Ägypten: Der Reisehinweis des Auswärtigen Amtes

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25.09.2013 17:00
Kategorie: News
Taucher.Net-Kommentar

Ende gut, alles gut?

Rotes Meer - © Jürg Wülser
Rotes Meer: Urlauber können wieder kommen

Ägypten-Tourismus: Das Auswärtige Amt lenkt ein, die TUI wieder an Bord. Das Rumgeeiere hat ein Ende. Nun wird wieder Geschäft gemacht...

Hurra! Ägypten ist jetzt endlich wieder sicher und auch der letzten Zauderer, die TUI, hat heute früh erklärt, dass man nun wieder das Ägypten-Programm aufnehmen werde. Und zwar „ab sofort“. Aber warum ist das plötzlich so? Vielleicht weil die Muslimbrüder offiziell verboten wurden...??? Ein Narr, wer das glaubt! Oder vielleicht doch, weil die Herbstferien gefährlich nahe kommen und das Auswärtige Amt mit seiner Gefährdungseinstufung drohte, ganz alleine da zu stehen? Hmm... das kommt der Sache vielleicht schon näher...

Dass das Außenministerium Behörden unterhält, die, sagen wir mal so, den Dienst am Bürger nicht gerade in das Zentrum ihrer Aktivitäten stellen, konnten wir ja schon den Ergebnissen des Service-Test des Reiseportals „Ab-in-den-Urlaub“ bei 100 Deutschen Botschaften entnehmen (wir berichteten: Passverlust im Ausland).

Doch warum sollte es uns Journalisten anders ergehen, als dem in Not geratenen Bürger, der im Ausland seinen Pass verloren hat? Wir hatten auch einen Notstand! Einen Erklärungsnotstand euch, unseren Usern gegenüber. Denn wir vermochten es nicht hinzubekommen, euch schlüssig und nachvollziehbar zu erklären, warum SunExpress fliegt, AirBerlin und Condor aber nicht. Condor nun wieder fliegen will und DER-Touristik auch wieder loslegt (siehe auch die aktuellen Ergänzungen bei "Meldungen zu Veranstaltern").  Und warum die TUI alles ganz anders handhabt, als die anderen. Und schon gar nicht, warum das Auswärtige Amt mit Hinweisen herumeiert, die niemand versteht. Und all das, obwohl sie alle die Situation vor Ort in den Ferienregionen am Roten Meer beobachtet und analysiert hatten und dabei herausgekommen war: Völlig ruhig!

Unseren Erklärungsnotstand versuchten wir mit klar formulierten Fragen an die TUI und an das Auswärtige Amt (AA) aufzulösen. Immerhin: Der TUI muss man attestieren, dass sie auf beide Anfragen mit zügigen Antworten reagierte. Inhaltlich war dem ganzen Hin- und Hergeschreibsel nicht viel mehr zu entnehmen als: Die TUI beobachtet die Situation durch die TUI-Reiseleiterorganisation vor Ort und macht sich ein eigenes Bild der Lage. Deren Erkenntnisse werden laut TUI auch an das AA weitergegeben. Und die Quintessenz der TUI-Recherchen vor Ort war, dass die Situation dort „weiterhin ruhig“ sei. Dennoch hieß es: Die TUI orientiert sich an den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes. Also in Kurzform: trotz der eigenen Erkenntnisse, Daumen runter, Ägypten 'zero'!

Sieben Fragen...

Und nun zum Auswärtigen Amt: Erst waren wir sprachlos, dann fragten wir uns, ob die uns vielleicht verarschen wollen und nun können wir diese Behörde eigentlich nur noch belächeln, denn warum sollte es dort anders laufen als in zahlreichen Deutschen Botschaften...?

Fragezeichen
Kurzum: Sieben klar formulierte Fragen hatten wir am 20. September an das Auswärtige Amt gesendet um dann gestern, nach vier Tagen, acht Zeilen heiße Luft zurück zu bekommen.
Eigentlich sollten wir diese dorthin geben, wo sie hingehören: in den Papierkorb. Aber vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen, einmal zu sehen, wie die Behörde so arbeitet, die den Tourismus in Ägypten fast komplett zum Erliegen gebracht hatte und wie mit kleinen bedeutungslosen Medien, die keine vier Versalien im Namen tragen, so umgegangen wird! Das nennen wir eine Beleidigung!

