10 Steinzeitsiedlungen im Ruegener Boddengewaesser entdeckt

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22.05.2003 18:10
Kategorie: News
Quelle: dpa

Breege - Die Taucher fischten im Trüben: Sichtweiten zwischen 30 Zentimetern und einem Meter in den Rügenschen Boddengewässern behinderten seit Anfang Mai die Arbeit der Tauchcrew um Archäologe Harald Lübke.

Systematisch tauchten sie Untiefen im Großen Jasmunder und Breetzer Bodden ab, tasteten sich über den Boden - und stießen in rund zwei Metern Wassertiefe auf bisher unvorstellbare versunkene steinzeitliche Welten. «Wir hatten eine leise Hoffnung auf Funde. Doch dass wir in zehn Tagen auf zehn Steinzeit-Siedlungen stoßen, haben wir nicht erwartet», sagt Harald Lübke in Breege.
Bei den Entdeckungen handelt es sich nach Worten Lübkes um die ersten Unterwasserfundstellen auf Rügen. Zwar seien seit 1900 wenige steinzeitliche Funde unter anderem bei Ralswiek und Lietzow gesichtet worden, die Unterwasserwelt der Insel birgt aber offenbar weitaus interessantere Entdeckungen. Als Beweis ihrer Funde haben die Archäologen Kernbeile, Pfeilspitzen und Pfeilschneiden vom Meeresgrund an das Tageslicht geholt. «Wir hoffen auf weitere spektakuläre Funde», sagt Lübke.
Die Siedlungen stammen aus der Zeit der so genannten Erteboelle- Kultur zwischen 6000 bis 4000 vor Christus und haben Ausmaße von 20 bis mehreren hundert Metern Länge, erklärt Lübke kurz vor Abschluss der Sondierungstauchgänge auf Rügen.
Die neuen Funde in den Rügenschen Boddengewässern vervollständigen das Bild der Forscher über steinzeitliche Siedlungen an der Ostseeküste. Bisher galt die Wismarbucht mit insgesamt siebzehn steinzeitlichen Fundstellen als Siedlungsschwerpunkt. Die Region um Rügen birgt offenbar ebenbürtige Funde. Neben den Unterwasserfunden hatten die Forscher vor einem Jahr bereits einen Sensationsfund vor Stralsund gemacht: Gut erhaltene, rund 6000 Jahre alte Einbäume aus der Steinzeit.
Offenbar gab es auch auf Rügen gute Lebensbedingungen für die Jäger-und-Sammler-Kultur, sagt Lübke. Nach den Erkenntnissen des Greifswalder Küstengeographen Reinhard Lampe lagen die gefundenen Siedlungen an der Außenküste Rügens. Schwellen im Meeresgrund hätten die Buchten weitestgehend vor Witterungsunbilden geschützt, sagt Lampe. Nach den Untersuchungen der Greifswalder Forscher lag der Meeresspiegel um Rügen zu dieser Zeit rund zwei bis zweieinhalb Meter tiefer als heute. «Die Ergebnisse der Archäologen bestätigen diese Annahme», sagt Lampe.
Unklar für die Archäologen ist bis heute, warum die relativ hoch entwickelte, ökonomisch stabile Erteboelle-Kultur um 4100 vor Christus fast schlagartig an der Ostseeküste verschwand. Weitere fachübergreifende Untersuchungen von Archäologen und Geographen im so genannten SINCOS-Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft sollen dazu neue Erkenntnisse bringen.
Die Sondierungs-Tauchgänge auf den Rügenschen Boddengewässern sollen am Sonntag abgeschlossen werden. In wenigen Monaten rücken die Archäologen dann mit Saugern und Netzgerüsten an. «Wir wollen im Herbst mit systematischen Grabungen an den markierten und vermessenen Fundstellen beginnen», kündigt Lübke an. Große Hoffnungen setzen die Forscher auf mögliche organische Funde, wie Tierknochen, Holzgeräte und ausgefeilte Fischfanggeräte. Sie sollen helfen, die Rätsel über das Leben und den schnellen Untergang der Erteboelle-Kultur im südlichen Ostseeraum zu lösen.