21.09.2008 17:31
Kategorie: News
Kategorie: News
Der Torpedo im Starnberger See
Starnberg: Am vergangenen Mittwochabend gegen 19.30 Uhr sprengten Spezialisten einen Torpedokopf im Starnberger See. DiveInside hat mit dem Finder des Torpedos - Lino von Gartzen - gesprochen. Hier die ausführliche Geschichte über den Fund, die Identifizierung (siehe auch Hintergründe zum Torpedo) und die spätere Sprengung.
|
|
(Klick zum Vergössern) © Lino von Gartzen |
Die Bilder zeigten Details, die dafür sprachen, das das "Ding" etwas mit druckdichten Verbindungen zu tun haben müsste, meine ersten Vermutung ging deshalb damals in die Richtung Gastank oder alter Druckkessel. Die Bilder landeten in einem "WasAuchImmer" Ordner.
Wer öfter in den Bayrischen Seen in der Nähe von bewohnten Gebieten taucht, weiß, wie viel an verschiedenstem Schrott aus den letzten Jahrhunderten im See versenkt wurde. Seeschlachten wurden dagegen auf dem Starnberger See niemals ausgefochten; der erste Verdacht, es könnte sich um den Teil eines Torpedos, präziser den Gefechtskopf handeln, kam erst im Sommer dieses Jahres auf. Bei einem Gespräch mit Oliver Meise (einem befreundeten Taucher und Forscher), der sich auf Marine Historik spezialisiert hat, tauschten wir uns über unsere aktuellen und alten Forschungsprojekte aus. Ich hatte ihm dabei auch von der Leichenbergung und in diesem Zusammenhang auch von dem seltsamen, unbekannten Fund erzählt. Nachdem ich ihm einige Details beschrieben hatte, kam die Antwort: Vielleicht ist es ja ein Segment eines Torpedos, diese haben eine ähnliche Form und einen Durchmesser von 53 cm. Auch die Details, die auf druckdichte Verbindungen hindeuteten, wärensomit geklärt. Oliver schickte mir darauf technische Zeichnungen. Tatsächlich, viele Details konnten im Abgleich mit den Photos den Verdacht erhärten: Wie auch immer das in den Wirren des 2. Weltkriegs geschehen sein mag, ein Torpedoteil hat sich in den Starnberger See verirrt. Die rote Farbe würde auf einen vermutlich ungefährlichen Übungstorpedo hinweisen, von Tests im Starnberger See war aber nichts bekannt. Ein scharfer Torpedo dieses Typs könnte in seinem Gefechtskopf jedoch bis zu 300 kg Sprengstoff haben und diese Sprengkraft stellt natürlich eine gewisse Bedrohung dar. Die Gefährdung bestand aus meiner Sicht weniger für Taucher, da diese Stelle normalerweise sonst nie betaucht wird, ankernde Yachten könnten aber eventuell eine Explosion auslösen, die ursprünglich dazu bestimmt war, große Fracht- oder Kriegsschiffe zu versenken.
|
|
(Klick zum Vergrößern) - © Lino von Gartzen |
|
|
(Klick zum Vergrößern) - © Marcus Thier |
Ob er nun ungefährlich, nur "Übungs-scharf" (20 kg) oder Gefechtsklar (300 kg) war, konnte aber nicht mit Sicherheit bestimmt werden, daher wurde beschlossen, den Torpedo aus Sicherheitsgründen unschädlich zu machen. Dies bedeutete in diesem Fall eine aufwendige Sprengung vor Ort und Unterwasser. Der Termin dazu wurde für den Mittwoch, 17.09.2008 festgelegt und ich wurde nachdrücklich gebeten, in den Tagen bis zur erfolgreichen Sprengung keine Informationen zu publizieren.
|
|
(Klick zum Vergrössern) - © Lino von Gartzen |
Die Sprengung war aber für 15:00h, die Pressekonferenz für 17:00h geplant, und ich wurde von der Einsatzleitung gebeten, die Taucher vor Ort zu unterstützen, allerdings nur Überwasser vom Boot aus. Der Seegrund ist an dieser Stelle sehr eben und einheitlich, in der näheren Umgebung des Torpedos gab es neben der Tiefe nur zwei unscheinbare Orientierungshilfen. Über die Sprechverbindung hatte ich dann versucht, bei einem Tauchgang den Taucher anhand dieser Punkte und seiner Beschreibung der gesichteten Gegenstände zum Fundort zu leiten.
|
|
(Klick zum Vergrössern) - © Lino von Gartzen |
Bei der eingesetzten Menge von 7,5 kg Sprengstoff und dieser Wassertiefe war gar keine sichtbare Wassersäule erwartet worden. Aufgrund der Höhe der Wassersäule wird daher angenommen, dass der Torpedogefechtskopf scharf war und mit mindestens 20 kg Explosivstoff gefüllt war. Dies wurde mir heute auch von anderer Seite bestätigt, die Sprengkraft könnte demnach sogar noch deutlich höher gewesen sein.
Die Meldung des Fundes aufgrund eines fundierten Verdachtes und die daraufhin von den Behörden eingeleiteten umfangreichen Maßnahmen wie die Sperrung des Sees und die Sprengung des Torpedos waren aus meiner Sicht aufgrund der potentiellen Gefahr mehr als gerechtfertigt. Das war das Ende der Torpedos, wie er aber überhaupt in den See gekommen sein mag, bleibt vorläufig ungeklärt.