Also, die Bewertung der Sicherheitslage des AA stützt sich nach deren Aussage auf eine „Vielzahl von Informationen“. Auch auf denen der Touristiker, die feststellten, dass die Lage am Roten Meer vor, während und auch vier Wochen nach den letzten Unruhen in Kairo völlig ruhig sei (z.B. DER-Touristik). Und auf denen der TUI, die auch dem AA mitgeteilt wurden.
Wir wollten wissen, wie die Einschätzungen des AA zustande kommen, vielleicht hat man ja noch ganz andere, geheime Kanäle, vielleicht ja sogar V-Leute, die gegen eine kleine Apanage Gefährliches zu berichten wissen...? Die Hotels, mit denen wir zusammenarbeiten oder die Betreiber von Tauchbasen, die teilweise schon seit mehreren Jahrzehnten vor Ort sind und mit ägyptischen Mitarbeitern, ägyptischen Lieferanten und ägyptischen Behörden zusammenarbeiten, wurden unserem Kenntnisstand nach, nicht befragt oder gehört.

Wir bekamen vom Auswärtigen Amt nur leere Politikerfloskeln zur Antwort, die substanziell nichts beinhalteten, außer das, was seit Jahren litaneihaft dahergebetet wird!

Die Originalkommunikation mit dem Auswärtigen Amt:



Taucher.Net Fragen an das Auswärtige Amt mit der Bitte um Beantwortung vom 20.9.2013:

1. Wie beobachtet und wie bewertet das Auswärtige Amt (AA) die Situation in Ägypten? Hat es Mitarbeiter und Beobachter in ganz Ägypten?

2. Wie erklärt sich die unterschiedliche Bewertung der Situation in Ägypten, insbesondere in den Ferienregionen am Roten Meer, aus der Sicht des AA, einiger Reiseveranstalter und Airlines und vor allem der im Tourismus vor Ort tätigen deutschen Unternehmen?

3. Warum rät das AA „aufgrund der aktuellen Lage und der Unvorhersehbarkeit der Entwicklungen“ undifferenziert von Reisen nach  ganz Ägypten, also auch von den ruhigen Touristenregionen am Roten Meer ab, zählt aber differenziert das gesamte Gefährdungspotenzial  (Nordsinai, Luxor, Assuan, Nildelta) auf? Worin besteht der Unterschied in den Termini: „Wir raten ab“,  „Wir raten dringend ab“ und „Wir warnen“?

4. Warum wird der Ausnahmezustand zurzeit so besonders betont, wo er doch in den vergangenen Jahren der Regelfall war?

5. Wie bewertet das Auswärtige Amt die Rechtsfolgen seiner offiziellen Verlautbarungen? Sind es nur allgemeine, nicht bindende „Hinweise“ und „Indizien“ oder werden konkrete Handlungserwartungen mit den Verlautbarungen verknüpft.

6.Wie steht das AA zu der Tatsache, dass seine Verlautbarungen vielerorts als Begründung für Stornierung von Reise- und Beförderungsverträgen angeführt werden?
(z.B. TUI: „Da das Auswärtige Amt von Reisen nach Ägypten abrät... „)

7. Warum bewerten die AA's der Nachbarstaaten allesamt die Situation in Ägypten so unterschiedlich (Reisewarnug in A,CH,I, Teilreisewarnung in D, keine Einschränkung für Rotmeer-Region in GB) ?

Die Antwort des AA am 24.9.  11:17

Ihre Anfrage wird wie folgt beantwortet:

Das Auswärtige Amt stützt sich bei der Bewertung der Sicherheitslage in Ägypten auf eine Vielzahl von Informationen, die eine laufende gründliche Bewertung ermöglichen. Reise- und Sicherheitshinweise beruhen insgesamt auf den zum angegebenen Zeitpunkt verfügbaren und als vertrauenswürdig eingeschätzten Informationen des Auswärtigen Amts. Die Reise- und Sicherheitshinweise werden regelmäßig überprüft und aktualisiert.

