"Tiefster Deutscher" bleibt Minentaucher

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27.11.2008 18:04
Kategorie: News
Minentaucher kontrollieren ihre Ausrüstung - Detlef Struckhof
Minentaucher kontrollieren ihre Ausrüstung
vor einem Tauchgang in der Ostsee. Sie fahren mit
dem Landungsboot "Schlei" ins Übungsgebiet.
"Das ist kein Geschenk heute", sagt ein Minentaucher, als er an Bord des Landungsbootes Schlei steigt, bevor er auf die Ostsee hinausfährt. Den Soldaten im Marinestützpunkt Eckernförde bläst Mitte November der Wind mit Windstärke fünf bis sieben kräftig in die Gesichter. Dauernieselregen durchnässt ihre Uniformen. Doch das hält Minentaucher nicht davon ab, ihre nicht alltägliche Arbeit zu verrichten. Sprengungen und Flachwassertauchen stehen auf dem Dienstplan. Die Männer klagen nicht über widriges Wetter, denn: im Einsatz und im Notfall müssen sie auch bei jedem Wetter ran.

15 Monate Ausbildung liegen vor Güldner
Einer von den 20 Spezialisten an Bord der Schlei ist Andreas Güldner: Der Obermaat ist der derzeitige deutsche Rekordhalter im Apnoetauchen. Im zurückliegenden Sommer ist er nur mit Flossen und ohne Atemgerät 71 Meter tief ins Rote Meer abgetaucht (siehe DiveInside News vom 15.8.08).
Seitdem sagt er von sich selber: "Ich bin der tiefste Deutsche." Nach dem Erfolg hat sich das Leben von Güldner kaum verändert. Er hat bei den Minentauchern seine berufliche Heimat und Zufriedenheit gefunden. Sein Ziel: Bootsmann. Deshalb wird er zum Kampfmittelbeseitiger ausgebildet. Das sind Meister ihres Fachs. Sie können Minen, Bomben und Sprengsätze entschärfen. Der 22-jährige Güldner hat sich dazu für 12 Jahre verpflichtet. Im Dezember geht es zunächst an die Marineunteroffizierschule. Dort wird Güldner vier Monate lang zum militärischen Vorgesetzten ausgebildet. Menschenführung, Recht und militärische Ausbildung stehen auf dem Lehrplan. Anschließend geht es weiter zum elfmonatigen Feuerwerker- und Kampfmittelbeseitigerlehrgang. Zum Abschluss warten auf ihn Einsätze zu Lande und unter Wasser. Er lokalisiert dann Seeminen, identifiziert und beseitigt sie.

PETN-

Plastiksprengstoff wird vorbereitet - Detlef Struckhof
Obermaat Andreas Güldner (rechts) bindet
zusammen mit Minentaucherkameraden
PETN-Plastiksprengstoff zu 7,5-kg Paketen.
Plastiksprengstoff ist wie Knetmasse
Das nasskalte Novemberwetter ist heute auch für Güldner kein Zuckerschlecken, denn das Landungsboot hat unter Deck nicht viel Platz. Die Vorbereitungen fürs Sprengen müssen ohnehin auf dem offenen Ladedeck des Bootes verrichtet werden. Mit einem Messer schneidet er den rosafarbenen Plastiksprengstoff. "Das ist völlig ungefährlich und sicher in der Handhabung", betont Güldner selbstsicher, "erst mit der Sprengkapsel kann die 6,5-Kilogramm-Ladung, die ich hier zu einem Paket schnüre, gezündet werden." Mit Plastikfolie, Textilklebeband und Packband formt er aus der knetfähigen Masse handliche Sprengladungen. Der Regen hat seine schwarze Wollmütze mittlerweile völlig aufgeweicht. An das Landungsboot schlagen derweil ein Meter hohe Wellen - das kiellose 40-Meter-Boot schaukelt hin und her. Was motiviert die Männer, das auf sich zu nehmen?
Sie wollen ihre Minentaucherlizenz erhalten. Dazu müssen sie einmal jährlich einen Tauchgang mit Sprengung absolvieren. Der Lohn dafür: € 184,07 monatliche Bruttozulage. Bei Auslandseinsätzen oder Bordverwendungen kommen weitere variable Geldleistungen hinzu. Vor allem ist es aber der Stolz, zu einer besonderen Truppe der Bundeswehr zu gehören. Als äußeres Zeichen tragen die Minentaucher an ihrer Uniform das Minentaucherabzeichen über der rechten Brust. Das bringt vor allem Anerkennung bei Soldaten im In- und Ausland.

Andreas Güldner vor seinem Tauchgang - Detlef Struckhof
Obermaat Andreas Güldner vor seinem
Tauchgang auf dem Landungsboot "Schlei"
Ziel: Eigenen Rekord brechen
Über Güldners Tauchrekord wurde in den vergangenen Monaten bundesweit viel in den Medien berichtet. Der Franke hat sich zu einem Aushängeschild der Minentaucher entwickelt. Und solche Männer braucht die Spezialistentruppe der Marine. Denn nur wenige schaffen das harte Auswahlverfahren. Zurzeit gibt es in der Minentaucherkompanie rund 50 Männer - keine einzige Frau ist darunter. Der Bedarf der Marine an diesen elitären Soldaten ist wesentlich größer. Das liegt an den erweiterten Aufgaben der Bundeswehr mit ihren Auslandseinsätzen.

Beruf ist auch sein Hobby
Obermaat Güldner ist der erste, der ins neun Grad kalte Wasser steigt. Er trägt einen schwarzen Vollkörper-Taucheranzug. An den Armen ist die deutsche Flagge als Hoheitszeichen angebracht. Dadurch wird der Taucheranzug zur Uniform. Auf seinem Rücken trägt er das Dräger-Tauchgerät LAR 7 - das Lungenautomatische Respirationsgerät Modell 7. Der Inhalt der beiden Flaschen: ein Gemisch aus 40 Prozent Stickstoff und 60 Prozent Sauerstoff. "Damit können wir bis zu 24 Meter tief tauchen", sagt Güldner. Jetzt lauscht er den Belehrungen des Ausbildungsleiters. Kein Wagnis soll eingegangen werden. Bei auftretenden Problemen sollen vereinbarte Signale mit einer Leine gegeben werden. Für Notfälle stehen Kameraden bereit, die mit einem Schlauchboot im Hafenbecken fahren. Güldner konzentriert sich. Er geht auf Schwimmflossen die zehn Meter bis zur Rampe des Mehrzwecklandungsbootes. Kurze Pause. Er springt und taucht. Nur ein etwa ein Meter langer gelber Kunststoffschwimmer bleibt an der Wasseroberfläche zu sehen - verbunden mit der Sicherheitsleine.

Güldner geht seinem Beruf nach, der gleichzeitig sein Hobby geblieben ist. Dieser Beruf wird ihn bald überall hinbringen - vor den Libanon oder sogar nach Afghanistan - aber im Dezember erst einmal nach Plön an die Marineunteroffizierschule.