß, Sie besitzen nur Ihr altes Tauchzertifikat, so eins aus Papier? Unglaublich! Und damit trauen Sie sich ins Wasser?! Ach, Sie haben erst kürzlich an einem Advance-Kurs teilgenommen? Na Gott sei Dank, ich dachte schon ... Und jetzt sind Sie stolz auf Ihre Zwei-Mohrenköpfe-Plastikkarte für die Brieftasche.  Okay, das mag ja ausreichen, um in Ihrem Provinzclub ein Pils gezapft zu bekommen, doch in der überregionalen Tauchszene müssen Sie mehr aus der Tasche ziehen.

Vielleicht haben Sie es ja noch nicht bemerkt, als Taucher blättert man(n/frau) heute mehr als nur eine Diver-Card auf den Basistresen. Obligat sind dabei Openwater-, Advanced-, Sterne- oder Master- und Assi-Cards neben Nacht-, Tief-, Orientierungs-, Foto-/Video-, Bergsee-, Schatz-, Strömung-, Rescue- und Kann-seine-Unterhose-alleine-anziehen-Card, etc. Und alle natürlich in der Abstufung Blei, Silber, Gold, je nachdem, ob Sie bereits fünf oder gar schon 25 Tauchgänge haben.

So, so, Sie haben alle Karten inklusive der goldenen Member Card – na dann haben Sie Pech gehabt – ich habe eine aus Platin. Das Leben in der Schicki-Micki-Tauchszene ist hart.

Vielleicht fragen Sie sich nun, was das ganze Geschwätz soll und was das alles mit Tauchen zu tun hat. Dann sind wir einer Meinung, denn das frage ich mich schon lange. Das einzige Betätigungsfeld einiger Tauchverbände scheint nur noch im Ausstellen und Abkassieren von Zertifikaten zu liegen. Obwohl ich kein grundsätzlicher Gegner von Verbänden bin, bemerke ich in den letzten Jahren (ja, das war mal anders) kaum sinnvolle Aktionen, selten mal ein anderes Lebenszeichen als beharrliches Schweigen, ein aus- dem-Weg-gehen aller Diskussionen und müde Umwelt-Engagements.

Worin liegt eigentlich der Sinn dieser Karten, was bestätigen sie? Fragen Sie doch mal einen Basisleiter fernab der Heimat, was er von dem Kartenspiel hält, wie er Ihr taucherisches Können damit einschätzt.

Versteht er sein Geschäft, wird er Sie trotz Master-Card beim ersten Tauchgang erst mal stramm stehen lassen. Hält er’s lockerer, wird er Sie im Auge behalten. Ist er nachlässig, dürfen Sie sofort alleine lostauchen. Doch dann hätten Sie sich die Show mit den Karten sparen können. Originalton: »Was glaubst du, welche Pfeifen mir schon Goldkarten vorgelegt haben, und beim ersten Tauchgang wären sie mir fast abgesoffen ...«

Daraufhin habe ich verschämt meine Kärtchen verbunkert. Heute reise ich mit einer Anfängerkarte und mache brav meinen Checktauchgang.

Bleibt die Frage, was der ganze Zinnober mit den Karten soll, wenn keiner etwas damit anfangen kann, außer dass er sich lächerlich macht und andere sich eine goldene Nase damit verdienen. Was aber nicht heißt, dass Sie sich nicht mehr weiterbilden sollten.

Verdienen die Verbände denn an den Karten oder an den Kursen? Wer die Politik einiger Verbände kennt, die die Tauchlehrerausbildung forcieren, um noch mehr Taucher ausgebildet zu bekommen, weiß die Antwort: Die Kurspreise purzeln wegen des erhöhten Angebots in die Tiefe und kaum eine Tauchschule kann mit der Ausbildung einen Kanten Brot verdienen. Ergo, verdienen die Verbände an den Karten und am Lehrmaterial.

Hey, haben Sie das kapiert? Diese Verbände sind nichts anderes als Drucksachen-Dealer, und wir erwarten von Druckern blauäugig Interessensvertretung in Sachen Tauchen? Morgen lassen uns die mit bunten Halskrausen herumlaufen, wenn damit Geld zu verdienen ist. Und wir dumm genug sind zu glauben, Taucher brauchen das – wie die vielen bunten Plastikkarten. Ohne mich, und hoffentlich auch ohne Sie.



Danke an Heinz D. Ritter für die Genehmigung des Abdrucks aus der neuen „Unterwasser – Oktober 2012“.