Ziel der Reise - und Sicherheitshinweise ist es, deutsche Staatsangehörige bei der Entscheidung über eine mögliche Reise zu beraten und über etwaige Gefahren zu informieren.

Mit freundlichen Grüßen

--
Pressereferat
Auswärtiges Amt
Internet: www.diplo.de
Folgen Sie uns auf Twitter: @AuswaertigesAmt


Und um dem Ganzen noch die Krone der kompletten Verwirrung aufzusetzen, lauten die neuen Erkenntnisse nicht: Leute, entspannt euch, alles im Lot, auf geht’s ans Rote Meer zum Tauchen (eine solche Erkenntnis würden wir von Taucher.Net auch nicht kommunizieren wollen!) sondern, die Berliner Könige des Konjunktivs fügten dem allgemeinen Wirrwarr nun noch einen weiteren Begriff hinzu: Es wird nicht „gewarnt“, nicht „dringend abgeraten“, nicht einmal mehr „abgeraten“, sondern nun wird „zu besonderer Vorsicht geraten“. Die nächste Stufe dürfte dann in einigen Wochen wohl lauten: Es wird zur „Vorsicht geraten“ und am Ende wird vermutlich nur noch „geraten“...

Was heißt das nun für uns alle, es wird „zu besonderer Vorsicht geraten“? Das sagt genauso wenig aus, wie etwa: „Wie Sie sehen, sehen Sie gar nichts!“ Denn an der Lage in den Touristengebieten des Roten Meeres hat sich in den letzten Wochen rein gar nichts verändert.


Flugreise Ägypten
Mal Klartext: Die Briten hatten von Reisen nach Ägypten gar nicht abgeraten, sondern die sind weiterhin nach Ägypten in den Urlaub geflogen. Die Briten sind auch in dieser Hinsicht anders, als wir. Die wissen, dass sie damit ein gewisses Risiko eingehen und treffen ihre persönliche Entscheidung. Fertig. Das aber scheint in Deutschland anders zu sein, denn der deutsche Durchschnitts-Pauschaltourist will Sicherheit! Und zwar nicht nur in der Frage ob die gebuchte Leistung auch haargenau bis ins Detail so, und zwar genauso, erbracht wird, sondern er will auch einen Urlaubsairbag für den Fall der Fälle! Und weil das so ist, eiert das Auswärtige Amt herum um mit seinen Verlautbarungen ja keine Angriffsfläche im Falle einer „terroristischen Ruhestörung“ zu bieten. Und Reisekonzerne wie die TUI schließen sich dieser Haltung gern an, denn dann kann man sich später leichter im Schatten der Empfehlungen des Auswärtigen Amtes exkulpieren. Fakt aber war und ist: In den Touristenregionen des Roten Meeres ist es völlig ruhig. Zurzeit ist unser Kollege Hans Schach für uns vor Ort am Roten Meer unterwegs und analysiert die Lage hautnah noch einmal für uns und euch (wir werden unsere Erkenntnisse dem AA nicht zur Verfügung stellen ;-) ).

Niemand kann vorhersagen wie Ägypten sich in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten entwickelt. Das wissen wir ja nicht einmal von Deutschland... Wir alle wünschen uns für Ägypten eine ruhige und friedliche Zukunft und einen offenen Dialog, der alle Parteien und auch die Minderheiten auf einen gemeinsamen demokratischen Weg der Aussöhnung führt.

Und wir Taucherinnen und Taucher? Jeder sollte selbst entscheiden, welche Risiken er eingehen will. Wer Angst oder Zweifel hat, soll halt Daheim bleiben und kann dann nach Hemmoor zum Tauchen fahren. Aber Vorsicht! Die zahlreichen Kreuze an der B73 zeigen, dass das auch nicht ganz ungefährlich ist...


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